Brüderlein fein

Barbara Mayerl über den Twitter-Star der Woche und ein heißes Thema.

Twitter ist das beste Rezept, um aus halbwarmen Gerüchten heiße Geschichten zu kochen. Der Microblogging-Dienst ist der Brandbeschleuniger des globalen Nachrichtengeschäfts. Wie schnell aus einem schwelenden Thema ein medialer Flächenbrand entstehen kann, durfte der deutsche FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle als verspätete Nachwirkung eines Hotelbar-Besuchs jetzt erleben.

Am Twitter-Internet-Pranger zu stehen ist eine der härtesten Erfahrungen, die Personen des öffentlichen Lebens machen dürfen, oft verdient, aber nicht immer. Da kotzen sich Mitbürger gern unter dem Deckmantel der Anonymität aus, die #Volksseele kocht. Dass sich in diesem konkreten Fall Frauen mit ihren Belästigungserfahrungen unter dem Deckmantel der Anonymität verstecken wollen, können Männer nur bedingt verstehen. Liegt aber in der Natur dieser Sache.

Das Muster dieser Graswurzel-Themensetzung ist bekannt: Auf Twitter werden die Debatten vorbereitet, und wenn sie den öffentlichen Nerv stark genug getroffen haben, in die etablierten Medien weitergereicht. Mitunter fragt man sich aber schon, was grausamer ist: der Internet-Pranger oder der Boulevard-Fleischwolf? Etwa dann, wenn die „Bild“-Zeitung die Brüderle-Versteh-Fraktion mobilisiert (© „Brüste werden zum Handicap“). Für Twitter ist das PR, wie man sie sich nicht besser wünschen könnte. Zwar suchen die Betreiber noch immer nach einem nachhaltigen Erlösmodell. Als globales Stimmungsbarometer ist Twitter aber schon jetzt ein Platz in den Internet-Annalen sicher.

- Barbara Mayerl