Das Leid der Makler und Buchhalter

Das Leid der Makler und Buchhalter

Noch betrifft Arbeitslosigkeit vor allem die Minderqualifizierten. Aber die digitale Revolution wird künftig viele Mittelschichtjobs vernichten.

Vor eineinhalb Jahren kaufte Facebook den ­Digitaldienst Instagram, mit dem sich Fotos erstellen, bearbeiten und versenden lassen. Ungefähr 600 Millionen Euro war der Preis für ein Unternehmen mit damals 30 Millionen Kunden – und ganzen 13 Mitarbeitern! Der Kodak-Konzern, der früher das weltweite Foto-Business beherrschte, beschäftigte bis zu 145.000 Menschen; hatte aber kurz davor Insolvenz angemeldet. Okay, Instagram und Kodak sind nicht direkt vergleichbar, die Mitarbeiter-Relation spricht trotzdem Bände.

Die Arbeitslosigkeit in Österreich hat im Jänner den zweithöchsten Wert seit 1945 erreicht (7,6 Prozent). In den Debatten darüber kommt erstaunlicherweise eines selten zur Sprache: Die digitale Revolution frisst weltweit Abermillionen herkömmlicher Arbeitsplätze. Sie trifft Briefzusteller und ­Sekretärinnen genauso wie Angestellte in Banken, Airline-Ticketbüros und Buchhandlungen – oder auch Journalisten. Laut einer Studie von Oxford-Wissenschaftern sollen in den USA 47 Prozent aller heute bestehenden Jobs in den nächsten 20 Jahren wegfallen, weil sie von digitalen Maschinen erledigt werden. In Europa wird es nicht viel anders laufen.

Im Unterschied zu früheren Tagen sind es nicht mehr vor allem mechanische Tätigkeiten, die automatisiert werden, Maschinen werden immer stärker die klassischen Jobs der Mittelschicht erobern. Laut der Oxford-Studie gehören etwa Immobilienmakler, Buchhalter und Verkäufer im Einzelhandel zu jenen Gruppen, die sich die größte Sorge um ­ihren Arbeitsplatz machen müssen. Sogar Anwälte sind nicht außen vor, weil noch stärkere und besser vernetzte Prozessoren legistische Routinetätigkeiten übernehmen werden. Diesmal ist auch und vor allem der Dienstleistungssektor dran.

Die Politik hat den Arbeitsmarkt ganz oben auf der Agenda. Aber dem zu erwartenden Wandel durch die Digitalisierung werden ihre Programme nicht gerecht. Weder in Österreich noch sonst wo in Europa. Lehrstellengarantien, Investitionen in Eisenbahntunnels oder AMS-Schulungen mögen mehr oder weniger effiziente Maßnahmen sein. Der Kern des Problems liegt jedoch viel tiefer.

Die Folgen sind bereits unübersehbar: Der Anteil der Arbeit am Volkseinkommen ist hierzulande in den letzten 15 Jahren von 76 auf 67 Prozent gesunken. Ähnlich sehen die Relationen weltweit aus. Die Vorteile aus der steigenden Produktivität kommen verstärkt Kapitaleigentümern und Spitzenkräften zugute. Weniger der Neoliberalismus, wie uns etwa Gewerkschafter glauben machen ­wollen, führt zu unausgewogener Verteilung, ­sondern der massive Technologieschub.

Ein Blick in die Geschichte könnte optimistisch stimmen. Vielleicht stottert der Motor ja nur vorübergehend, um aber – wie noch jede ökonomische Revolution – zu steigenden Löhnen zu führen, die Nachfrage nach neuen Produkten und Dienstleistungen erzeugen. Und alles kommt wieder ins Lot.

Skepsis ist allerdings angebracht. Denn kaufkraftbereinigt sind die Löhne in Europa und den USA während der letzen Dekade kaum mehr ­gestiegen – kein Zuversicht erweckendes Signal. Die Digitalisierung des Lebens könnte letztlich mehr Jobs vernichten als sie neue schafft. Und selbst wenn sich auf längere Sicht die Lage entspannt, muss die Politik langsam nachdenken, was sie in der Zwischenzeit den Verwerfungen entgegensetzt.

Wenn Technologie die Produktivität erhöht und wir für den gleichen Output weniger Zeit aufwenden müssen, ist das ja eine wunderbare Sache. Aber wie man die Zuwächse halbwegs gleichmäßig verteilt, stellt Regierungen vor größere Probleme als in der Vergangenheit (weil insgesamt das Wachstum fehlt). Arbeitszeitverkürzung nach altbewährten Mustern klingt verlockend, ist aber zu simpel.

Der tiefgreifende Wandel der Arbeitswelt wird es auch notwendig machen, die Sozialsysteme völlig neu aufzustellen. Das ist ebenfalls sehr schwierig, aber ohne Zweifel unausweichlich: Fast nur auf klassische, unselbstständige Erwerbstätigkeit ­aufgebaute Strukturen werden so nicht mehr lange funktio­nieren. Die Ratlosigkeit, wie mit den immer zahlreicheren Ein-Personen-Unternehmen umzugehen ist, zeugt von den Systemfehlern.

Selbstverständlich ist Bildung die beste Strategie. Ohne permanente Höherqualifizierung, die schon in der Vorschule beginnt, wird kein europäisches Land seinen Standard halten. Aber das ist nur die Grundvoraussetzung, die keine ernsthafte Analyse ersetzt, wie der Verlust von Millionen Mittelschichtjobs am leichtesten verkraftet werden kann.

- Andreas Lampl

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