Andreas Lampl: Setzen wir auf Langeweiler! Was Anleger aus der Krise lernen müssen.

„Wer langfristig für die Pension spart, darf Geld nicht Leuten geben, die kurzfristig nach Profit gieren.“

Wie halte ich mein Geld zusammen? Wo kriege ich noch eine halbwegs ansprechende Verzinsung? Nur kein Risiko! Die meisten Menschen, die über die richtige Anlage ihrer Ersparnisse nachdenken, wollen nach dem Horror, der im Herbst 2008 an den Finanzmärkten ausbrach, nur eines: Sicherheit. Aktien und Aktienfonds sind im Moment ungefähr so gefragt wie Skibekleidung im Hochsommer – oder wie Autos von General Motors und Chrysler. Nach dem Einbruch der Börsen – Wien: über 60 Prozent – ist das nicht weiter erstaunlich. Ganz abgesehen vom skandalösen Umgang mit Kleinaktionären in Fällen wie Immofinanz oder Meinl.

Anleger, die Geld verloren haben, sind aber nicht nur die armen Geschädigten, sondern auch mit schuld an der Maß­losigkeit der Finanzmärkte, die zum Zusammenbruch führte. Von überzogenen Rendite-Erwartungen waren in den vergangenen Jahren nicht nur die Profis der Branche befallen, sondern vielfach auch die Mitläufer. 15 Prozent, 20 Prozent oder mehr sollten die Manager liefern. Wer nicht mithielt, galt im besten Fall als langweilig. Die Binsenweisheit, dass ein solches System früher oder später explodiert, wurde gerne in den Wind geschlagen. Die Renditegier begünstigte den sogenannten „Short Termism“ in vielen Unternehmen: die kurzfristige Gewinnmaximierung, das Hetzen von Quartal zu Quartal. Nicht die behutsame Entwicklung der Geschäftsfelder wurde belohnt, sondern hektisches Ankündigungsmanagement. Der Deal, ob sinnvoll oder nicht, wurde zum Maß der Dinge.

Meist geschah das unter dem Deckmantel des Shareholder-Value.  Oft genug wurden dabei jedoch Werte vernichtet – siehe den Versuch von Daimler, durch den Kauf von Chrysler und Mitsubishi zur Welt-AG aufzusteigen. Der Erfinder des Begriffs Shareholder-Value, Alfred Rappaport, fühlt sich übrigens kräftig missverstanden. Der US-Ökonom meinte damit langfristiges, profitables Wachstum mit dem Ziel, den Cashflow zu steigern. Ihm ging es klar um die kontinuierliche Weiterentwicklung von Unternehmen. Stattdessen setzte sich durch, die Bezahlung von Vorständen und Fondsmanagern kurzfristig an die Aktienkurse zu binden. Auch Anleger haben diesen Missstand eher begrüßt als bekämpft.

Die Finanzkrise ist eine gute Gelegenheit, die Art und Weise, wie wir unser Geld anlegen, zu überdenken. Die Mehrzahl der Menschen will langfristig sparen, um für den Ruhestand oder die Ausbildung der Kinder vorzusorgen. Doch in zunehmendem Maße wurde das Vermögen Investmentfonds anvertraut, deren Manager für die kurzfristige Performance hohe Erfolgsboni kassieren, oder in Papiere von Unternehmen gesteckt, die vor allem von ihren Aktienoptionen getrieben werden. Das ist ein Missverhältnis, das nicht funktionieren kann. Denn kurzfristige Profitgier hat noch selten dauerhafte Werte geschaffen.

Der österreichische Kleinanleger wird das globale Finanzsystem nicht revolutionieren. Aber die Leute, die ganz einfach nur eine solide Verzinsung auf ihre Ersparnisse wollen, sind in anderen Ländern genauso geschockt. Wem sie ihr Geld unter welchen Bedingungen überlassen, das hat insgesamt eine gewaltige Veränderungskraft. Denn auch die großen Pensions- und Investmentfonds leben von diesen Mitteln.

Das Umdenken muss bei jedem einzelnen Anleger beginnen. Setzen wir bewusst auf die Langeweiler! Auf jene Unternehmen, die ihr Geschäft nachhaltig und nachvollziehbar ausbauen und nicht nur „Wheeling and Dealing“ betreiben. Nicht zufällig schnitt die fade Aktie der Post AG, wo die Erträge (zumindest bis zum Fall des Briefmonopols) gut vorhersehbar sind, im Crash-Jahr 2008 am besten ab.

Milliarden Euro flossen in den vergangenen Jahren allein in Österreich in Investmentfonds, ohne dass sich jemand dafür interessierte, was deren Manager damit genau tun. Damit sollte es vorbei sein. Wir wären gut beraten, nur noch Leuten Geld zu geben, die uns laufend ihre langfristige Perspektive beim Investieren nachweisen – und deren Erfolgsbonus sich danach orientiert. Und wir sollten uns bewusst machen, dass durchschnittlich fünf Prozent Rendite pro Jahr schon eine schöne Sache sind. Mehr ist auf Dauer ungesund für das System.

Nie war es einfacher als jetzt, den (nicht einlösbaren) Verlockungen von Finanzgurus zu widerstehen. Wir als Kunden müssen die Branche zwingen, ihr Selbstverständnis – und ihr Marketing – grundlegend zu ändern. Die Politik muss nicht nur die Kontrolle verstärken, sie kann auch helfen, die Inter­essen der Anleger zu kanalisieren und zu koordinieren. So könnte ein neues Verständnis von Shareholder-Value entstehen, das in der Folge der gesamten Volkswirtschaft dient (inklusive der Mitarbeiter der Unternehmen).
Wenn die Spielregeln an den Börsen bleiben, wie sie zuletzt waren, dann sollten alle, die nicht bewusst zocken wollen, künftig die Finger davon lassen.

lampl.andreas@format.at

Kommentar

Standpunkte

Arne Johannsen: Erst die Pleite, dann das Dilemma

Kommentar

Standpunkte

Miriam Koch: Arbeitsmarkt, Ziegen, Roboter und wir

Standpunkte

Robert Hartlauer: Wie die Kleinen Händler den Großen Paroli bieten