Banken unter Generalverdacht: Gastkommentar von Liselotte Palme

Thomas Fricke, der Chefökonom der deutschsprachigen Version der „Financial Times“, schrieb vor wenigen Tagen eine Kolumne mit dem Titel „Warum die Finanzbranche schrumpfen muss“. Er verwies darin sehr konkret auf Zahlen, die dem Normalsterblichen in ihrer Dramatik oft nicht so richtig bewusst sind. Zum Beispiel: Die US-Banken machten während der vergangenen Jahre zeitweise mehr als 40 Prozent sämtlicher Unternehmensgewinne der amerikanischen Volkswirtschaft.

In der Euro-Zone wuchsen die Gewinne der Finanzgesellschaften über Jahre hinweg mit einer Rate von 20 bis 30 Prozent – gegenüber 10 bis 15 Prozent im Rest der Wirtschaft. Die durchschnittliche Bezahlung im europäischen Finanzsektor lag zuletzt, je nach Land, um 60 bis 80 Prozent höher als im Rest der Wirtschaft. Die Kredite an Banken und sonstige Finanzgesellschaften, also die sogenannten Interbankkredite, die von amerikanischen Banken vergeben wurden, machten im Jahr 2007 fast das Sechsfache der Wirtschaftsleistung der USA aus. Dieses gegenseitige Ausleihen ist in Europa nicht ganz so dramatisch, in Deutschland (und, Experten zufolge, auch in Österreich) betrug es im Jahr 2007 aber immerhin rund 40 Prozent des gesamten Kreditgeschäfts aller Institute. Fricke zitiert den New Yorker Ökonomen Thomas Philippon, der behauptet, dass 30 bis 50 Prozent der US-Finanzströme auf „Auswüchse“ zurückgehen; die Gewinne der Banken basierten zunehmend auf „gesellschaftlich unproduktiven Aktivitäten“.

Worauf der Kommentator folgert: „Wenn das alles stimmt, wäre es besser, wenn die gesamte Finanzbranche strukturell schrumpft.“

Momentaufnahme Österreich. Hier zeigt sich der Kreditapparat gespalten. Auf der einen Seite gibt es die großen Institute wie Bank Austria, Erste Bank oder Raiffeisen, die wieder gut verdienen und diese ihre Profite angeblich nicht irgendwelchen überkandidelten Finanzspielchen verdanken, sondern dem „ganz normalen“, seriösen Kommerzbankengeschäft. Diese Institute gaben zuletzt erfreuliche Ergebnisse bekannt, wobei sie es jedoch erforderlich fanden, für ihr „ganz normales Kreditgeschäft“ konjunkturbedingte Wertberichtigungen in dreistelliger Millionen- Euro-Höhe anzusetzen.

Auf der anderen Seite stehen in Österreich die maroden Finanzhäuser à la Hypo Alpe-Adria, Kommunalkredit, Volksbanken AG oder Constantia Privatbank. Während Constantia schon sehr bald verkauft sein könnte, spitzt sich die Lage bei der Kärntner Hypo Alpe-Adria derzeit dramatisch zu. Diese Bank hatte schon Ende des Vorjahrs 900 Millionen Euro vom Bund bekommen. Nun war zuletzt bekannt geworden, dass die damalige Finanzhilfe auf Basis eines allzu optimistischen Prüfberichts der Oesterreichischen Nationalbank (OeNB) vergeben worden war. OeNB-Gouverneur Ewald Nowotny verteidigt auch jetzt noch die damalige Einschätzung: „Zu der Zeit war die Bank tatsächlich nicht ‚distressed‘.“ (Nur Banken, die von Prüfern im Sinn von nicht existenzgefährdet als „nicht distressed“ eingestuft wurden, galten als förderwürdig.)

Jetzt freilich könnte die Kärntner Hypo demnächst auch offiziell „existenzgefährdet“ sein. Dann nämlich, wenn sowohl ihre Eigentümer als auch Österreichs Finanzminister ihre öffentlichen Erklärungen wahr machen sollten, kein weiteres Geld mehr für das Institut in die Hand zu nehmen. Jedenfalls dann nicht, wenn es nicht vorher der jeweils andere tut.

Zwar muss man davon ausgehen, dass diejenigen, die jetzt so beinhart tun, im stillen Kämmerlein einen Deal ausschnapsen werden, demzufolge der wackeligen Bank auf irgendeine Weise eine Zukunft ermöglicht wird. Aber wie auch immer dieser Deal letztlich aussieht: Ein – sehr – unguter Beigeschmack bleibt. Da kann Ewald Nowotny noch so sehr betonen, wie sehr die Realwirtschaft mit der Bankenwelt verzahnt sei, weshalb in ganz Europa die Rettung sämtlicher „systemrelevanter“ Geldhäuser einen zentralen Punkt auf der Agenda von Politikern und Zentralbankern darstelle. Heute wie vor Jahresfrist.

Aber in Europa wird ja sogar die kleinste Quetschn als „systemrelevant“ eingestuft.

Eines ist jedenfalls nicht mehr zu übersehen: Die Banken, die sich nach der großen Finanzkrise schon als die großen Gewinner im Umverteilungskampf zu fühlen begannen, kommen jetzt, gewissermaßen in der zweiten Runde, europaweit – wenn nicht gar weltweit – politisch unter Druck. Denn so richtig es ist, dass „Vertrauen“ die Grundlage jeglichen erfolgreichen Finanzmanagements darstellt, so gewiss ist exakt dieses Vertrauen jetzt in Bezug auf die Finanzwelt nachhaltig gestört.

Nicht nur jene Banken kommen jetzt in eine Art Generalverdacht der Übervorteilung ihrer Kunden, welche im Vorjahr die berühmten zerschnipselten Derivatpapiere in ihren Büchern stehen hatten. Auch diejenigen, die „ganz normale“ Kredite vergeben und jetzt wieder gut verdienen, müssen sich den Verdacht gefallen lassen, dass sie irgendwo Geld verstecken.

Gab es da nicht Meldungen, wonach die – ohnehin dehnbaren – Buchführungs- und Bewertungsregeln speziell für den Bankensektor noch stärker ausgeweitet worden sind?

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