Breivik ist ein Psychopath. Diese Diagnose ist selbst aus der Ferne schlüssig

Selbstzufrieden grinst er in die Kameras. Der Mörder setzt sich lässig in Szene. Anders Behring Breivik genießt die Aufmerksamkeit. Er macht uns wütend, ängstlich und fassungslos. Weil wir solchen Typen arglos und schutzlos begegnen. Vor dem Massaker galt er als freundlich und angepasst. Nun versuchen wir, entsetzt zu begreifen, was er wirklich für einer ist.

In einem voluminösen „Manifest“ beschreibt der Killer, wie er gesehen werden will. Er liefert den Stoff, aus dem so mancher eilig versucht, sein „Psychogramm“ zu stricken. Die Eltern ließen sich kurz nach seiner Geburt scheiden. Er wuchs ohne Vater auf. Er begeistert sich für Gewalt-Videospiele. Er schloss sein Studium nicht ab. Beruflich war er nicht erfolgreich.

Na und? So oder ähnlich trifft es für viele zu, die dennoch niemals zu Gewalttätern werden. Schlechte Erfahrungen machen Menschen nicht zwangsläufig zu verbitterten Einzelgängern oder gar Massenmördern. Also reichen solche Phänomene nicht zur Erklärung. Ebenso wenig gibt es einen genetischen Code, den wir entschlüsseln müssten. Biologische Komponenten spielen vermutlich eine Rolle. Wahrscheinlich in Kombination mit sozialen Faktoren. Wie und in welcher Beeinflussung, wissen wir nicht wirklich.

Breivik ist – nach psychiatrischen Kategorien – ein Psychopath. Die Diagnose ist selbst aus der Ferne schlüssig. Er kennt kein Mitgefühl. Er empfindet keine Schuld und keine Reue. Brutal und dabei kaltblütig metzelte er hilflose Opfer nieder. Er würde es wieder tun. Er hat uns den Krieg erklärt. Und im Krieg ist für ihn alles erlaubt. Radovan Karadžić gilt ihm als Waffenbruder.

Killer empfinden nichts

Breivik schrieb, „die schwierigste Aufgabe“ für ihn sei es gewesen, die Angst zu beherrschen. Aber wahrscheinlich spürte er gar keine Angst. Bei Psychopathen sind emotionale und kognitive Funktionen im Hirn gestört. Killer – wie Breivik – empfinden nichts, wenn sie ihre Opfer quälen und töten. Ihr vegetatives Nervensystem – die Ausschüttung von Hormonen und Neurotransmittern – ist abnormal. In größter Grausamkeit bleiben sie tatsächlich ruhig. Ihr Blutdruck steigt nicht an, ihr Herz schlägt nicht schneller. Sie bremst kein Gedanke, welche Folgen ihre Tat für sie selbst haben könnte.

Um ihre Grausamkeiten zu begehen, brauchen sie keine bestimmte Ideologie. Jean-Baptiste Grenouille tötete unbarmherzig, um das ultimative Parfüm zu kreieren. Stalin tötete für den „Kommunismus“, Breivik, um „Multikulturalisten“ zu stoppen. Doch ihre Selbsterklärungen sagen wenig über die wirklichen Ursachen und Motive ihres Handelns, sie sind meistens vorgeschoben. Die Verrücktheit sucht sich eine Erklärung.

Wenn solche Psychopathen auch noch über Charisma verfügen, was nicht selten der Fall ist, können ihre politischen Ideologien für verunsicherte Menschen dennoch attraktiv sein. Mit Grandiositäts-Fantasien können Psychopathen grandiose und attraktive Visionen entwerfen, mit denen sie ihrer Gefolgschaft das Heil versprechen. Oft wissen sie genau, wie sie andere vereinnahmen können, durch Lob, durch Schmeichelei, indem sie Bedürfnisse erkennen und so tun, als wollten sie diese verwirklichen.

Die Neigung, für enttäuschte Erwartungen andere verantwortlich zu machen, sitzt in allen von uns. Mehr oder weniger. Deshalb gelingt es immer wieder, „Sündenböcke“ zu markieren. Ideologisch angefacht, dürfen Anhänger politischer Psychopathen gegen Sündenböcke all ihre negativen Gefühle entladen. Dagegen ist mit politischer Aufklärung allenfalls anzukommen, wenn sie soziale Sicherheit bietet und so Angst nimmt.

Psychopathen gibt es mehr, als es scheint. Zwischen zwei und vier Prozent in der Bevölkerung, deutlich mehr Männer als Frauen, gehören dazu. Psychopathische Störungen haben unterschiedlich schwere Ausprägungen. Nicht jeder Psychopath wird ein Killer. Weniger Gestörte werden alles Mögliche, manche auch Manager.

Die Psychologen und Organisationsberater Paul Babiak und Robert D. Hare nennen sie „snakes in suits“, die Empathie vortäuschen und andere geschickt manipulieren. Dabei geht es ihnen immer nur um den eigenen Vorteil. Erfolge anderer reklamieren sie hemmungslos für sich. Kritik perlt an ihnen ab. Wer ihnen in die Quere kommt, den mobben sie weg.

Sie treten selbstbewusst auf, treffen – ohne Rücksichten – Entscheidungen. So können sie Karriere machen. Und schließlich großen Schaden anrichten – menschlich und wirtschaftlich. Robert Sutton, Management-Lehrer aus Stanford, würde sie schlicht als „Arschlöcher“ bezeichnen.

Keine Garantie gegen Gewaltausbrüche

Verstehen wir frühzeitig die Zeichen, können wir uns besser wappnen, uns wehren, sie so womöglich neutralisieren. Es ist schon viel gewonnen, wenn wir verhindern, dass Psychopathen Gefolgschaft finden. Doch durch nichts schaffen wir eine Garantie, Gewaltausbrüche wie von Breivik zu verhindern. Nicht in einer offenen Gesellschaft.

- Michael Schmitz
Professor für Psychologie & Management an der Lauder Business School und Partner der Agentur prevent-K

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