Andreas Lampl: Die gefährlichsten Nulllohn-Runden sind Menschen mit null Lohn

„Wer in guten Zeiten überproportional profitiert, muss nun einen überproportionalen Beitrag leisten.“

Nulllohnrunde ist nicht nur wegen der Schreibweise mit dem Dreifach-L ein unschönes Wort. Ein Reizwort, ideal für die tagespolitische Auseinandersetzung oder für TV-Konfrontationen. Befürworter und Gegner sind ideologisch exakt abgesteckt. Sinnlos ist der Streit um Nulllohnrunden trotzdem. Sinnlos, weil alles, was die Sozialpartner jetzt aushandeln, für viele Menschen in naher Zukunft kaum Bedeutung haben wird. Abertausende Beschäftigte werden jenseits ideologischer Positionen auf der Ebene ihrer Firma mit dem Ansinnen eines – nicht besonders freiwilligen – Gehaltsverzichts konfrontiert sein. Der Autozulieferer Magna setzt als erstes Unternehmen diese Maßnahme um, zahlreiche weitere werden folgen. Die Gewerkschaften werden gewiss nicht applaudieren, aber ihren erbitterten Widerstand aufgeben. Weil die Alternative die Explosion von Null-Lohn-Runden wäre: immer größere Kreise von Menschen nämlich, die null Lohn erhalten, weil sie keinen Arbeitsplatz mehr haben.
Gleich, ob Kollektivvertragsverhandlungen 0,5 oder drei Prozent mehr Lohn ergeben – viele Betriebe werden vor der Frage stehen: temporär 20 Prozent weniger Einkommen für alle – oder 20 Prozent der Belegschaft müssen gehen. Das ist nicht fortgesetzte Schwarzmalerei (die FORMAT stets zu vermeiden versuchte), sondern nüchterne Einschätzung: Manche Branchen müssen Auftragsrückgänge von 50 Prozent und mehr verkraften. Zum Glück gilt das nicht für alle Wirtschaftszweige, Handels- oder Energiekonzernen geht es recht gut. Deshalb sind individuelle Regelungen auf Betriebsebene das Gebot der Stunde – wie sie in Skandinavien bereits praktiziert werden.

Natürlich sind Einschnitte beim Lohn immer eine Gefahr für die Konsumbereitschaft.  Weshalb Wirtschaftsminister Mitterlehner erst kürzlich davor warnte. Aber wird mehr Geld ausgegeben, wenn neun Leute ihre Gage behalten (oder ein bisschen was draufkriegen) – und dafür einer seinen Job verliert? Und selbst wenn: Ist das der sozialere Weg?
Diese Frage wird in den nächsten Monaten für reichlich Zündstoff sorgen. Denn: Zehn Prozent Arbeitslose schon zu Jahresende 2009 sind kein irrationaler Pessimismus. Das Budget von Finanzminister Pröll basiert zwar auf den aktuellen Zahlen der Wirtschaftsforscher: 2,2 bzw. 2,7 Prozent Rückgang des BIP. Pröll weiß aber – und bei weitem nicht nur er: Diese Werte sind deutlich zu optimistisch angesetzt. Dass die heimische Wirtschaft heuer um wenigstens vier Prozent schrumpfen wird, soll der Bevölkerung offenbar nicht auf einen Schlag zugemutet werden. Dieses politische Kalkül wird aber nicht verhindern, dass die Arbeitslosigkeit, die schon jetzt mit bis zu sieben Prozent prognostiziert wird, in Richtung Zweistelligkeit anwachsen wird. Es sei denn, man kann sich auf außergewöhnliche Lösungen im Personalbereich verständigen. In zahlreichen Unternehmen wird ein Jobabbau nur zu verhindern sein, wenn die Mitarbeiter Lohnkürzungen in Kauf nehmen – und dafür weniger arbeiten oder auch nicht.
Die Rolle der Gewerkschafter und Betriebsräte ist dabei die des strengen Aufpassers: Damit skrupellose Unternehmer und Manager die Situation nicht dazu nützen, ohne Not das Gehaltsniveau nach unten und die Gewinne hochzuschrauben. Standort- und Beschäftigungsgarantien müssen als Gegenleistung genauso selbstverständlich sein wie die zeitliche Begrenzung solcher Notverordnungen.

Besonders wichtig: Noch vor den Mitarbeitern müssen andere verzichten.  Und zwar nicht bloß in homöopathischen Dosierungen. Eigentümer von Unternehmen, Aktionäre und Manager profitieren in guten Zeiten weit überproportional. Sie müssen auch einen überproportionalen Beitrag leisten, wenn der Karren im Dreck steckt. Wer seinen Leuten Einbußen abverlangt, darf – wenn überhaupt – nur sehr, sehr maßvoll Dividenden ausschütten und Gewinne auszahlen. Von Typen wie dem milliardenschweren deutschen Schrauben-Kaiser Reinhold Würth sind Solidaritätsappelle blanker Hohn: Würth vergnügte sich kürzlich mit Gästen auf seiner gerade erstandenen 100-Millionen-Dollar-Luxusyacht, während er in seinen Betrieben Kurzarbeit verordnete.
Auch angestellte Manager verdienen in fetten Jahren sehr viel Geld – selbst in Österreich zuweilen Millionen. Es reicht nicht, wenn sie jetzt großzügig auf Bonuszahlungen verzichten, die vielleicht aufgrund ausbleibender Gewinne sowieso hinfällig wären. Um Zugeständnisse der Belegschaft zu erreichen, braucht es stärkere Signale – was zum Beispiel Magna-Boss Siegfried Wolf erkannt hat. Allzu ausgeprägt ist die Bereitschaft, etwas herzugeben, in den Managementzirkeln häufig jedoch nicht (wobei sich nicht selten weniger die Firmenspitze, sondern die Führungskräfte der zweiten und dritten Ebene an ihre Supergagen klammern). Hier fehlen auch von Institutionen wie der Industriellenvereinigung noch deutlichere Worte: Einkommensverzicht funktioniert nur von oben nach unten.

lampl.andreas@format.at

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