Angelika Kramer: Plastikgeld statt Münzen und Scheine: Bar jeglicher Vernunft

Angelika Kramer: Plastikgeld statt Münzen und Scheine: Bar jeglicher Vernunft

Angelika Kramer

Plastik gegen Schotter und Scheine: Das Ende des Bargelds wird unvermeidbar sein, es sollte aber nicht von oben verordnet werden.

In Zeiten, in denen alle Welt ins gelobte Tal Silicon Valley pilgert und vom Außenminister abwärts alle dem technischen Fortschritt huldigen, traut man sich dem ja fast nicht mehr entgegenzutreten. Doch die jüngst von etlichen Ökonomen und Wirtschaftsweisen geforderte Abschaffung des Bargelds kann nicht einfach so stehen gelassen werden. Auch auf die Gefahr hin, als "Oma“ oder "Techno-Gruftie“ tituliert zu werden, wie Bargeldanhänger in Onlineforen gerne wenig liebevoll genannt werden.

Eines der Hauptargumente der "Abschaffer“ ist die erhöhte Praktikabilität: Ist es nicht ungemein bequem für Geschäftsleute und Konsumenten, sich in Zukunft nicht mehr mit diesen lästigen Scheinen und Münzen herumschlagen zu müssen? Keine ausgebeulten Hosentaschen mehr, und das Handtascherl wäre auch um einige Gramm leichter ohne Schotter. Und bis man da die passenden Beträge an der hektischen Supermarktkasse aus dem Börsel herausgesucht hat - eine echte Mühsal! Da doch lieber die Plastikkarte oder gleich das Handy zücken und die Oma an der Kasse links überholen, propagieren die Tech-Fans. Wer schon mal an einer Supermarktkasse Schlange gestanden ist, der weiß, dass das Rauskramen der Münzen nicht länger dauert als das Aktivieren einer Karte. Und erst recht, wenn die Karte aus irgendeinem Grund abgelehnt wird - die bösen Blicke der nachfolgenden Kunden will man sich gar nicht ausmalen.

Schon klar, die Technik verbessert sich stündlich, Silicon Valley arbeitet auf Hochtouren und unter Einsatz von etlichen Milliarden daran, den Zahlungsverkehr zu revolutionieren und einfacher zu machen. Aber genau das wollen einen die Fluglinien auch seit Jahren glauben machen, dass das Papierticket überholt ist, dass man einfach mit seinem Handy zum Check-in geht und sich wenige Minuten später in seinem per Mausklick reservierten Sitzplatz wiederfindet. Echt? Mag sein, dass hier der Titel "Techno-Gruftie“ erneut strapaziert werden muss, aber ich kenne niemanden, bei dem das je reibungslos geklappt hätte.

Bleibt immer noch das gewichtige Argument: wo viel Geld, da mehr Verbrechen. Es klingt plausibel, dass Schattenwirtschaft und Geldwäsche in einer bargeldlosen Gesellschaft schwieriger würden. Aber nimmt dann die Kriminalität generell ab? Wohl kaum. Cyberkriminalität und Verbrechen wie Identitätsdiebstahl sind seit Jahren am Vormarsch, mit verstärktem Einsatz von Karten würde diese Art der Kriminalität - mit äußerst schwachen Aufklärungsquoten - mit großer Wahrscheinlichkeit weitere Rekorde erleben.

Einige Beobachter vermuten hinter den immer lauter werdenden Forderungen nach einer bargeldlosen Gesellschaft nicht nur Kreditkartengesellschaften, sondern die Notenbanken als treibende Kräfte. Sie könnten den Leitzins nicht mehr weiter senken, solange Geldhalter auf zinsloses Bargeld ausweichen können. Dies aber sei unbedingt notwendig, um die Wirtschaft in Gang zu bringen, so das Argument. Aber welche Allheilmittel hat man uns nicht schon zur Wirtschaftsankurbelung versprochen? Milliarden und Abermilliarden wurden von den Notenbanken in die Märkte gepumpt - ohne intendierte Wirkung. Dass das Ende des Bargelds nun den Turnaround bringt, klingt angesichts der vielen Beteuerungen und Fehlversuche eher erbärmlich. Könnte das Interesse einiger Notenbanken an der Abschaffung des Bargelds nicht eventuell auch darin begründet sein, dass sie dadurch die Bedrohung durch virtuelle Währungen in den Griff bekommen wollen? Also die Währungshoheit wieder ganz für sich gewinnen?

Jeder, der Bargeld für unpraktisch hält, der Angst vor Raubüberfällen hat und der den Geschichten von der übermächtigen Datenkrake, die Daten auch zum Schaden ihrer Nutzer sammelt, keinerlei Glauben schenkt, dem bleibt es ja unbenommen, weiter dem Plastik zu huldigen. Mag ja sein, dass mit fortschreitender Technik auch die Datensicherheit zunimmt und es rein gar niemanden da draußen interessiert, wie viel Trinkgeld man dem Kellner zusteckt oder was man in der Apotheke besorgt.

Aber warum sollte man die Entscheidung, wer womit bezahlen will, nicht jedem einzelnen Bürger überlassen? Wieso ihm diese Wahlfreiheit nehmen?

Das Silicon Valley wird mit Sicherheit dafür sorgen, dass digitale Bezahlsysteme weiter verbreitet werden und auch an Beliebtheit zunehmen, aber eine von Regierungen oder gar Zentralbanken verordnete Bargeldlosigkeit zur Budgetaufbesserung oder - noch viel schlimmer - zum Machterhalt hat einen unangenehmen Beigeschmack und sollte unter allen Umständen vermieden werden.

Artikel aus FORMAT Nr. 21/2015
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