<small><i>Andreas Lampl</i></small>
Schlaraffenland

Alles wird gut! – Zugegeben, ein ziemlich platter Spruch, der im Angesicht der Tragödie in Japan, einem der Vorzeigeländer der Industrialisierung, entweder trotzige Zuversicht ausdrücken kann; oder auch den kindlich-naiven Trost-Ritus für eine ungewisse, vermutlich nicht rosige Zukunft. Gemeint ist Ersteres.

Die Vorzeichen dafür, dass die Weltwirtschaft in den kommenden 20 Jahren eine erquickliche Phase erlebt, stehen recht gut. Fernab von Hurra- Optimismus betrachtet, sind mehrere grundlegende Voraussetzungen gegeben, die Ökonomen als fruchtbaren Nährboden für eine länger anhaltende Boom-Phase, einen so genannten Superzyklus, ansehen. Zum einen das Auftauchen einer neuen Technologie. Das Internet und die Mobil-Machung der gesamten Informations- und Kommunikationstechnologie führen zu einem spürbaren Anstieg der Poduktivität.

Was zum Beispiel früher Dutzende Airline-Mitarbeiter erforderte, erledigt heute ein Internet-Server und ein Check-in-Automat. Zum anderen gibt es große Volkswirtschaften wie China und Indien, die in ihrem wirtschaftlichen Aufholprozess die übrige Welt mitziehen. Bis 2030, so lauten Prognosen, wird sich die Zahl der Menschen, die zur Mittelschicht zählen und somit Geld zum Konsumieren haben, weltweit von 1,5 auf 4,5 Milliarden verdreifachen. Selbst die aktuellen Revolten im arabischen Raum werden am Ende dazu führen, dass Milliarden Dollar nicht mehr auf Konten von Despoten verschwinden, sondern unters Volk kommen. Und schließlich führt die Globalisierung auch zum Fortschreiten der Urbanisierung, mit dem Effekt, dass die viel produktiveren Metropolen zulasten ländlicher Gebiete wachsen.

In Wahrheit befindet sich die Weltwirtschaft schon seit zirka zehn Jahren in einem guten Zyklus – allerdings jäh unterbrochen durch den Crash der Finanzmärkte, der ausgelöst wurde durch eine Welle des Übermuts und der Gier, weil es ja gar so schön lief. Aber wenn es gelingt, Investmentbanken in die Schranken zu weisen (und die Welt von Mega-Katastrophen verschont bleibt), wird der wirtschaftliche Aufschwung wahrscheinlich für ein, zwei Jahrzehnte anhalten. Es wäre also angerichtet. Bemühen, damit wir einen Happen abbekommen, müssen wir Österreicher uns aber schon selbst. Die Früchte werden uns weder in den Schoß fallen noch die Tauben wie im Schlaraffenland in den Mund fliegen.

Den Eindruck, dieses zu glauben, erweckt nur die Politik. Ein Irrtum, der sich als fatal erweisen könnte. Denn je veränderungsresistenter ein System ist, desto weniger wird es von den vorhandenen Potenzialen profitieren können. Es muss Österreich bewusst sein, dass klassische Produktionsarbeitsplätze in Richtung derzeitiger Schwellenländer verloren gehen werden. Dennoch bliebe auch für ein europäisches Hochlohnland genügend Platz, wenn es seine Wirtschaft konsequent auf Kreativität und Innovation trimmt. In den Bereichen Umwelttechnologien, neue Verkehrskonzepte und – topaktuell – Energieeffizienz stehen ausreichend Betätigungsfelder offen. Und die Aufzählung ließe sich fortsetzen.

Was das mit Politik zu tun hat? Erstens: So wie die Bildungsreform (nicht) angegangen wird, läuft Österreich Gefahr, im Qualifikationswettbewerb, den dieser Transformationsprozess mit sich bringt, den Anschluss zu verlieren. So wird sich etwa der Mangel an Technikern und Naturwissenschaftern schon bald schmerzhaft bemerkbar machen. Zweitens: Je mehr Ressourcen eine ineffiziente Verwaltung und die Zinsverpflichtungen für einen jährlich steigenden Schuldenberg binden, umso weniger Geld kann eine Volkswirtschaft in die Förderung und Entwicklung neuer Ideen investieren. Was die Regierung nicht daran hindert, immer neue Schulden zu machen, um das alte System zu stützen.

Besonders beängstigend ist dabei der Zustand der ÖVP. Die sollte eigentlich federführend für wirtschaftspolitische Impulse zuständig sein (die von der SPÖ ohnehin kaum mehr erwartet werden). Stattdessen ist die Volkspartei paralysiert zwischen Strasser und Grasser, deren liebste Ressource jene ist, die in die eigene Tasche wandert. Und im ÖVP-Parlamentsklub wirft man einander Unfähigkeit und Untätigkeit vor. Weil das auf die Unternehmen des Landes nicht zutrifft, wird aber trotz der politischen Ignoranz vieles gut werden!

lampl.andreas@trend.at

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