Bullshit-Serie, Teil 6: Bekennen Sie sich zu den Unternehmenswerten!

"Oh weh, die Werte", werden Sie jetzt gleich sagen. Wir hatten doch erst neulich so einen rüstigen Herrn, der - "noch amal" - so gerne über Werte sprach! Und von Wirtschaft verstand er auch was. Deshalb wurde er nicht müde, zu betonen, wie wichtig Wahrheit, Transparenz und Fairness doch seien.

Bullshit-Serie, Teil 6: Bekennen Sie sich zu den Unternehmenswerten!

In der Wirtschaft und im Leben überhaupt. Nach der Wahlschlappe war er dann recht flott auf Nimmerwiedersehen verschwunden, während der übriggebliebene Rest der Truppe sich mit eher mäßigem Erfolg in Wahrheit, Transparenz und Fairness übte.

Was dieses Beispiel uns lehrt: Mit den Unternehmenswerten sollte sich immer nur die allererste Reihe eines Unternehmens beschäftigen. Wenn die Sherpas anfangen, damit herumzupfuschen, wird's immer ein Quargel. Die meisten Firmen wissen das auch. Deshalb beschäftigt sich die Crème de la Crème der Konzernhierarchie in mehrtätigen Workshops mit der Identifikation der Firmenwerte. Ich bin selbst bereits mehrfach Teilnehmer von solchen Veranstaltungen gewesen und bestätige gerne: Das Essen war hervorragend! Welche Werte wir gefunden haben, möchten Sie wissen? Nun, das übliche Zeug eben: Transparenz, Teamwork, Fairness, Vertrauen, Integrität, Kundenorientierung, Innovation und natürlich Respekt. Sie haben es bereits gemerkt: Es ist gar nicht so wichtig, welche Werte sich Ihr Unternehmen nun auf die Fahne schreibt. Die meisten Kollegen und Kolleginnen kennen sie sowieso nicht.

Viel wichtiger sind in diesem Zusammenhang zwei Dinge: Erstens benötigen Sie die Fähigkeit, sich diese banalen Leerformeln zu merken. Tipp: Sie finden die Unternehmenswerte sicher irgendwo auf der Website Ihres Unternehmens. Zweitens sollten Sie Ihre tief empfundene Überzeugung, dass diese Werte den zentralen Wettbewerbsvorteil Ihres Unternehmens darstellen, kontinuierlich kundtun. Zum Beispiel klingelte mich vor einigen Jahren der Chairman der global agierenden Anstalt, die mich damals in Lohn und Brot hielt, um halb zwei Uhr morgens aus dem Bett und meinte, ich soll doch bitte bei diesem wichtigen Kundengespräch morgen früh nicht vergessen, mit dem Kunden über unsere Werte zu sprechen. Unreif wie ich damals war, fragte ich mich eigentlich nur, was der Mann wohl geraucht haben mochte -das wollte ich in jedem Fall auch ausprobieren. Heute ist mir klar, hier war ein Profi am Werk! Ich werde es als Chairman genauso machen. Oder, noch besser: Ich werde mir für solche Momente eine kitschige Standardrede aneignen, in der ich den Unternehmenserfolg schlüssig aus den Unternehmenswerten ableite. Die Strategen aus HR werden kollektiv auf die Knie fallen. Garantiert!

In den letzten Jahren lässt sich jedoch eine Erhöhung der Schlagzahl beobachten. Während es lange Zeit gut genug war, die Firmenwerte im Internet zu präsentieren und das große Konferenzzimmer mit ausdrucksstarken "Werte"-Postern zur Erbauung der Werktätigen zu dekorieren, geht heute der Trend in die aktive Verankerung dieser Werte in der Organisation. Eine Heerschar von Beratern bietet zu diesem Zweck ihre Dienste an. Mir gefallen am besten zweistufige Verfahren, welche die Teilnehmer zunächst auffordern, eine passende Geschichte zur Illustration ihres bevorzugten Unternehmenswerts zu erfinden. Die besten Geschichten werden dann von den "Gewinnern" in Rollenspielen präsentiert. Blöder geht's natürlich nicht mehr. Andererseits: Wie viele Gelegenheiten werden sich Ihnen noch bieten, um die Videofunktion ihres neuen Smartphones endlich einmal auszuprobieren?

Hal O ‘Ween heißt natürlich ganz anders. Als erfahrener Konzernmanager hat er in verschiedenen Ländern in senioren Führungspositionen gearbeitet und berät heute Unternehmen in ganz Europa. Der Besuch sinnloser "Leadership“-Veranstaltungen motivierte ihn schließlich, einen Management-Ratgeber der anderen Art zu verfassen: "Decoding Leadership Bullshit“, Page Verlag, 10,30 Euro. www.decodingleadership.net