Andreas Lampl: Heckflossen-fixierte Politiker versenkten die AUA, die Manager schwiegen

Der Finanzkrise verdankt der Staat sein Comeback als Ordnungsmacht in der Wirtschaft. Das ist okay, solange es um neue gesetzliche Reglements vor allem für die Finanzbranche geht. Das ist aber brandgefährlich, wenn damit ein Comeback des Staates als Unternehmer gemeint ist. Siehe: das AUA-Desaster. An diesem sind vor allen anderen die Politiker schuld – gleich welcher Farbe. Aus wahl- und parteitaktischen Gründen redeten sie sich und uns jahrelang ein, die AUA sei allein überlebensfähig. In Wahrheit wusste jeder, der sich nur ansatzweise im Airline-Geschäft auskennt, schon vor drei Jahren, dass die Stand-alone-Strategie ein Selbstmordkommando ist. Hätte man damals verkauft, wäre man ohne Zuschuss von Steuergeld über die Runden gekommen.

Kein Regierungspolitiker kann sagen, er habe das Fiasko nicht kommen sehen. Im Jahr 2004 pilgerte ÖIAG-Chef Peter Michaelis – nicht das erste Mal – zum Finanzminister mit der dringenden Bitte um einen Privatisierungsauftrag. Karl-Heinz Grasser, der selbst ernannte Oberprivatisierer, erklärte sinngemäß: „Sie können alles verkaufen, nur nicht die AUA.“ Er fürchtete ein politisches Waterloo. Denn SPÖ, ÖVP, FPÖ und Gewerkschaften stritten sich geradezu, Schutzpatron für das Nationalheiligtum spielen zu dürfen. Für ein durch und durch marodes Heiligtum: In einem der besten Jahre der Airline-Geschichte, 2007, machte die AUA drei Millionen Euro Gewinn – mit 40 Millionen Sondererträgen aus Verkäufen. Sogar da war das Fluggeschäft tiefrot – wie in all den Jahren davor ebenso.

Die ÖIAG hat mehrere Regierungen auf den drohenden Absturz der AUA hingewiesen. Es gab Studien von Beratern und Dutzende Aussagen von Experten. Die Politik hat alle Warnungen in den Wind geschlagen. Der derzeit zuständige Finanzminister Wilhelm Molterer schaute weg. Dass der künftige Kanzler Werner Faymann gar noch dieser Tage von der rot-weiß-roten Heckflosse fantasierte, ist eine Verhöhnung der Bürger. Die Farbe der Heckflosse ist unsere geringste Sorge. Die AUA steht vor dem Konkurs. Das einzige Bemühen kann nur noch sein, sie mit dem geringstmöglichen Aufwand von Steuergeld bei einer großen Airline unterzubringen.

Und die zuständigen Manager? Bevor AUA-Chef Alfred Ötsch 2006 antrat, musste er der Regierung einen Alleingang der AUA zusagen. Sonst hätte er den Job nicht bekommen. Gut. Aber Ötsch kann sich nicht davonstehlen. Er hat sich, um Generaldirektor zu werden, gegen jede ökonomische Logik dar­auf eingelassen. Wenn er jetzt argumentiert, er habe nur einen Auftrag erfüllt, und sagt, diese Strategie sei nicht seine Idee gewesen, so hilft das nichts mehr. Noch dazu, wo Ötsch bis April offiziell am Stand-alone-Kurs festhielt. Als Vorstand hätte er die Pflicht gehabt, den besten Weg für die AUA einzuschlagen oder – wenn er daran gehindert wird – zurückzutreten.

Ähnliches gilt für ÖIAG-Boss Michaelis. Ihm kann man zugutehalten, dass er die immer bedrohlichere Schieflage der Fluglinie erkannt und hinter den gepolsterten Türen von Regierungsbüros auch mitgeteilt hat. Aber nur dort. Öffentlich schwieg er und machte sich dadurch zum Handlanger ignoranter Politiker. Das willfährige Verhalten von Michaelis und Ötsch ist auch aus aktienrechtlicher Sicht problematisch: Denn beide sind nicht nur dem AUA-Haupteigentümer Staat, sondern auch den vielen Kleinaktionären verantwortlich. Und ­diese haben durch die Blockade eines rechtzeitigen Verkaufs der AUA viel Geld verloren.
Nun müssen Michaelis und Ötsch anstatt der Heckflossen-fixierten Politiker als – sehr gut bezahlte – Prügelknaben herhalten. Das ist nicht ganz gerecht, aber eigentlich wieder doch.

Natürlich hat eine Airline Bedeutung für den Standort und damit für die Volkswirtschaft. Das ändert aber nichts daran, dass Österreich für einen eigenständigen Netzwerk-Carrier wie die AUA schlicht zu klein ist. Im globalisierten Flugbusiness geht sich das nie und nimmer aus. Der Zeitpunkt wurde versäumt, wo mit einem Big Player neben einem Kaufpreis auch die optimale Absicherung des Standorts (inklusive Flughafen) hätte verhandelt werden können. Inzwischen verliert die AUA eine halbe Million Euro pro Tag. Es geht einzig um Schadensbegrenzung: Die Lufthansa hat (für einen Notverkauf) annehmbare Zugeständnisse für den Erhalt des Streckennetzes gemacht, 500 Millionen Zuschuss vom Staat sind immer noch das kleinere Übel. Wurschtelt die AUA allein weiter, kostet das den Steuerzahler noch mehr, ohne dass am Ende etwas herauskommen wird.
Ein anderer Interessent als die Lufthansa wird sich nicht finden, der die AUA zu besseren Konditionen übernimmt – und gleichzeitig ihr Überleben garantieren kann. Je länger der Verkaufsprozess dauert, desto größer wird die Insolvenzgefahr. Dem Steuerzahler käme eine Pleite zwar billiger, weil dann die Banken den Großteil der Zeche begleichen müssten. Für den Standort wäre diese Variante aber weniger ideal.

lampl.andreas@format.at

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