Das Hitler-Merkel-Trauma Europas

So paradox das für uns klingt: Mutmaßlich kann nur eine große Koalition aus CDU und SPD in Deutschland die europäische Spaltung verhindern.

Das Hitler-Merkel-Trauma Europas

Zypern ist also gerettet, die Karawane erschöpfter europäischer Politiker nach Hause gefahren. Man sieht sich ja bald wieder. In Slowenien vielleicht, oder auf Malta. Jetzt läuft der EU-Krisenmodus ein Weilchen auf Standby, wie schon so oft seit 2008.

Doch halt, irgendetwas ist anders seit den dramatischen Brüsseler Nachtstunden, als der zyprische Finanzminister "mit der Pistole am Kopf“, wie der maltesische Amtskollege verschreckt berichtete, dem Sanierungspaket zustimmen musste.

Nicht nur die Geretteten haben das Spardiktat satt, auch im wichtigsten Geberland der Union, in Deutschland, beginnt die Stimmung zu drehen. Zentrale Frage: Bröckelt bei den deutschen Eliten in Politik, Wirtschaft und auch Medien ein halbes Jahr vor der Bundestagswahl der Konsens, die Eurozone mit allen Mitteln zu verteidigen? Bisher hat Europas stärkste Volkswirtschaft 340 Milliarden Euro für die armen Verwandten gegeben, mit Haftungen sogar eine Billion.

Klar, kein deutsches Regierungsmitglied oder gar die Kanzlerin wird das Wort von einem möglichen Zerfall der Euro-Zone in den Mund nehmen. Noch sind es nur rotzige Zitate, wie das eines Finanz-Staatsekretärs, wonach Deutschland eben wisse, wie es geht und andere Länder sich endlich zusammenreißen sollte. Angela Merkel, die Krisengestählte, denkt keine Sekunde daran, aus ihrer Rolle zu fallen: "Ich empfinde es im Grunde als Glücksfall für Europa, dass wir helfen können, weil wir unsere Reformen zu Hause schon angepackt haben.“

Doch die dämlichen Hitler-Merkel-Vergleiche, die auf den Straßen der südlichen Peripherie Europas gerade so populär sind, verfehlen in Berlin ihre Wirkung nicht. Einem der wichtigsten Meinungsmacher, "stern“-Kommentator Hans-Ulrich Jörges, platzte vergangene Woche der Kragen. "Raus aus Europa, Briten und Zyprer“ titelte er "im Zorn“.

Jörges, linksliberal, bestens vernetzt in den Schaltzentralen der Macht: "Ich bin es leid. Ich schlage mich für Europa. Ich will den Euro. Aber ich will das Europa, das wir heute haben (...) auch nicht um jeden Preis erhalten. Ich mag nicht mehr (...) als Nazi beschimpft werden. Ich ertrage es nicht länger, dass unsere Kanzlerin als Wiedergängerin Adolf Hitlers geschmäht wird.“ Nicht Deutschland habe die EU an den Rand des Abgrunds geführt, sondern der "Kasinokapitalismus in London und die Steuerflucht in Nikosia“. Starker Tobak, der eine aufkeimende Stimmungslage trifft. Im Wahlkampf könnte daraus auch giftiges Gebräu entstehen - selbst im heute so zivilisierten Deutschland.

Wer Fakten genauer ansieht, kommt zum Schluss, dass nach der Zypern-Rettung "nur noch beten hilft“ ("Wirtschaftswoche“): Penibel wird vorgerechnet, wie die Euro-Rettungen den deutschen - somit auch den heimischen - Wohlstand gefährden. Schleichende Enteignung der Sparer durch negative Realzinsen; steigende Lohnstückkosten, die in verringerter Wettbewerbsfähigkeit münden; Flucht ins Eigenheim, explodierende Immopreise. Pessimistische Ökonomen sehen Deutschland heute sogar dort, wo Spanien vor zehn Jahren war: Am Beginn einer gewaltigen Blase.

Nie war die EU weiter von ihrem Leitmotiv entfernt: "In Vielfalt geeint.“ Zentrifugale Kräfte nehmen zu, überwunden geglaubte Ressentiments auch. Hiobsbotschaften reißen nicht ab: Die Euro-zone wird von einer Rekordarbeitslosigkeit von zwölf Prozent geplagt, in Griechenland und Spanien sind schon fast 60 Prozent der Jugendlichen ohne Job. Nachhaltiges Wachstum ist nicht in Sicht.

Die Rolle des Buhmanns für diese Malaise kommt Deutschland zu, auch wenn zuvorderst nationale Regierungen in den Krisenländern dafür verantwortlich sind. Das offizielle Merkel-Deutschland erträgt die Schmähungen gelassen. Die drei wesentlichen Parteien, CDU, SPD und Grüne, laufen nicht Gefahr, von ihrem pro-europäischen Einigungskurs abzukommen. Eine neue Anti-Euro-Partei von Professoren hat wenig Zulauf.

Und siegt die Vernunft - wonach es aussieht - wird ab Herbst in Deutschland eine große Koalition aus CDU/CSU und SPD regieren.

So paradox das mit hiesigen Erfahrungen klingt: Nur ein Merkel/Steinbrück-Kabinett wird die Kraft aufbringen, einen für Europa verträglichen Mix aus Sparen und staatlichen Stimulantia für Wachstum zu finden und den sozialen Sprengstoff samt Hitler-Merkel-Trauma im Süden zu entschärfen. Der SPD obläge es überdies, Frankreichs Francois Hollande, der mit Merkel so gar nicht kann, wieder an Bord zu holen und die stärkste EU-Achse neu zu beleben.

Fest steht jedenfalls: Bis zur Deutschland-Wahl befinden sich auch die EU-Reformen auf Standby.

- Andreas Weber

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