Bildungsreform leicht gemacht

Bildungsreform leicht gemacht

Unser Bildungssystem ähnelt einer Planwirtschaft mit explodierenden Kosten, sinkenden Leistungen und einem Schwarzmarkt für Nachhilfe. Dass ein System, welches die Grundbedürfnisse seiner Mitglieder über einen langen Zeitraum täglich nicht erfüllen kann, eines Tages plötzlich zusammenbricht, haben wir schon im Kommunismus erlebt.

Österreich ist keine Diktatur, wir können eine Regierung abwählen, die den Absturz unseres Bildungssystems schönzureden versucht. Viel hat diesmal nicht mehr gefehlt. Die gute Nachricht ist, dass wir durchaus schon bewiesen haben, dass wir in der Lage sind grundlegende Reformen umzusetzen. Widerstand kann überwunden werden. Hier die sechs Leitlinien für eine Bildungsreform, die Österreichs Schulen wieder an die Spitze bringt.

1. Nationaler Grundkonsens. Fast alle Streitfragen der Parteien ließen sich leicht auflösen, wenn sich diese zuvor darauf einigen würden ein Prinzip in die Verfassung zu schreiben: Jedes Kind hat ein Recht darauf, dass seine Talente maximal gefördert werden. Wenn derzeit jedes fünfte Kind nach neun Jahren Pflichtschule nicht ausreichend lesen und schreiben kann, dann wäre das kein zu duldender Kollateralschaden, sondern ein Verfassungsbruch, der von Eltern eingeklagt werden könnte.

2. Gemeinwohl statt Ideologie. SPÖ- und ÖVP-Ideologen sei eine Reise nach Bayern empfohlen. Die ÖVP wird dort sehen, dass ein flächendeckendes Angebot von echten Ganztagesschulen nicht im Kommunismus endet, sondern zu den besten Schülerleistungen in ganz Deutschland führt. Die SPÖ wird erkennen, dass auch ein differenziertes Schulsystem zu hoher Chancengerechtigkeit führen kann, wenn man sich auf die wirklich entscheidenden Faktoren konzentriert. Große Strukturreformen, die die Klassenzimmer nicht erreichen, sind teuer und sinnlos.

3. Wissenschaftliche Fakten statt Standespolitik. Es gibt wenige Länder auf der Welt, die den Stand der Wissenschaft in der Bildungsforschung so konsequent ignorieren wie Österreich. Eine Vielzahl von Studien hat bewiesen, dass die Senkung der Klassenschülerhöchstzahl zu keiner Verbesserung der Unterrichtsqualität führt, sondern die Kosten in die Höhe treibt und einen künstlichen Mangel an qualifizierten Lehrern schafft. Die große Studie von John Hattie dokumentiert einmal mehr, worauf wir uns konzentrieren sollten: Lehrerauswahl, Lehrerfortbildung, Unterrichtsqualität durch Feedback an die Lehrer und Aufbau eines wertschätzenden Klimas zwischen Lehrern, Schüler und Eltern.

4. Lehrer wie Ärzte ausbilden statt wie Fließbandarbeiter behandeln. Es gibt gute Gründe dafür, warum sich angehende Herzchirurgen nicht selbst beurteilen, sondern sehr harten Auswahlprozessen unterzogen werden. Auch Lehrer werden ihr gesamtes Berufsleben am Herzen junger Menschen operieren. Das Potenzial, Kinder für neue Inhalte begeistern zu können, kann man schnell durch Assessment-Verfahren herausfinden. Neue Lehrer sollten hohe Anfangsgehälter und Aufstiegschancen erhalten, ihre gesamte Arbeitszeit an einem modernen Arbeitsplatz an der Schule leisten und regelmäßiges Feedback von ihrem Direktor bekommen. Lehramtskandidaten bei denen das Wort "Mehrleistung“ Albträume auslöst, scheiden dann von selbst aus.

5. Schulautonomie statt zentraler Lehrpläne. Kinder interessieren sich nicht für Fächer, sondern für Menschen. Die Reduktion der üblichen zwölf bis 24 Fächer (!) auf deutlich weniger, aber größere Lernfelder nimmt ungemein viel Stress von den Lehrern und Schülern. Individuelle Talentförderung und die 50-Minuten-Stunde sind Gegensätze wie Feuer und Wasser. Man muss sich endlich von dem Irrtum verabschieden, dass Lernen funktionieren kann, ohne dass die Schüler einbezogen werden.

6. Gemeinsam lernen statt einsam unterrichten. Die Zeiteinteilung zwischen Lehrvortrag, Projektunterricht, Reisen und Exkursionen, selbstbestimmtem Lernen und Erholungszeiten wird vom Lehrerteam in Absprache mit dem Direktor autonom festgelegt. Das bedeutet den Abschied vom Gedanken, dass die Leistung eines Lehrers an der Anzahl gehaltener Stunden gemessen wird. Wir brauchen nicht mehr Unterricht, sondern besseres Lernen. Schüler lernen am besten von Lehrern, die sie mögen und von denen sie inspiriert werden. So einfach wäre das.

---


Zur Person
Andreas Salcher ist Unternehmensberater, Autor von fünf Bestsellern und ein scharfer Kritiker unseres Schulsystems. Er ist Mitgründer der "Sir Karl Popper Schule“ für besonders begabte Kinder. 2009 wurde er zum "Autor des Jahres“ und zum "Kommunikator des Jahres“ gewählt.
Website: www.andreassalcher.com

Kommentar

Standpunkte

Arne Johannsen: Erst die Pleite, dann das Dilemma

Kommentar

Standpunkte

Miriam Koch: Arbeitsmarkt, Ziegen, Roboter und wir

Standpunkte

Robert Hartlauer: Wie die Kleinen Händler den Großen Paroli bieten