Böse, böse Börse

Böse, böse Börse

Wäre Bill Gates in Österreich geboren, wäre er EDV-Leiter in der Bundesverwaltung geworden. Was ist los mit dem Finanzplatz Wien?

Auch in Wien gibt es eine Börse. Das mag zwar Bundeskanzler Werner Faymann und dessen Stellvertreter Michael Spindelegger – immerhin der Chef einer ehemaligen Wirtschaftspartei - verblüffen, denn für sie sind Spekulanten vermutlich das Böse schlechthin. Gleich nach Atomkraftwerken, Pflanzen mit Genen und der EU-Kommission. Wortmeldungen der beiden zum Finanzplatz Wien gibt es jedenfalls kaum. Und wenn, dann nur im Zusammenhang mit „Spekulanten zur Verantwortung ziehen“.

Letztere haben der Wiener Börse aber schon seit längerer Zeit den Rücken zugekehrt: Die Umsätze fallen ins Bodenlose. Vor der Finanzkrise im Jahr 2007 lag der Umsatz bei 190 Milliarden Euro. 2011 waren es nur noch 61 Milliarden und es geht weiter bergab. Im ersten Quartal 2011 wurden noch Aktien im Wert von 18,8 Milliarden Euro gehandelt, heuer waren es nur noch elf Milliarden. Zwar haben auch andere Börsen an Terrain verloren, aber in Wien lagen schon die Ausgangswerte sehr tief. Das Verhältnis zum Deutschen Leitindex Dax lag diesen Mai nicht bei dem sonst im Verhältnis Österreich zu Deutschland üblichen 1:10, sondern bei lockeren 1:53. So nebenbei sind bei so niedrigen Umsätzen natürlich auch die Unternehmensbewertungen im Keller.

Dabei hätte die Wiener Börse gerade in Österreich eine besondere Aufgabe. Hohen Spareinlagen stehen unterdurchschnittliche Eigenkapitalausstattungen der Unternehmen gegenüber. Während in Europa die Anleger Teile ihres Vermögens über die Börse den Unternehmen als gesundes Eigenkapital zur Verfügung stellen, wird es in Österreich zu einem großen Teil über den Umweg Bank zum Kredit oder zur Anleihe und damit zum schwer verdaulichen Fremdkapital.

Wäre Bill Gates in Österreich geboren worden, wäre er vermutlich als EDV-Leiter in der Bundesverwaltung gelandet. Für eine Unternehmensgründung hätte er das Haus und die Lebensversicherung seiner Eltern verpfänden müssen und wäre wahrscheinlich pleite gegangen.

Wie sehr ein erfolgreicher Börsegang ein Unternehmen erneuern und konkurrenzfähig machen kann, zeigt das Beispiel Voestalpine. Und wie sehr Bundesländer als Großaktionäre unfassbare Zustände erleichtern, zeigt der Flughafen mit dem Debakel um den Skylink. Dass Vorstände, deren Standardbeschäftigung das Match Not gegen Elend war, hinausfliegen und dann hochdotierte Konsulentenverträge bekommen bzw. einklagen, ist wohl nur unter der Obhut völlig abgehobener Landeshauptleute möglich. Was ist Inhalt der sicher wertvollen Konsultationen? Die lockere Verdoppelung der Baukosten für eine neue Startbahn mit möglichst großem Unterhaltungswert bei Verdreifachung der Bauzeit?

Und schließlich hätte eine gut funktionierende Wiener Börse auch den Vorteil, den Sicherheit suchenden Aktionären eine gute Anlagemöglichkeit zu bieten: Wer vor Eurokrise und Hyperinflation Angst hat, für den ist ein Investment in ein solides Unternehmen eine gute Sache: Auch bei hoher Teuerung und Währungskrise wird ein Anteil an OMV, Verbund, Erste Group, Raiffeisen Bank International oder Andritz und vielen anderen guten Unternehmen immer einen gewissen Wert behalten. Dass solche lohnenden Alternativen nicht wahrgenommen werden, zeigt der in Österreich bereits völlig überhitzte Immobilienmarkt. Jeder, der sein Geld in Sicherheit bringen will, kauft eine Immobile. An Erträge wird gar nicht mehr gedacht. Aber es ist verständlich: Wenn jeder Aktien-Anleger zum bösen Spekulanten gemacht wird, lassen viele die Finger davon. Denn wer will schon an der Eurokrise Schuld sein?

Wie sehr die Wiener Börse die Stellung Wiens als Finanzdrehscheibe in den Osten vergeigt hat, zeigte am Dienstag eine interessante Wortmeldung: Der milliardenschwere rumänische Entschädigungsfonds „Fondul Proprietatea“ wird neben Bukarest in Warschau notieren. „Die Börse Wien war in der Region sicher einmal führend“, nun hinke sie hinterher, sagte Fondsmanager Greg Konieczny laut WirtschaftsBlatt. Eine Replik von Faymann & Spindelegger steht zur Stunde leider noch aus. Um der FPÖ zuvorzukommen, wird dem Vernehmen nach aber an einer Stellungnahme gearbeitet, die „Fonds mit Migrationshintergrund“ eher ablehnt. Und der Fondsmanager müsste ja zuerst Deutsch lernen und ein gewisses Mindesteinkommen nachweisen. Doch so böse ist nicht einmal die Börse.

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