Das Ende der Döblinger Regimenter? Ein bürgerliches Dramolett vor Ort

In Wahrheit ging es immer nur um den Anteil des Türkischen im Wiener Blut.

Es spricht vieles dafür, dass der langjährige Generalsekretär der Industriellenvereinigung, Sozialpartner und mächtige Großkoalitionär Herbert Krejci einstens die „Döblinger Regimenter“ entdeckt hat – auf dem Weg vom Schwarzenbergplatz zum Heurigen in Döbling. Diese hatten sich lange hinter den Fassaden der Cottagevillen versteckt, waren aber an den genagelten Schuhen hörbar und in den Tweed-Sakkos sichtbar geworden. Zur Eintragung in die Döblinger Heimatrolle genügte es ja lange Zeit, sich in fünfter Generation als „bürgerlich“ zu bezeichnen und sich die Tortur anzutun, tagtäglich die „Presse“ zu lesen. Weiters musste man Tafelspitz oder Schulterscherzl beim „Eckl“ in Sievering präferieren und sich über die Politiker alterieren. Die Döblinger als Wiener Bourgeoisie verachteten ansonsten die Parteien generell, am meisten aber die nicht linken.

Nun ist Döbling nicht irgendein Bezirk Wiens

Immerhin wohnten und wohnen zwischen den Weinbergen seit jeher jede Menge Banker, Ringstraßenbarone und Krisengewinnler; die Großfamilie Hörbiger, Gräf & Stift, Alma Mahler-Werfel; vier Bundespräsidenten; weiters in Heiligenstadt Bruno Kreisky, in Sievering Franz Vranitzky, in Neustift Hannes Androsch. Da wurden die Kinder in der Hofzeile bei den Schwestern vom Armen Kinde Jesu erzogen, viele durften sich die fashionabelsten Tennisklubs aussuchen. Und – very important – man konnte vor Ort beobachten, wie die Scheichs mit ihren Petro-Dollars medizinische Großtaten im Döblinger Rudolfinerhaus finanzierten. Nach den Wiener Wahlen vom 10. Oktober 2010 ist das alles so ziemlich vorbei.

Die Döblinger Regimenter gibt’s de facto nicht mehr, obwohl sie nicht nach Hietzing, Währing oder auf die Wieden ausgewandert sein dürften. Denn de facto gibt’s jetzt so gut wie überall rote Mehrheiten bei der Landtagswahl; und blaue Sieger. Leider überall nur „Proleten“ … wie schrecklich.

Tatsächlich veränderten sich aber in Döbling nicht die Bewohner, sondern die Lebensumstände

Die dörflichen Vororte-Zentren Döblings haben systematisch ihren Charme verloren; statt Buschenschanken gibt es immer mehr Immobilienspekulation mit aberwitzigen Quadratmeterpreisen. Es fehlt an Parkplätzen. Dennoch rasen Touristenbusse täglich Richtung Grinzing, wo ahnungslosen Japanern aufgekaufter Wein zugemutet wird. Gott sei Dank hat Franz Vranitzkys einstiger Werbe-Guru Hans Schmid zuletzt viel Geld zwecks Neugestaltung des Pfarrplatzes in Heiligenstadt in die Hand genommen; und garantiert, dass trotz der Nähe des riesigen Karl-Marx-Hofes kein rotes Regiment beim „Pfarrwirt“ einsteigen wird.

Zweitens ist aber auch der angrenzende Wienerwald schwer gefährdet. Er verludert permanent, obwohl sein Charakter als UNESCO-Biosphärenreservat geschützt werden sollte. Wie überall finden sich in den Tälern rundherum Chinesenlokale, Pizzerias und Bierwirtshäuser.

Drittens sind die Döblinger Haupt- und die Krottenbachstraße, die Billroth- und die Heiligenstädter Straße mehr denn je gefährliche Durchzugsrouten Richtung Donau-Nord geworden, von Flanieren und Shopping weit entfernt. Die schwarzen Wirtschaftsbündler haben sich das alles auch ganz anders vorgestellt.

Viertens drohen Döbling schon bald riesige Baustellen: Wer erläutert den angrenzenden Bewohnern, was nach Absiedelung der Wirtschaftsuni (2011 in den 2. Bezirk) im Schatten des Hundertwasser-Turmes in der Spittelau geplant ist? Wie viel Industrie, wie viele Parkplätze werden noch am Handelskai zwischen den famosen Jugendstil-Löwen der Schleuse in Nußdorf und der Friedensbrücke entstehen?

Das alles wären Themen für einen spannenden Kommunal-Wahlkampf gewesen, der auch das übrige Wien interessiert hätte

Aber nein, die ÖVP redete von Ausländern, von der Verschärfung von Bundesgesetzen und einem Burka-Verbot. Der schwarze Bezirksvorsteher von Döbling war jedenfalls einer der wenigen, die von den Sorgen vor Ort redeten. Und er erhielt prompt eine Mehrheit, allerdings nur für seine Bezirksvertretung: ein Plus von 1.406 ÖVP-Stimmen – während es auf der Landesliste eine SPÖ-Mehrheit gab. Solche Verquerungen beweisen jedenfalls eines: Frau Marek ist Herrn Strache brav auf den Leim gegangen. Und statt über die wahrhaften Zustände in 23 Bezirken abzustimmen, ging es immer nur um den Anteil des Türkischen im Wiener Blut.

Zum Lachen oder Weinen? Nun – man diskutiert am Sonnbergmarkt und im Wertheimsteinpark mittlerweile, dass Strache vielleicht doch ein bemerkenswert patenter Kerl sein könnte. In den Villen der ehemaligen Regimenter meint man Ähnliches, dass nämlich im Vergleich zur Frau Marek und zur grünen Griechin der fesche Blaue sogar eine pikante Abwechslung wäre …

Oder hat Erhard Busek wieder einmal Recht, wenn er meint: „Man darf Strache nicht rechts überholen“? Aber Busek ist halt noch immer ein „Bunter Vogel“. Mit dieser Politik holte er 1983 übrigens in Wien 34,8 Prozent der Stimmen für die ÖVP. Dieser Rekord dürfte auch noch dieses Jahrhundert überdauern.

- Hans Magenschab
Historiker und Publizist (aus Döbling)

Kommentar

Standpunkte

Arne Johannsen: Erst die Pleite, dann das Dilemma

Kommentar

Standpunkte

Miriam Koch: Arbeitsmarkt, Ziegen, Roboter und wir

Standpunkte

Robert Hartlauer: Wie die Kleinen Händler den Großen Paroli bieten