Champions League-Finale: Barca vs. ManU

Das Finale: Diesen Samstag, 28. Mai, wird im Londoner Wembley Stadium um 20.45 Uhr (ORF eins, 20.15 Uhr) vor 90.000 Zusehern das Champions-League-Finale angepfiffen. Zum zweiten Mal innerhalb von nur zwei Jahren stehen sich der FC Barcelona und Manchester United gegenüber.

Als begeisterter Fußballanhänger verfolge ich nicht nur die österreichische Bundesliga (als Rapidler heuer an der Schmerzgrenze), sondern auch europäi­schen Fußball. In manchen Ligen habe ich ausgesprochene Favorits, etwa ManU in der englischen. Aber es gibt keine Fußballmannschaft außerhalb Österreichs, mit der ich mehr mitfiebere als mit dem FC Barcelona – oder besser Barça, wie man (nicht nur) auf den Rängen des Camp Nou sagt. Wo es auch „Futbol“ heißt, nicht einfach nur „Fútbol“. Denn hier sind mehr als nur Akzente im Spiel.

Fussball ist großes Kino

Kurzum: Auch für mich ist dieser Verein „mès que un club“ (mehr als ein Klub). Er bringt in mir eine Reihe von Saiten zum Schwingen, Bilder der Erinnerung wechseln in rascher Folge. Großes Kino und auch großes Orchester, wenn man diese Vergleiche abseits des Feldes bemühen darf.
Ich weiß nicht mehr, wann das begann. Ich weiß nur: Es war noch vor den Zeiten des „Goleadors“ Hans Krankl. Irgendwann waren Anhänger- und Leidenschaft selbstverständlich, war es unhinterfragbar geworden, dass ich Anhänger des FC Barcelona bin – und wie selbstverständlich war eine politische Tangente mit im Spiel.

Denn zumindest das lässt sich mit Gewissheit feststellen: Die Rolle der Internationalen Brigaden bei der Verteidigung der Republik, dieser Idealisten, die sich den Faschisten entgegenstellten und als traurige Helden zu Opfern des Hitler-Stalin-Pakts wurden, stieß bei mir ein letztlich weit über den Fußball hin­ausgehendes Interesse für Spanien und seine Geschichte, seine Sprache und Kultur an.

Barcelona: Hochburg des Widerstandes gegen Franco

Barcelona, Hauptstadt Kataloniens, galt als Hort des politisch-demokratischen und nationalen Widerstands gegen Franco. Und musste für den republikanischen Widerstand jahrzehntelang büßen. Francos Zentralismus hungerte die Stadt strategisch aus. Und genau so sah sie dann auch aus, als ich 1977 das erste Mal dort war: eine schmutzig-dunkle, alte Industrie- und Hafenstadt. Die einstigen Kostbarkeiten über­zogen von einer Patina der Vernachlässigung. Nicht leichtläufig mediterran, sondern ernsthaft, verschlossen und heruntergekommen. Carlos Ruiz Zafón hat in seinem Bestseller „Im Schatten des Windes“ das Bild dieses tristen Barcelona sehr genau nachgezeichnet. Mich stieß, was ich sah, nicht ab. Ganz im Gegenteil, es regte sich eine tiefe, wohl auch sentimentale Sympathie, die Stadt zog mich in ihren Bann.

Ein Verein mit 170.000 Mitgliedern

Nicht nur, aber eben auch aus den geschichtlichen Zusammenhängen heraus ergibt sich das überaus spezielle Naheverhältnis zwischen den Anhängern und der Geschäftsführung von Barça. So sind beispielsweise die 170.000 Mitglieder, denen dieser Verein gehört, alle vier Jahre dazu aufgerufen, in direkten, demokratischen Wahlen, in öffentlichen Wahllokalen, aus mehreren Kandidaten einen Präsidenten zu küren, der in weiterer Folge nur einmal wiedergewählt werden kann.

Oder: Das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen kommt nicht nur als freiwillig gewählte Trikotwerbung zur Geltung (der ersten nach etwa 110 Jahren!). Die UNICEF erhält dafür auch noch Millionenbeträge­ überwiesen. Die Unterstützung von UN-Initiativen und zahlreiche andere soziale Engagements unterscheiden Barça von fast allen internationalen Spitzenklubs. Natürlich ist der FCB mit Hunderten Millionen verschuldet. Doch nur wer auch andere Werte kennt und sich zu eigen macht, kommt dem näher, was das Fußballspiel auszeichnet. Denn ein Klub lebt auch von seiner „Seele“, von seinen Mythen, seinen vielen Geschichten von Triumph und niederschmetternder Abfuhr, von glänzenden und tragischen Helden. Das zu schätzen weiß nur, wer in die Welt geblickt hat.

Aus dieser kam Johann Cruyff und revolutionierte den unnachahmlichen Barça-Spielstil hin zu einer Perfektion, die von vielen als „totaler Fußball“ bezeichnet wird. In Wahrheit brachte er die Paradigmen des modernen Fußballs, wie wir ihn heute kennen, zur Geltung. Vielleicht hat er diese nicht erfunden, da spielen auch der holländische Fußball und die Ajax-Schule eine erhebliche Vorreiterrolle.

Aber hier in Barcelona wurden alle Elemente zusammengeführt, hier wurden sie perfektioniert und beschleunigt. Die Rede vom „totalen Fußball“ übersieht oft die zahllosen Einzelgeschichten und Momente, die man kennen und verstehen muss, aus deren Zusammenwirken erst die eingängige Textur kommt, die im Hier und Jetzt, im jeweiligen Moment, kaum jemand anderer als diese elf und ihr Trainer zu lesen vermag.

Märchen werden wahr

Heute trainiert den Verein in der Person von Josep Guardiola jemand, der als Protagonist seines eigenen Fußballmärchens gesehen werden kann. „Pep“ kam als junger Straßenfußballer zu Barça, wurde Kapitän der Kampfmannschaft, gewann bereits als Spieler die Champions League und … verließ den Klub.

Der Essayist und Schriftsteller Manuel Vázquez Montalbán, mein verstorbener Freund, schrieb damals in „El País“: „Nun hat Barça sein katalanisches Herz verloren, denn jede noch so internationale Mannschaft braucht eine lokale Identifikationsfigur.“

Beinahe folgerichtig blieb Guardiola in Italien erfolglos, beendete seine Karriere und schien vergessen. Aber 2008 bestellte Barça nach einer äußerst mäßigen Saison den unerfahrenen Jungtrainer, der gerade zwei Jahre Trainerpraxis aufwies, zum Coach.

Welche andere Spitzenmannschaft ließ sich jemals auf so ein Risiko ein? Die Geschichte vom verlorenen Sohn, der heimkehrt, wiederholte sich auf wunderbare Weise. Er formte die erfolgreichste Klubmannschaft der letzten Jahre und gewann bereits in der ersten Saison alle Titel, die es für eine europäische Mannschaft zu holen gibt.

Unerreichtes Kurzpass-Spiel

In einem im „Spiegel“ publizierten Artikel wurde Barças dominantes Spiel mit durchschnittlich 800 Pässen pro Match als eine Art ballestrische Planwirtschaft charakterisiert, die Guardiola so auf den Punkt bringt: „Wir spielen linken Fußball (…), alle machen alles.“ Abseits politischer Metaphorik haben wir es mit einer Ansammlung hochbegabter Straßenkicker zu tun, die seit ihrer Kindheit vor allem zwei Eigenschaften zu ihrem Talent fügten: Spielverständnis und die unbedingte Arbeit für das Kollektiv.

Auch auf Spielerseite gibt es Garanten dafür, dass sich Märchen mit Wirklichkeitsbezug erzählen lassen. Denken wir nur an Lionel Messi, den Jungen mit schweren Wachstumsstörungen, dessen Eltern in ­Argentinien sich die Behandlung nicht leisten konnten – und der in die Kaderschmiede „La Masia“ aufgenommen wurde. In Barcelona eine neue Heimat und mit Barça eine zweite Familie fand, der zweifacher Weltfußballer wurde und um keinen Preis mehr weg will.

Erfolgsfaktor Messi

Der FCB braucht ihn – und Messi braucht dieses Barça. Als Teil der argentinischen Nationalmannschaft beeindruckt er nicht immer. Erst als einer der Rädelsführer im organisierten Kollektiv des FCB kommt seine Brillanz zum Tragen.

Messi, Iniesta und Xavi könnte man die Augen verbinden, und ihre Passwege würden sich dennoch dort treffen, wo noch Bruchteile eines Moments zuvor an Raumgewinn nicht zu denken war und danach außer ihnen wieder einmal niemand gewesen sein wird.

Überhaupt: Andrés Iniesta. Manche sagen, er er­innere in seinem Aussehen an einen katalanischen Buchhalter. Wenn dem so wäre, führte er eine doppelte Buchführung der besonderen Art, eine versteckte und eine offene. Er liest das Spiel früher und besser als jeder andere, er setzt die entscheidenden Impulse und paart seine Genialität mit Bescheidenheit. Legendär sein Kommentar zum entscheidenden Tor beim 1:1 gegen Chelsea im Frühjahr 2009, das in der Nachspielzeit Barça den Aufstieg ins Finale rettete: „Ich wusste, dass wir am Ende sind. (…) Und normalerweise geht so ein Schuss weit übers Tor. Ich habe den Ball nicht genau getroffen, aber er ging ins Tor – wohl weil er an diesem Tag hineingehen musste.“
Der Pass kam von Messi, das Leder und seine Seele­ schlugen unter der Torlatte von Petr Cech ein. Pep flippte an der Seitenlinie aus, Mourinho bastelte an seiner Verschwörungstheorie, und Chelsea hatte sein Bayern-Schicksal – für Barça aber ging es nach Rom und gegen ManU ins Endspiel.

Am 28. Mai 2011 stehen sich somit im Londoner Wembley-Stadion zum zweiten Mal innerhalb von nur zwei Jahren zwei der stärksten Klubmannschaften ­Europas gegenüber, die sich beide einem Passspiel im Zeichen der Dominanz verschrieben und auch heuer wieder die Meisterschaft in den derzeit bedeutendsten Ligen gewonnen haben: Manchester United FC und FC Barcelona. Zwei wunderbare Ensembles, zwei große Trainer, ein wunderschönes Spiel. Let’s talk about … Futbol.

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