Christoph Chorherr über das schwere, grausame Erbe der Apartheid in Südafrika

Ein schmaler Streifen Industriezone trennt die zwei Viertel. Das eine: Santon. Spitzenhotels, Büros, schicke Einkaufsmeilen, luxuriöse Villen. Hier, im neuen Stadtzentrum von Johannesburg, dem reichsten Viertel nicht bloß Südafrikas, sondern ganz Afrikas, leben, arbeiten und vergnügen sich die „Welloffs“.

Das andere, wenige hundert Meter entfernt: Alexandra. Ältes­te Township Johannnesburgs. Außer einigen ganz wenigen inter­essierten Europäern findet man hier keinen Weißen. Auf einem Quadratkilometer wohnen dicht gedrängt beinahe eine Mil­lion Menschen. Was sofort auffällt: der Geruch. Denn Sani­täreinrichtungen sind nicht vorhanden, die Menschen müssen ihre Notdurft in aller Öffentlichkeit verrichten. Es stinkt buchstäblich zum Himmel. Viel ist passiert in den fünfzehn ­Jahren, seit unter dem Übervater Mandela die ersten ­freien Wahlen abgehalten wurden. Aber an eins kann sich ­jemand europäisch Geprägter – wie der Autor dieser Zeilen – nicht gewöhnen: dieses ungeheure Ausmaß an Ungleichheit, und das innerhalb von wenigen hundert Metern.

Hier Luxus hinter meterhohen Zäunen, Stacheldraht und drohende „armed response“, da Absenz von allem, was für uns selbstverständlich ist: Wasser, Toilette, Hygiene, ein Dach über dem Kopf, bei dem es nicht hereinregnet. Hier, mitten in Johannesburg, spürt man, was es heißt, in einem Land zu leben, das von extremer Ungleichheit geprägt ist. Eine Folge davon: die Angst der Weißen. Kaum einer war je in einer Township, aber Geschichten von Überfällen werden mit geradezu schauriger Lust unentwegt erzählt. So wie man bei uns über das Wetter redet. Auf „der anderen, der schwarzen ­Seite“ wächst der Unmut über die eigene Regierung.

Die Korruption nimmt spürbar zu, auch wenn sie noch bei weitem nicht das Ausmaß vieler anderer afrikanischer Staaten erreicht hat. Die Qualität vor allem der örtlichen Verwaltung wird zu Recht als inferior empfunden. Die Straßen in den Townships sind mit Schlaglöchern übersät. Einen Führerschein erhält man erst nach vielen Monaten, und auch nur, wenn ordentlich geschmiert wird. Die Schulen für die Kinder sind überfüllt. Letzteres sei näher beleuchtet, entscheidet doch die Qualität der Bildungseinrichtungen über das Südafrika in 10 oder 20 Jahren. Erklärungen für das auch öffentlich heftig diskutierte Desaster in Townshipschulen lassen sich viele finden.Da ist einmal das schwere, grausame Erbe der Apartheid, welches Schwarze sys­tematisch diskriminiert, von höherer Bildung ausgeschlossen hat. Und – was ganz tief wirkt – vielen das Gefühl eingeimpft hat, Menschen zweiter Klasse zu sein.

Dann die Aids-Pandemie

Nirgendwo auf der Welt sterben so viele an dieser schrecklichen Krankheit, sind so viele infiziert. Die Lebenserwartung in Südafrika ist in den letzen 15 Jahren um mehr als 10 Jahre gesunken. Weite Teile des ANC-Establishments reagieren noch immer völlig unangemessen. Berühmt-berüchtigt ist der derzeitige Präsident. Angeklagt der Vergewaltigung einer Frau, von der er, Jacob Zuma, wusste, dass sie HIV-infiziert ist, kam ihm beim Prozess (in dem er letztlich freigesprochen wurde) folgender Satz über die Lippen: „Ich habe nachher ohnehin geduscht.“ Seitdem zeichnen den Präsidenten Südafrikas etliche Karikaturisten immer mit einer Dusche über dem Kopf.

Tatsache ist, dass gerade in der Altersgruppe der 20- bis 40-Jährigen diese Seuche nahezu ungebremst wütet und auch systematisch die Lehrerschaft dezimiert. Die Konsequenz: Schulklassen mit 90 Kindern und mehr. „We organize schooling, but no education“, so ein verzweifelter Schuldirektor in einer Township. Viele Klassen müssen wochen­lang überhaupt ohne Lehrer auskommen. In dem von uns gegründeten, von europäischen Architekturstudierenden errichteten „Ithuba Skills College“ wollten wir zuerst bloß eine Oberstu­fe, ab der 8. Schulstufe, anbieten. Denn staatliche Grundschulen gibt es in der Umgebung. Bis wir feststellen mussten, dass ein beträchtlicher Teil der Jugendlichen, die bereits sieben Jahre Schule absolviert haben, kaum lesen und schreiben kann. So starteten wir auch eine Volksschule, die sich den „Luxus“ leis­tet, nicht mehr als 30 Jugendliche je ­Klasse zu unterrichten.

Trotzdem:  Südafrika ist ein vergleichsweise entwickeltes, rohstoffreiches Land, eine Demokratie und ein Rechtsstaat mit funktionierenden Institutionen und freien Medien. Es ­besitzt ungeheures Potenzial, seiner ethnisch so vielfältigen Bevölkerung mit elf offiziellen Landessprachen eine gute Zukunft zu geben. Südafrika kann ein Modell für Afrika sein. Und es ist ein wunderschönes Land. Auch deswegen ist es meine zweite Heimat geworden.

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