A. Weber in 'formatiert': Michael XV. – lieber ohne Aura

Katholisch, bieder, braver Arbeiter, zäher Machttechniker: Was der neue ÖVP-Chef leisten kann.

Die Hamburger „ Zeit “ widmete sich kürzlich der auf den ersten Blick eher seltsamen Frage: „Ist es gut, dass jetzt Politiker gefragt sind, denen Charisma und Persönlichkeit eher fremd sind?“ Deutschland steht da gerade unter Schock. Der als Heilsbringer verehrte Verteidigungsminister Guttenberg musste wegen der Plagiatsaffäre gehen.

Im Zuge der Merkel’schen Kabinettsumbildung rücken ziemlich langweilige Sachpolitiker nach. Unsere Nachbarn sind es gewohnt, von Politikern mit spektakulären Lebensläufen regiert zu werden: von der Ossi-Frau Merkel, die es als Physikerin zur ersten Kanzlerin gebracht hat; vom Arme-Leute-Bub Schröder, der als Sozialdemokrat mit Brioni-Anzügen und Cohiba-Zigarren auftrumpft, aber mit dem Rückbau des Sozialstaats den Grundstein für das jetzige Wirtschaftswunder legt – und dafür abgewählt wird.

Oder eben von Karl Theodor Maria Nikolaus Johann Jacob Philipp Franz Joseph Sylvester Freiherr von und zu Guttenberg, Spross eines 700 Jahre alten Adelsgeschlechts.

„Der Adelige geht, der Untadelige kommt“, schreibt die „Zeit“ zum Stilwandel in Berlin und postuliert: „Lieber ohne Aura“. Biografien und Attitüden würden längst nicht weiterhelfen bei der Frage, wer wohl wie regieren wird.

Die ÖVP wird am Freitag in Innsbruck Michael XV., den Biederen, inthronisieren

Die Ausgangslage für Spindelegger als 15. Parteiobmann seit 1945 ist dramatisch: In Umfragen Nummer drei, inhaltlich leergespült, die Partei steht für nichts mehr. Mit Josef Pröll wurde gerade das letzte Ausnahmetalent verschlissen. Die ÖVP ist dabei, sich in ihre Bünde-Länder-Interessen aufzulösen. Das interessiert in der richtigen Welt zwar niemanden, ist aber intern gelebte Realität.

Neu ist, dass die ehemalige Wirtschaftspartei ÖVP gerade ihre letzte Kompetenz verspielt. Die Attacke von Erste-Chef Andreas Treichl, in den 1990ern ÖVP-Finanzreferent, auf die „blöden und feigen Politiker“ mag zwar in erster Linie Sozialdemokraten gegolten haben. Seine Wut auf die Eigenen ist freilich mindestens ebenso groß.

Und es gibt noch viele „kleine Treichls da draußen“ (© Hans Rauscher). Der Zorn der Unternehmer und Manager, in der Mehrheit urbrave ÖVP-Wähler, auf die Regierenden ist gewaltig. Nicht nur wegen des Bankenregelwerks Basel III oder der Bankensteuer. Vor allem wegen des allumfassenden Polit-Stillstands seit 2006, der zu einer stetig sinkenden Wettbewerbsfähigkeit des Landes führt; und vor allem wegen der Bildungsmisere, die in ein paar Jahren zu einem Mangel an gut ausgebildeten Mitarbeitern führen wird.

Kein Wunder, dass das Geraune über eine Wirtschaftspartei, die ja nichts anderes als eine ÖVP-Abspaltung wäre, laut wird. Wirtschaftskämmerer Christoph Leitl denkt nicht erst seit gestern über Plattformen nach, aus denen eine Wahlbewegung entstehen könnte. Der steirische Ex-VP-Wirtschaftslandesrat Herbert Paierl bastelt an Ähnlichem. Im Fall des Falles könnte er auf zehn Millionen von Frank Stronach zugreifen.

Industriellenchef Veit Sorger soll eine Zeit lang damit geliebäugelt haben, BZÖ-Chef Josef Buchner aufzupäppeln. Bis ihn Berater auf das sinistre orange Hinterland mit Figuren wie Peter Westenthaler oder Ewald Stadler hinwiesen. Und er diese Idee wieder fallen ließ. All den Überlegungen ist eines gemeinsam: Eine Wirtschaftspartei als Elitenprogramm hätte keine Chance. Und es fehlt die Führungsfigur, ein Allround-Kaliber wie Treichl.

Schwarzes Chefmäuslein

In diesem Reizklima tritt Spindelegger sein Amt an. Selten wurde ein VP-Obmann schon vor seiner Wahl so abqualifiziert. Im Boulevard betitelt man den 51-Jährigen wechselweise als „schwarzes Chefmäuslein“ und „schwarzen Faymann“. Ein mäßig spannender Supernormalo also, der „Zeit“-These entsprechend: „Lieber ohne Aura“. Streng katholisch, braver Familienvater, braver Angestellten- und Beamten-Klientel-Politiker. Nach eigenen Angaben ein „zacher Hund“. Und so einer soll die auseinanderfliegende Partei ins Kanzleramt führen?

An eines ist Spindelegger jedenfalls gewöhnt: nicht ernst genommen zu werden. Vom Parteiestablishment wurde der freundliche ÖAABler mit dem Lichal’schen Stahlhelm-Geruch lange nicht einmal ignoriert: Erwin Pröll verhinderte ihn in den 1990ern als Landesrat, selbst als Zweiter Nationalratspräsident hatte er keinen direkten Zugang zu Parteichef Schüssel.

Als stiller Techniker der Macht ist der Mödlinger aber nicht zu unterschätzen. Es ging immer nur aufwärts, Schritt um Schritt. Ein Jahr lang soll er mit seinem Neo-Mentor in St. Pölten bereits an der Übernahme der Partei gebastelt haben, sagen jüngste Gerüchte. Und inhaltliche Visionen? Da gleicht er wirklich seinem roten Gegenüber: negativ. Außer den üblichen Platitüden à la „Leistung muss wieder lohnen“ kommt nicht viel.

Was aber noch immer nichts darüber aussagt, wie er wohl regieren wird. Gelingen Spindelegger bei den Megathemen – Bildung, Pensionen, Gesundheit – echte Reformen, könnte die eingangs gestellte „Zeit“-Frage mit Ja beantwortet werden.

Aus jetziger Sicht ist die Wahrscheinlichkeit dafür freilich nicht allzu groß. Aber wer weiß.

- Andreas Weber

Kommentar

Standpunkte

Arne Johannsen: Erst die Pleite, dann das Dilemma

Kommentar

Standpunkte

Miriam Koch: Arbeitsmarkt, Ziegen, Roboter und wir

Standpunkte

Robert Hartlauer: Wie die Kleinen Händler den Großen Paroli bieten