Die Smartwatch – ein Anachronismus

Die Smartwatch – ein Anachronismus

Smarte Armbanduhren wie die Apple Watch verbinden sich mit Facebook und der Email-Inbox, um das Internet auf das Handgelenk zu bringen. Dabei wollen die meisten Besitzer einer Armbanduhr einfach nur wissen, wie spät es ist. Ohne sich dem Trubel der Online-Welt ergeben zu müssen.

Apple, das wertvollste Unternehmen der Welt, hat das Geheimnis um seine Armbanduhr gelüftet. Je nach Konfiguration kostet diese zwischen 399 und 10.000 Euro und hat eine Akkulaufzeit von bis zu 18 Stunden. Nochmal, ganz langsam, für alle zum Mitschreiben: „Bis. Zu. Achtzehn Stunden“. Schon bei normaler Nutzung dürfte es deutlich weniger sein. Das ist denkbar unpraktisch – vor allem, weil Nutzer die Apple Watch nach Vorstellung des Konzerns auch als Fitness-Tracker im nächsten Aktivurlaub verwenden sollen: Gibt es in Österreichs Wäldern genug Steckdosen für iFans, deren Watch leer ist? Ich denke nicht.

Aber das ist noch nicht einmal das größte Problem. Das ist vielmehr, dass Tech-Konzerne mit Smartwatches die falschen Produkte zur falschen Zeit veröffentlichen. Getrieben von der verzweifelten Suche nach dem nächsten großen Wurf.

Denn Samsungs Mobilfunksparte büßte zuletzt 64 Prozent beim Gewinn ein; im vierten Quartal 2014 verloren die Koreaner ihre Spitzenposition im Smartphone-Segment an den Erzfeind Apple. Dessen Geschäft läuft zwar blendend, hängt aber zu einem Gutteil an einem einzigen Produkt: Dem iPhone. Das iPhone trägt weit über die Hälfte zum Umsatz der Kalifornier bei. Das ist ein Problem – denn Marktforscher IDC zufolge sind die exorbitanten Steigerungsraten im Smartphone-Geschäft bald passé: Um 26 Prozent ist der weltweite Absatz 2014 gestiegen, heuer sollen es nur noch zwölf Prozent sein.


Die Suche nach dem Next Big Thing

Die Konzerne sind daher auf der Suche nach dem „Next Big Thing“, mit dem sie einen neuen Produktlebenszyklus starten können. Das sollen nun Armbanduhren sein. Also Produkte, die von Menschen noch immer gerne getragen werden, obwohl selbst einfache Handys von jeher die Uhrzeit anzeigen können. Produkte, die Kult- und Statussysmbole sind. Für die eine zahlungskräftige Klientel gerne auch einmal ein paar Tausender auf die Ladentheke legt.

Tech-Konzerne wollen an diesem Markt der Luxus-Accessoires mitnaschen. Die Hersteller sind auch überzeugt, bessere Produkte liefern zu können als die Rolexes und Rados dieser Welt.

Als „monofunktionale Devices“ hatte Apples CEO Tim Cook die klassischen Armbanduhren ein paar Monate vor der Vorstellung der Apple Watch abfällig bezeichnet. Sein Kritikpunkt: Die analogen Geräte können bloß die Zeit anzeigen, sonst nichts. Mit Apples Gerät hingegen kann man seinen Puls messen, mit der digitalen Assistentin Siri kommunizieren, im Supermarkt an der Kassa ohne Bargeld bezahlen – und vor allem kann sich die Uhr mit dem Smartphone verbinden, um den Besitzer über allerlei Neuigkeiten aus dem Web zu informieren: Wer hat mir eine Anfrage auf LinkedIn geschickt? Was tut sich in meiner Email-Inbox? Und wem gefällt das Foto, das ich auf Facebook geladen habe?

Doch dabei gibt es einen grundsätzlichen Denkfehler.

Denn viele Menschen haben eine analoge Armbanduhr, weil sie genau das nicht haben wollen, was die Smartwatch-Magier versprechen: Bei jedem Blick auf die Uhrzeit eine Verbindung zur Online-Welt. Sie haben genug von den aufmerksamkeitsheischenden Meldungen aus Facebook, Twitter und WhatsApp – sie wollen einfach nur wissen, wie spät es ist. Und das funktioniert auch offline, ohne den ganzen Trubel der digitalen Welt. Jahrelang, ohne einen Akku ein einziges Mal aufladen zu müssen.

Wer eine der Smartwatch-Funktionen nutzen will, besitzt dafür zumeist schon das richtige Gerät: Emails und Nachrichten aus Social Networks werden am Smartphone, Tablet oder - auch schon wieder etwas altmodisch - am Laptop gelesen. An der Kassa im Supermarkt wird in bar oder mit Bankomatkarte gezahlt. Wer Outdoor-Aktivitäten aufzeichnen will, für den gibt es Lösungen, die von Profi-Trackern wie jene von Garmin über Schrittzähl-Bänder wie das Jawbone UP bis zu gratis Apps wie Runtastic reichen. Smartwatches bieten hier keinen echten Mehrwert.


Vielleicht holt die reale Welt die Marketing-Versprechen irgendwann ein.

Die Marketing- und PR-Maschinen der Konzerne werden uns in den kommenden Monaten dennoch vorgaukeln, dass Smartwatches ein Renner sind. Das Must-have des Jahres. Wir werden Fernsehbeiträge sehen, in denen Menschen im regnerischen Aprilwetter Schlange stehen, um eine Apple Watch zu ergattern. Und das massive Marktwachstum wird bejubelt werden. Das wird allerdings kein Wunder sein, zumal Marktführer Samsung im Vorjahr erst 1,2 Millionen Smartwatches verkaufte; im Vergleich zu 1,3 Milliarden Smartphones, die 2014 weltweit von allen Herstellern verkauft wurden.

Vielleicht holt die reale Welt die Marketing-Versprechen der Konzerne irgendwann ein. Vielleicht wird die große Zeit der Wearable Devices, also Technologie in Kleidungsstücken und Accessoires, irgendwann tatsächlich kommen. Vielleicht, vielleicht bieten Smartwatches irgendwann auch einen echten Mehrwert. Vielleicht. Irgendwann, in ferner Zukunft. Derzeit gibt es allerdings noch kaum einen Grund, der für den Kauf einer Smartwatch spricht.

Kommentar

Standpunkte

Arne Johannsen: Erst die Pleite, dann das Dilemma

Kommentar

Standpunkte

Miriam Koch: Arbeitsmarkt, Ziegen, Roboter und wir

Standpunkte

Robert Hartlauer: Wie die Kleinen Händler den Großen Paroli bieten