Das Märchen vom tapferen Schneiderlein in der Wirtschaftskrise

Hubert ist Maßschneider für ein feines Publikum distinguierter Herren, die gediegene Handarbeit bei Anzügen zu schätzen wissen. Viele seiner Kunden kommen aus der Finanzwelt.

So auch Wilhelm, der alle Höhenflüge und Abstürze der Börsen in den letzten Jahren als selbständiger Broker mitgemacht hat. Die immer dramatischeren Berichte in den Medien über die Gefahren für den Euro machen dem Schneidermeister Hubert Angst um sein Erspartes. Bei einer Anprobe fragt er Wilhelm daher ganz beiläufig, was er ihm rate, mit seinem Geld zu machen, damit er wieder ruhig schlafen könne.

Wilhelm, der Broker, antwortet: „Wann hat Ihre Frau Sie das letzte Mal gefragt, ob Sie nicht endlich gemeinsam eine längere Kreuzfahrt auf einem wirklich schönen Schiff machen sollten, natürlich mit Außenkabine und allem Luxus?“

Hubert, der Schneider: „Ich glaube, so vor zwei Monaten.“

Wilhelm: „Und was haben Sie Ihrer Frau geantwortet?“

Hubert: „Dass das in Zeiten wie diesen überhaupt nicht infrage kommt, weil wir ja unser Geld zusammenhalten müssen.“

Wilhelm: „So, jetzt gebe ich einen Rat. Weder ich noch irgendwer auf der Welt kann Ihnen sagen, ob es den Euro, den Dollar oder den Schweizer Franken in fünf Jahren noch gibt oder womit wir dann zahlen werden. Holen Sie Ihre eiserne Notreserve in Bargeld aus Ihrem Versteck unter der Matratze, und machen Sie eine traumhafte Kreuzfahrt mit Ihrer Frau. Sie wird Ihnen dankbar sein, und diese Reise wird Ihnen in Zukunft niemand mehr wegnehmen können – auch kein Finanzminister, der Ihnen mit tränenerstickter Stimme im Fernsehen erklären wird, dass Ihr ganzes Geld zumindest kurzfristig nichts mehr wert ist, bevor die energischen Sicherungsmaßnahmen greifen.“

Hubert: „Aber wenn unser Geld nichts mehr wert sein sollte, dann wäre es doch besser, über kleine Goldmünzen zu verfügen, damit ich für meine Familie wenigstens Brot eintauschen kann. Das macht zumindest der Bäcker auf der anderen Seite der Straße, mit dem ich vor kurzem darüber gesprochen habe.“

Wilhelm: „Gut, dann stellen wir uns vor, das Geld ist völlig wertlos, und Sie sind einer von ein paar Menschen auf der Straße, die verzweifelt versuchen, dafür etwas Essbares einzutauschen. Sie werden nicht allein auf der Straße sein – und die Wahrscheinlichkeit, dass Sie von einem Unbekannten ganz schnell mit einem Messer dazu überredet werden, Ihre Goldmünzen gegen Ihr Leben einzutauschen, wird wesentlich größer sein, als dass Sie etwas zu essen dafür bekommen. Wenn Sie also totaler Pessimist sind und an den völligen Zusammenbruch glauben, dann kaufen Sie sich einen Revolver, und lernen Sie schießen. Wenn Sie raffiniert sein wollen, dann holen Sie Ihr ganzes Geld von der Bank ab und kaufen dem Bäcker zu einem unverschämt hohen Preis seine Bäckerei ab. Er wird hocherfreut damit sofort zur Bank laufen, um dafür Goldmünzen zu kaufen.“

Hubert: „Aber dann ist ja mein ganzes Geld weg.“

Wilhelm: „Trauern Sie Ihrem Geld keine Sekunde nach, Sie werden es zurückbekommen, und zwar in Goldmünzen. Wenn die Krise tatsächlich ausbricht, dann wird sich der Bäcker in einer langen Schlange vor seiner ehemaligen Bäckerei anstellen und hoffen, dass Sie ihm zwei Laibe Brot für eine Hand voll Goldmünzen verkaufen. Haben Sie alles verstanden?“

In Huberts Gehirn bilden sich auf einmal Synapsen mit völlig unbekannten Verbindungen. Nach einer langen, langen Pause stellt er noch eine letzte Frage: „Warum arbeiten Sie eigentlich weiter? Broker wird es doch dann in der Zukunft nicht mehr geben.“

Wilhelm ist in der Zwischenzeit wieder in seinen alten Anzug geschlüpft und antwortet mit klarer Stimme: „Natürlich weiß ich, dass das alles so nicht mehr weitergehen kann. Aber es wird noch eine Weile gehen, mit Angst lässt sich besonders gut verdienen, weil sie die Gehirne der Menschen schrumpfen lässt. Gold und Silber für die besonders Schlauen. Grundstücke, die in der Krise völlig unbrauchbar werden, für die Gewieften. Optionen auf fallende Kurse für die Kriegsgewinnler. Todsichere Regierungsanleihen für die besonders Dummen, die sie dann zu den vergilbten Kriegsanleihen ihrer Großeltern legen können. Ich bin jetzt nur noch drei bis vier Stunden am Tag im Büro, und am Nachmittag besuche ich gemeinsam mit meiner Frau einen Kurs für Gemüse- und Obstanbau. Am Wochenende üben wir dann in unserem Garten.“

„Und“, sagt Wilhelm zum tapferen Schneiderlein tröstend, „sollten Sie sich jemals beruflich verändern wollen, steht Ihnen unser Haus immer offen. Wir haben so viele Kleider in unserer Garderobe, dass wir damit bis an unser Lebensende auskommen. Aber einen guten Änderungsschneider werden wir immer brauchen, Sie wissen ja, wenn man viel Obst und Gemüse isst, dann nimmt man ab. Ich komme dann nächste Woche den Anzug abholen. Auf Wiedersehen.“

- Andreas Salcher
Bestsellerautor, Management- und Politikberater

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