Stiegl-Eigentümer Heinrich Dieter Kiener: Auf ein Bier mit John Maynard Keynes

Stiegl-Eigentümer Heinrich Dieter Kiener: Auf ein Bier mit John Maynard Keynes

Heinrich Dieter Kiener: "Ich habe ein Buch geschrieben. Aha, mag so mancher denken, da sitzt ein kleiner Philosoph oben in seiner Brauerei. Aber das ist falsch."

Gastkommentar: Der Eigentümer der Stiegl-Brauerei über die Megafusion zwischen InBev und SAB Miller und was das alles mit seiner eigenen kleinen Brauerei zu tun hat.

Dieser Tage erhalte ich besonders viele Anrufe von wohlmeinenden Personen: Sie hätten in der Zeitung von dieser Megafusion gelesen: InBev und SAB Miller. Der Größte frisst den Zweitgrößten. Dreißig Prozent des globalen Biermarkts in einer Hand!

Was verändert sich dadurch? Nichts! Wer die Biere dieses Giganten kauft, erhält dasselbe wie zuvor. Es ist noch nicht einmal zu erwarten, dass sich am Preis etwas ändern würde. Das Geld fließt nur in andere Taschen. Dann stellen wir uns noch mal dumm und fragen: Was soll das Ganze? An diesem Spektakel begreifen wir erneut, wie die Regeln des Kapitalismus funktionieren. Zwei große Aktiengesellschaften konkurrieren miteinander um Marktanteile. Man schaltet den Konkurrenten am besten dadurch aus, dass man ihn übernimmt.

SAB Miller spürt frühzeitig den Übernahmedruck, will seinerseits Heineken aufkaufen. Das misslingt. Dann geht es nur noch um den Preis. Die Börse freut sich, die Aktien von SAB Miller steigen um rund ein Viertel. Jeder merkt, da geht was! Analysten führen sogar die veränderte Parität vom Pfund zum Dollar auf den sich abzeichnenden Deal zurück. Bei Investmentbanken kommt Vorfreude auf, InBev wird Anleihen in einer Größenordnung von fünfzig Milliarden Euro ausgeben müssen.

Viele, die diese Transaktion begleiten, werden gute Geschäfte machen. Das Kalkül bei diesem Merge dreht sich um die Zauberformel Synergien schaffen! Man möchte sich die Profite des Konkurrenten einverleiben, durch dessen Vertriebsstruktur die eigene Einflusssphäre ausbauen, die Produktion weiter rationalisieren und das Portfolio um eingeführte Marken erweitern. Diese Geschichte kommt zu einem guten Ende, wenn durch solche riskanten Manöver mehr verdient wird. Spätestens jetzt sollte der Biertrinker noch einmal an sein Glas klopfen und sich erkundigen, was da eigentlich hineinkommt?

Gleichgültig ist mir das alles nicht, natürlich interessiert man sich für das, was in der eigenen Branche passiert, aber mir geht es vor allem deshalb gut, weil das so nicht mein Thema ist. Wir sind ein Salzburger mittelständischer Familienbetrieb und in Österreich zu Hause. Das einzige, was ich als Geschäftsmann wirklich muss, ist ein gutes Bier brauen. Mein Thema ist, kurz gesagt, das Produkt, das, was ins Glas kommt.

Das sagt sich so einfach, aber ich verkenne dabei nicht, dass man mit dieser Haltung zwangsläufig eine ganze Reihe von Entscheidungen zu treffen hat, die über den eigenen Horizont hinausgehen, denn jedes Wirtschaften findet in einem natürlichen und sozialen Kontext statt. Diesen Konsequenzen hat sich jeder Betrieb zu stellen. Nach meiner Überzeugung darf sich wirtschaftliches Handeln nicht im Geld verdienen Wollen erschöpfen. Der von mir sehr geschätzte englische Ökonom John Maynard Keynes hat diesen Zusammenhang auf den Punkt gebracht und seine Wissenschaft als eine moralische, keine naturwissenschaftliche bezeichnet, weil sie mit Werten zu tun hat. Diese Werte rücken ins Zentrum, wenn man die richtigen Fragen stellt: Wie gehen wir mit den natürlichen Ressourcen um? Denken wir vom Geld oder vom Gebrauchswert des Produkts her? Wie werden wir unseren sozialen Verpflichtungen gerecht?

Solche Probleme treiben mich um. Ich habe daher ein Buch geschrieben, das neulich erschienen ist: "Auf ein Bier mit John Maynard Keynes". Aha, mag so mancher denken, da sitzt offenbar ein kleiner Philosoph oben in seiner Brauerei und lässt uns seine Gedanken über Gott und die Welt wissen.

Falsch! Man muss dem Verbraucher nicht nur sagen, aus welchen Inhaltsstoffen unser Bier besteht, man muss auch Rechenschaft darüber ablegen, welche Haltung Stiegl den Fragen gegenüber hat, die ich oben aufgeworfen habe.

Jeder, mich eingeschlossen, hätte die Global Players gerne mal darauf angesprochen, warum sie ihre Gewinne nicht in dem Land versteuern, in dem sie erwirtschaftet wurden, warum sie nicht produzieren, wo die Firma ansässig ist, sondern in Billiglohnländern, oder woher genau sie ihre Rohstoffe beziehen. Ich setze darauf, dass der Verbraucher langfristig seine Kaufentscheidung von Antworten abhängig macht, die wir ihm als Produzenten geben.

Was wir im Moment auf dem Biermarkt erleben, ist eine Polarisierung: Auf der einen Seite globale Großbrauereien mit einem gigantischen Ausstoß, hoch rationalisierter Produktion und aggressivem Marketing, auf der anderen Seite Privat- und Kleinbrauereien mit einer Vielfalt von Produkten, die oft nur lokal wahrgenommen werden. Wenn ein Bier wie das andere schmeckt, dann geht es nur darum, wer das billigste anbietet. Wir sind in Österreich der Größte unter den Kleinen und wetteifern darum, wer das beste Bier braut. Das ist unser Ehrgeiz.

Deshalb haben wir in Wildshut ein Biergut mit biologischer Landwirtschaft gegründet. Wir gewinnen dort neue wertvolle Rohstoffe, eine Vielfalt von Urgetreiden, die wir selbst vermälzen, wir praktizieren Kreislaufwirtschaft und präsentieren im Resultat ein Bier, dem man eine kontrollierte Herkunftsbezeichnung aufkleben kann. Mit diesem Modellprojekt wollen wir den Beweis antreten, dass bei uns nicht nur schön geredet, sondern gehandelt wird.

Wie ich eingangs sagte, haben wir als Familienbetrieb die Freiheit, uns dem Zwang zur Profitmaximierung nicht beugen zu müssen. Stiegl ist keine Geldmaschine, sondern eine Brauerei.

Wir handeln mit einem Naturprodukt und sind daher dem nachhaltigen Wirtschaften verpflichtet. Unsere Wertschöpfung ist ausschließlich regional, wir beziehen unsere Rohstoffe aus Österreich und verarbeiten sie dort.

Nach solchen Ansagen treten sie wieder auf den Plan, die Pragmatiker und Spötter, die einen in die Ecke von Idyllikern drängen wollen, weil wir den Kern der Sache verbrämen würden.

Aber Fakten, die für unsere Haltung sprechen, gibt es genug: Österreich ist, was Produktion und Angebot angeht, einer der vielfältigsten Märkte für Bio-Lebensmittel weltweit. Regionalitätsaspekte beeinflussen heute die Kaufentscheidung bei Lebensmitteln wesentlich. Und, das ist fast das Wichtigste: Österreich ist traditionell das Land, in dem die Leute nicht nur essen und trinken, sondern genießen wollen.

Wenn ich mal die Sprache der Finanz- und Börsenleute karikieren darf: Das ist für mich ein "Emerging Market", dem wir uns mit unseren Mitteln und Möglichkeiten zuwenden, dem der ökologisch und sozial sauberen Produkte, der natürlichen und regionalen Vielfalt sowie der hohen Qualitätsstandards. Und das soll mein Thema bleiben.

ZUR PERSON

Heinrich Dieter Kiener , 59, ist geschäftsführender Gesellschafter von Stiegl.
Er ist Jurist und Betriebswirt.

Buchtipp

Heinrich Dieter Kiener "Auf ein Bier mit John Maynard Keynes" ist im Salzburger Ecowin-Verlag erschienen. € 19,95

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