Andreas Lampl: Lohnkürzungen sind bitter, aber besser als zehn Prozent Arbeitslose

„Lohnverzicht heißt weniger Konsum. Eine Massenarbeitslosigkeit heißt noch weniger Konsum.“

Kann ein G’spritzter gesund sein, aber ein Viertel Wein schädlich? Ähnlich schräg argumentieren im Moment die Gewerkschaften: Kurzarbeit hui, Lohnverzicht pfui. Dabei gehen beide Maßnahmen nur in unterschiedlichen Ausprägungen in die genau gleiche Richtung: die vorübergehende Senkung der Lohnkosten, um sinkende Umsätze zu kompensieren, anstatt im größeren Stil Beschäftigte kündigen zu müssen. Kurzarbeit wird staatlich subventioniert und ist teurer für das Unter­nehmen. Manche Betriebe müssen daher die härtere Variante erwägen, um über die Runden zu kommen. Aber wo ist der große Dammbruch, wenn offenbar auch die Gewerkschaft akzeptiert, dass die Lage bedrohlich genug für Kurzarbeit ist?

Viele Betroffene haben da einen realistischeren Blick. Die Warnungen vor der „Modeerscheinung Lohnverzicht“ werden immer öfter verhallen. Eine Belegschaft, die vor der Wahl steht, zehn Prozent der Arbeitsplätze oder im Schnitt zehn Prozent des Lohns zu verlieren, wird sich mehrheitlich für Zweiteres entscheiden. So geschehen beim Autozulieferer ­Magna. Und so wird es auch bei Textilproduzenten oder bei Maschinenbaubetrieben laufen, wo Ähnliches diskutiert wird. In Deutschland mussten Weltkonzerne wie Daimler oder Bosch die Löhne kürzen. Es kommt wohl vor, dass Unternehmer ihren Leuten unverhohlen drohen: „Wer nicht unterschreibt, fliegt.“ Das ist schlechter Stil und inakzeptabel. In den meisten Fällen braucht es aber den von Gewerkschaftern heftig beklagten Druck nicht: Denn Jobabbau ist die automatische Konsequenz, wenn sich rückläufige Einnahmen nicht auf andere Weise mit reduzierten Ausgaben in Einklang bringen lassen.

Dass die Warnungen vor Massenarbeitslosigkeit ernst zu nehmen sind, sollte langsam klar sein.  500.000 Arbeitslose bis Jahresende werden plötzlich von der Politik nicht mehr wütend als Hirngespinst abgetan. Es könnten sogar mehr werden, wenn nicht viele einzelne Kraftakte in den Betrieben greifen – inklusive Tabubrüche wie „freiwilliger“ Lohnverzicht.
Es herrscht vielerorts Ausnahmezustand, also müssen auch besondere Regeln gelten: nicht nur für Arbeitnehmervertreter, vor allem auch für Unternehmer.

Erstens müssen die Karten auf den Tisch. Ein Manager, der von seiner Belegschaft einen zeitlich befristeten Beitrag zur Krisenbewältigung verlangt, muss die Situation des Unternehmens ohne Tricks offen­legen. Bei einschneidenden Maßnahmen, wie es eine Lohnkürzung ist, hat der Betriebsrat das Recht auf eine klare Vereinbarung über die betriebswirtschaftlichen Ziele, die auch genau festlegt, ab welchem Punkt die Löhne wieder angehoben werden. Der Verdacht, dass so mancher Unternehmer ­Profit aus der Krise schlagen will, indem er sich bei seinen Leuten bedient, ist sicher nicht immer falsch. Hier heißt es für die Gewerkschaft, auf der Hut zu sein. Generelle Blockadehaltung ist hingegen nicht angesagt.

Zweitens wären stärkere Signale der „Kapitalisten“ wünschenswert. Der Vorwurf normalsterblicher Lohnempfänger ist häufig berechtigt: „In guten Zeiten verdienen die da oben ­Millionen, in schlechten Zeiten sollen wir zahlen.“ Manager von Kapitalgesellschaften sind noch eher bereit, ebenfalls ­Verzicht zu üben. Aber private Firmenbesitzer können sich nur selten überwinden, einen namhaften Beitrag aus ihrem – in Boomphasen angehäuften – Privatvermögen zu leisten.

Drittens muss auch ein Lohnverzicht von Mitarbeitern als eine Art Investition ins Unternehmen gesehen werden.  Damit wird – wie bei Kapitalgebern – der Anspruch auf eine Rendite erworben: zum Beispiel in Form einer Beteiligung an künftigen Gewinnen (wie es bei Magna in Ansätzen der Fall ist). Verwehrt sich ein Firmenlenker dagegen, ist Vorsicht geboten. Letztlich ist die Akzeptanz von Notfallmaßnahmen auch eine Frage der Unternehmenskultur. Und diese kann durch gemeinsam bestandene Krisen sogar nachhaltig verbessert werden.

Unsinnig sind Forderungen, dass ein Betrieb nichts mehr investieren oder keine Akquisitionen tätigen darf, solange Lohnkürzungen laufen. So etwas wäre betriebswirtschaftlicher Selbstmord. Wirklich heikel ist hingegen die Frage der Dividendenausschüttung. Zumindest sollte der Verzicht der Ak­tionäre größer sein als jener der Beschäftigten. Natürlich birgt jede Lohnreduktion die ernste Gefahr einer Anheizung der Deflation – die teuflische Spirale von sinkenden Preisen und abnehmender Wirtschaftsleistung durch den Rückgang des Konsums. Mit diesem Argument hat die ­Gewerkschaft Recht. Trotzdem taugt es in der aktuellen Lage wenig. Denn das Gleiche gilt schon, wenn die Menschen aufgrund von Kurzarbeit weniger Geld in der Tasche haben. Und erst recht, wenn zehn Prozent der Bürger oder noch mehr von der Arbeitslosenunterstützung leben müssen. Dann wird insgesamt noch weniger konsumiert als bei einer Verteilung der Lasten auf möglichst viele Schultern.

lampl.andreas@format.at

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