Andras Weber in 'formatiert': Die "dekadenten Arschlöcher" an die Leine legen

„Der Finanzsektor als Eier legende Wollmilchsau: Das stellt sich die Politik jetzt so einfach vor.“

Kriegt das derzeit gerne strapazierte Feindbild „Spekulant“ plötzlich ein reales Gesicht, kann es einem kalt über den Rücken laufen. Kürzlich saß ein gewisser Gerald Hörhan bei Ingrid Thurnher im ­„ZiB 2“- Studio. Der Mann ist 34, fährt Aston Martin DB9 und hat als Investmentbanker ein Millionenvermögen gemacht. Mit dicker Rolex am Handgelenk, die rötlich gefärbten Haare zum Hahnenkamm hochgegelt, leicht unstetem Blick, als wäre er auf der Flucht vor Steinhof-Wärtern, fabuliert er: „Es wird wenige geben, die viel haben – und viele, die nichts haben.“ Hörhan hat nämlich auch ein Buch geschrieben und wird gerade als „dekadentes Arschloch“ (Eigendefinition) und „Investment Punk“ (Titel seines Werks) in Talkshows herumgereicht.

Master of the Universe

Hörhan beschimpft darin die breite Mittelschicht als ökonomische Einzeller. Die zahle die meisten Steuern und gebe ihre Zukunft am Bankschalter ab – für Eigenheime auf Pump und Leasingraten für neue Autos. Und als Kleinaktionäre würden die „chronischen Anfänger“ dann auch noch vom „System abgezockt“. Er, Hörhan, sei als Master of the Universe immer auf der Gewinnerseite. In Harvard Mathematik studiert, bei J.P. Morgan an der Wall Street gejobbt, auf Du und Du mit den Tricks der Finanzwelt. Und immer einen Sager gegen die ach so blöden Normalos auf den Lippen: „Ich gehöre zu denen, die eurer ziemlich bescheuerten Meinung nach die Weltwirtschaft ruiniert haben. Die ihr dafür hasst, dass sie auch dann fantastisch verdienen, wenn euch gerade wieder einmal die Folgen einer Weltwirtschaftskrise auf die Köpfe fallen.“ Ja, Hörhan steht dazu, ein „gieriger Abzocker“ zu sein. Sein Fuhrpark hat ja insgesamt erst 1.000 Pferdestärken, ein bisserl mehr könnten es schon noch sein.

Faymanns Rettung

So einen Typen muss der Himmel geschickt haben: Wenn die Faymanns Europas nach einem unschlagbaren Argument für ihren Kampf gegen Finanzjongleure gesucht haben, hier ist es. Die SPÖ sollte Hörhan einen Bugatti Veyron (1.001 PS) spendieren und ihn für das EU-Bürgerbegehren für Transaktionssteuern auf Vortragsreise schicken. Am Ende wäre wahrscheinlich auch der letzte Marktliberale von strikter Regulierung überzeugt.
Wobei sich nach dem 750-Millarden-Euro-Rettungspaket mittlerweile nicht nur unter Sozialdemokraten, sondern auch bei den Konservativen die Erkenntnis durchgesetzt hat, dass nun die „Verursacher“ der Krise zur Verantwortung zu ziehen seien. Diesmal aber wirklich. Die EU legt jetzt erst mal ­Hedgefonds an die Leine, in Deutschland wurden über Nacht de­stabilisierende Leerverkäufe verboten.
„Ein Meilenstein“, jubelt Finanzminister Josef Pröll. Und das soll erst der Anfang gewesen sein in der Aktion scharf gegen die Hörhans dieser Welt. Man muss kein Attac-Anhänger sein, um Fehlentwicklungen auf dem Geldsektor zu konstatieren. Wie der Ökonom Stephan Schulmeister nachweist, ist das Volumen globaler Finanztransaktionen 73,5-mal höher als die gesamte Weltwirtschaftsleistung (Welt-BIP). 1990 war es nur 15-mal so hoch. Dieser enorme Anstieg ist ausschließlich „Folge der Expansion der Derivatmärkte“ (Schulmeister). Das hat auch mit ständig steigenden Kapazitäten von Computer und Internet zu tun sowie kreativen Mathematikern à la Hörhan, die immer raffiniertere Spekulationsprogramme entwickeln. Mit Realwirtschaft hat das nur noch am Rande zu tun. Eine generelle Transaktionssteuer würde nicht nur Geld in die Staatshaushalte spülen, sondern auch dämpfend auf diesen wahnwitzigen Finanzkreislauf wirken. Insoferne wäre sie auch sinnvoll.

Welche Transaktion werden besteuert?

Die Crux liegt wie immer im Detail: Strittig ist nicht nur, welche Transaktionen besteuert werden sollen und wie man diese kontrolliert, sondern auch, unter welchen Umständen sie eingeführt wird. Selbst wenn es der EU gelingt, die USA, Zentrum der Weltfinanz, ins Boot zu holen, heißt das noch lange nicht das Ende aller Spekulation. Dann steigt halt der Handel in Shanghai oder Hongkong an. „Dort ist das Kapital noch weniger transparent und reguliert als in Europa“, analysiert Investmentbanker Willi Hemetsberger trocken.

Ein österreichischer Alleingang bei der Transaktionssteuer gegen die globale Finanzwirtschaft ist sowieso sinnlos. Und eine leicht machbare Börsenumsatzsteuer wäre, wie Hannes Androsch formuliert, „eine fiskalpolitische Lachnummer“. Man kann sie machen, sie wird die hiesige Wirtschaft nicht killen, aber die 150 Millionen daraus sanieren auch nicht das Budget.

Das laute Ausschnaufen der Politik nach dem Kraftakt gegen die Hedgefonds macht daher schon wieder skeptisch. Zwar ist es höchste Zeit, dass die Politik die Gestaltungshoheit über allgemein gesellschaftlich relevante Prozesse – das Geldwesen gehört auch dazu – zurückerobert und Verwerfungen korrigiert. Der Verdacht liegt aber nahe, dass viele regierende Politiker die Besteuerung des Finanzsektors nun als Eier legende Wollmilchsau zur Abdeckung der Staatsdefizite hernehmen wollen, weil’s bequem und populär ist. Spekulanten wie Hörhan würden wohl darauf wetten, dass die dringend nötige Budget­sanierung so nicht gelingen kann – und wieder viel Geld damit verdienen, neue Regeln hin oder her.

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