Andreas Lampl: Jammern hilft nichts, sich vor der Wahrheit zu verstecken auch nicht

„Wir werden uns auf spürbare Einbußen beim kollektiven Wohlstand einrichten müssen.“

Psychologisch gesehen spricht vieles dafür, ein Glas immer noch als halb voll zu sehen, auch wenn schon der Grund durchschimmert. Es kann aber der Punkt kommen, an dem es sinnvoller ist, sich selbst und anderen reinen Wein einzuschenken. Eine verdammt schwierige Entscheidung: Sollten die Lenker in Politik und Wirtschaft den größtmöglichen Optimismus an den Tag legen oder die Dinge beim schlimmen Namen nennen? Delle oder Totalschaden? Zweiteres birgt die ernste Gefahr, dass schlechte Stimmung die Unternehmen noch weiter nach unten zieht. Auf der anderen Seite kann eine rosa Brille irgendwann den Blick trüben – und den Eindruck der Hilflosigkeit erzeugen.

Wir erleben derzeit die laufende Anpassung der Wirtschaftsaussichten nach unten: plus ein Prozent, Nullwachstum, minus ein Prozent, vielleicht aber auch minus drei Prozent. Ganz ­leise bangen manche Politiker schon, dass die Wirtschaft in Österreich 2009 sogar um fünf Prozent schrumpfen könnte: ein leider ganz und gar nicht unmögliches Szenario. Der Einbruch in der Industrie ist dramatisch. Machinenherstellern mit Kunden aus der Autozulieferbranche sind die Aufträge um 50 Prozent und mehr eingebrochen. Die Zahl der Arbeitslosen steuert rasant auf die Marke von 400.000 zu. Die Schlüsse aus solchen Zahlen zu ziehen ist für keinen lustig, der prinzipiell positiv denkt. Aber die Politik wird umso unglaubwürdiger, je öfter sie ihre Prognosen (oder jene der Wirtschaftsforscher) nachbessern muss. Gleichzeitig sinkt das Vertrauen in die Handlungsfähigkeit der Regierung.

Die Krise hat schon bei den Wahlen am letzten Wochenende viele Wähler den Rechtspopulisten in die Arme getrieben.  FPÖ und BZÖ haben in Salzburg und Kärnten aus der Verunsicherung der Menschen kräftig Kapital geschlagen. Aber das ist erst ein zarter Vorgeschmack auf das, was sich an sozialen Spannungen weltweit wahrscheinlich bald entladen wird: Massenaufstände nicht nur in Schwellenländern wie China, sondern Unruhen auch in Europa. Protestbewegungen wie Attac haben erhöhten Zulauf, Kapitalismuskritiker formieren sich (wofür angesichts eines Herrn wie Stan O’Neal, der von Merrill Lynch 150 Millionen Dollar mitbekam, nachdem er die Firma ruiniert hatte, sogar ein gewisses Verständnis aufzubringen ist). Die Regierungen in Europa haben noch keine Antworten, um diesen Bedrohungen entgegenzuwirken. Endgültig hat sie niemand. Aber Ratlosigkeit zur Schau zu stellen, wie das die große Koalition in Österreich immer wieder tut, ist ganz sicher das untauglichste Rezept. Hoffen, dass es vielleicht nicht ganz so schlimm wird, oder Taktieren, um nicht als Überbringer der schlechten Nachricht dazustehen: Dafür ist die Zeit vorbei. Jetzt ist nur noch Entschlossenheit angesagt, die Vorlage von Notfallplänen und eine glaubwürdige Krisenkommunikation. Nicht jammern, aber auch nicht um den heißen Brei herumreden.

Konjunktur- und Hilfspakete sind gut, richtig und höchst notwendig. Aber sie bewahren weder Kanzler noch Finanzminister davor, unangenehme Wahrheiten auszusprechen. Jahrelang hat ein außer Rand und Band geratenes Finanzsystem eine mit Wahnsinnskrediten finanzierte Blase aufgebaut. Dieser Last wird sich die Welt nicht in sechs Monaten entledigt haben. Wir werden uns (ziemlich sicher) auf spürbare Einbußen beim kollektiven Wohlstand einrichten müssen – viele zum ersten Mal in ihrem Leben. Wir werden, wenn das Schlimmste überstanden ist, einen Berg an Staatsschulden und die unweigerlich damit verbundene Inflation abtragen müssen. Der Gefahr mutig ins Auge zu blicken ist aber allemal besser, als sich zu verstecken. Und wird von den Menschen letztlich auch honoriert.

Der Schulterschluss zwischen Wirtschaft und Politik muss noch viel enger werden, um effizient gegensteuern zu können. Symbole wie ein Maßhalten bei der Managergehältern gehören dabei zu einem Gesamtpaket. Das unter der jetzigen Regierung in Mode gekommene Manager-Bashing (vor allem in staatsnahen Unternehmen) ist hingegen kontraproduktiv. Die Staatsholding ÖIAG befürchtet seit Wochen, dass ihr in diesem Klima die Leute davonrennen könnten. Zu Recht. Gerade sind innerhalb von zwei Tagen Telekom-General Boris Nemsic und Post-Chef Anton Wais zurückgetreten. Die betroffenen Unternehmen werden dadurch sicher nicht besser. Auch wenn die beiden Bosse offiziell sagen, wegen ihrer Wickel mit der Politik hätten sie nicht das Handtuch geworfen. Ihre Motivation, weiterzumachen, hat das ständige Hickhack wohl nicht erhöht. Anstatt die Leute zu Höchstleistungen anzuspornen, wurden sie in endlose Streite über die Schließung von Postämtern oder eine Beschäftigungsagentur für Beamte verwickelt. Ein Politiker, der hofft, dass jetzt pflegeleichtere Typen nachfolgen, die dem Machtanspruch des Staates möglichst wenig Widerstand entgegensetzen, hat den Ernst der Lage noch immer nicht erkannt. Ohne starke Manager wird der Absturz noch schlimmer.

lampl.andreas@format.at

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