Das größte wirtschaftspolitische Experiment der Gegenwart

Das größte wirtschaftspolitische Experiment der Gegenwart

Seit Beginn der Krise haben die Zentralbanken zusätzlich 10.000 Milliarden Dollar in Umlauf gebracht. Aber die extrem lockere Geldpolitik verliert an Wirksamkeit.

Seit 2008 sind wir Zeugen des größten wirtschaftspolitischen Experiments der jüngeren Geschichte. Die wichtigsten Zentralbanken der Welt halten die Leitzinsen ganz niedrig und fluten unsere Volkswirtschaften mit Geld.

Seit Beginn der Finanz- und Wirtschaftskrise haben die Zentralbanken in Europa, Nordamerika und Japan zusätzlich 10.000 Milliarden US-Dollar - das sind 8.000 Milliarden Euro - zusätzlich in Umlauf gebracht. Die Zentralbanken verliehen einen Teil dieses frischen Geldes an Geschäftsbanken. Ein anderer Teil ging direkt oder indirekt an Staaten. Denn anders als früher kaufen die Notenbanken nun auch Staatsanleihen. Dadurch wuchsen die Bilanzsummen der Zentralbanken. Heute macht die Bilanzsumme der US-Notenbank rund 3.700 Mrd. Dollar aus. Jene der Europäischen Zentralbank liegt immerhin noch bei 2.550 Mrd. Euro.

Am aggressivsten ging die Schweizer Nationalbank vor. Ihre Bilanzsumme wuchs zwischen 2008 und 2013 um fast 500 Prozent. Auf dem Höhepunkt der Krise kaufte die SNB der Schweizer Großbank UBS in großem Stil problematische Assets ab. Und sie verkaufte beinahe unlimitiert Schweizer Franken gegen andere Währungen, um den Höhenflug des Franken zu stoppen. 2013 macht die Bilanzsumme der Schweizer Nationalbank bereits 84 Prozent der volkswirtschaftlichen Leistung der Schweizer aus.

An zweiter Stelle liegt die US-Notenbank. Seit 2008 wuchs die Bilanzsumme der FED um fast 300 Prozent.

Die Bilanzsumme von Chinas Zentralbank hat sich seit 2008 verdreifacht. Sie macht 2013 etwas mehr als die Hälfte des chinesischen BIP aus. Im Vergleich dazu ist die Bilanz der Europäischen Zentralbank mit plus 118 Prozent bloß doppelt so groß wie 2008. Und gemessen an der Wirtschaftsleistung macht sie "bloߓ ein Viertel des BIP der Eurozone aus.

Im Gegensatz zur US-Notenbank FED und zur EZB betreibt die Bank of Japan schon seit vielen Jahren eine expansive Geldpolitik. Vor diesem Hintergrund fiel die Expansion der Bilanzsumme mit 89 Prozent (2008-2013) fast "bescheiden“ aus. Dies soll sich in den kommenden Jahren jedoch deutlich ändern. Denn die Bank of Japan beabsichtigt, ihre Bilanzsumme von derzeit unter 40 Prozent des japanischen BIP auf mindestens 60 Prozent zu erhöhen.

Grundsätzlich haben die Zentralbanken 2007/2008 auf die Krise sehr schnell reagiert und Geschäftsbanken, Staaten und Teile der Realwirtschaft massiv mit frischem Geld versorgt. Anfangs ging es darum, die Fehler der Weltwirtschaftskrise ab 1930 nicht zu wiederholen. Und diese Maßnahme hatte Erfolg: Ein großer Wirtschaftseinbruch wie in den 1930er Jahren blieb den meisten Ländern erspart.

Es gibt allerdings mindestens zwei Probleme. Erstens: Große Mengen an billigem Geld verschaffen zwar einen größeren zeitlichen Spielraum, aber sich können Strukturreformen nicht ersetzen. Und zweitens: Die extrem lockere Geldpolitik verliert mit der Zeit an Wirksamkeit. Die in der Eurozone von Land zu Land ganz unterschiedlich hohen Kreditzinsen für Unternehmen und Privathaushalte zeigen auch, dass ein Teil des zusätzlichen Zentralbankgelds gar nicht dort ankommt, wo es hin soll: nämlich nicht bei den Akteuren der Realwirtschaft. Das hat auch damit zu tun, dass etliche Banken nun viel zurückhaltender Kredite vergeben. Ein Teil des von der EZB günstig zu Verfügung gestellten Geldes wird auch von den Geschäftsbanken zum Kauf von Staatsanleihen verwendet.

Schließlich dürfen wir eine Gefahr nicht übersehen: Die enorm gewachsene Geldmenge lässt sich möglicherweise nicht im selben Tempo wieder zurückfahren, wie sie angestiegen ist. Deshalb besteht im Fall eines Wirtschaftsaufschwungs ganz klar die Gefahr einer höheren Inflation.

Die Zentralbanken sagen zwar, sie hätten diese Gefahr im Griff. Aber wir leben in Zeiten hoher Staatsschulden in den USA, in der Eurozone sowie in Japan. Und wir sehen eine hohe private Verschuldung in Ländern wie Spanien, den Niederlanden und Großbritannien. Deshalb ist nicht klar, ob alle Beteiligten eine höhere Inflation für ein Problem halten.

Manche sehen darin wohl eher eine Lösung. Denn dann ließe sich ein Teil des Schuldenbergs weg-inflationieren.

- Rainer Münz leitet die Forschungsabteilung der Erste Group und ist Senior Fellow am europäischen Think Tank Bruegel (Brüssel). Wöchentliche "Espresso“-Videos zu Wirtschafts- und Finanzthemen.

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