A. Lampl in 'formatiert': über Ratingagenturen als Sündenböcke der Politik

Man kann die Macht der Ratingagenturen beklagen, aber nicht ihre Haltung zu dubioser Politik.

In den letzten Wochen hat der aufgeschlossene Bürger gelernt: Neben den Spekulanten sind auch die Ratingagenturen schuld an der Schuldenkrise in Euro-Land. Jene Damen und Herren, die nach strengen Prüfungen Buchstaben zwischen AAA und D vergeben – und auf diese Weise darüber entscheiden, wie viel Zinsen ein Kreditnehmer für das geliehene Geld bezahlen muss. Diese eher dubiosen Agenturmenschen haben nämlich das mühsamst geschnürte Rettungspaket für Griechenland nicht vorbehaltlos bejubelt, wodurch sie sich als willkommene Sündenböcke für mögliche Miseren auf Kosten der europäischen Steuerzahler qualifiziert haben. Man ist empört – vom Arbeiterkammerpräsidenten bis zum Bundeskanzler, vom Attac-Aktivisten bis zum Notenbankchef.

Zu Recht empört? Ja, aber nur, was die Systematik der Ratings an sich betrifft. Das Risikomanagement des Weltfinanzsystems auf die Urteile von ein paar Experten der Unternehmen Standard & Poor’s, Moody’s und Fitch zu beschränken ist tatsächlich einigermaßen fahrlässig.

Zumal ausreichende Beweise dafür vorliegen, dass die Herrschaften – wie zu erwarten – keinesfalls unfehlbar sind. Sie bescheinigten dem US-Energiekonzern Enron bis kurz vor dessen Pleite im Jahr 2002 ebenso eine hervorragende Bonität, wie sie das Platzen der amerikanischen Immobilienblase nicht vorhersahen – oder wenn, so haben sie zumindest nicht davor gewarnt. Das heitere Gesellschaftsspiel „Buchstaben raten“ ist vom Raten im englischen Wortsinn nicht immer so weit entfernt. Und dass an Europa strengere Maßstäbe angelegt werden als an den Schuldenkaiser USA, ist ebenfalls ein Faktum.

Wegschauen gefordert. Den Analysen von Ratingagenturen wird schlicht zu viel Gewicht beigemessen. Sie erfüllen für Leute, die Investmententscheidungen zu treffen haben, eine ähnliche Funktion wie der Unternehmensberater für den General Manager. Der weiß auch nicht viel mehr als sein Kunde, bereitet die Informationen aber gut auf und liefert die „objektiven“ Grundlagen für die sowieso ins Auge gefasste Entscheidung – vor allem eine Rückversicherung, wenn es am Ende schiefgeht. Das mag nützlich und hilfreich sein, taugt aber nicht als Hauptfundament einer globalisierten Finanzbranche, von der das Wohl und Wehe ganzer Staaten abhängt. Der Ruf nach breiter angelegten Regulierungsmechanismen, um Risiken beherrschbarer zu machen, ist insofern legitim.

Was Europas Regierende so erzürnt, ist aber das genaue Gegenteil: Sie beschweren sich nicht, dass die existierenden Bewertungskriterien mangelhaft sind, sondern beklagen die Weigerung, bei der Augen-zu-und-durch-Politik der EU mitzuspielen. Würde mehr Härte der Ratingexperten gegenüber den USA gefordert, okay. Aber Milde gegenüber Griechenland?

Griechenland ist ein ganz schlechter Anlass für den Frontalangriff auf Moody’s und Co. Wenn private Gläubiger wie Banken oder Versicherungen auf Forderungen verzichten, dann ist das ein teilweiser Zahlungsausfall. Punkt. Und wenn die Politik von den Ratingagenturen verlangt, das zu leugnen, beweist dies nur, dass sie entschlossen ist, die EU-Bürger weiterhin für dumm zu verkaufen. Gleiches gilt für den Ausblick: Jeder nicht unter Realitätsverlust leidende Mensch weiß, dass Griechenland seine Schulden nicht zur Gänze wird zahlen können. Das Land hat Tourismuseinnahmen und ein paar Reedereien, aber in keinster Weise eine international wettbewerbsfähige Wirtschaft. Es wurde in eine Währungsunion aufgenommen, in der es nicht bestehen kann.

Dieses Risiko zu ignorieren wäre genau jene Verschleierungstaktik, die zum Finanzcrash 2008 geführt hat, an dem die Ratingagenturen zu Recht mitschuldig gesprochen werden.

Den europäischen Steuerzahlern weismachen zu wollen, man hätte die Schuldenproblematik im Griff, wenn nur die Ratingagenturen nicht wären, das ist die wahre Dreistigkeit.

Bald ist der Ofen aus

Der Zorn ist deswegen so groß, weil die jahrzehntelang aufrechterhaltene Illusion, Staatsschulden seien per se gute Schulden, langsam in sich zusammenbricht. Weil klar wird: Irgendwann ist der Ofen aus. Wenn selbst ein gut aufgestelltes Land wie Österreich – ohne Budgetkosmetik – mit rund 100 Prozent des BIP verschuldet ist und trotz aktueller Hochkonjunktur das Staatsdefizit schneller wächst als die Wirtschaftsleistung, dann ist der nächste Zusammenbruch des Weltfinanzsystems nur eine Frage der Zeit.

Der Verdacht erhärtet sich, dass der Ruf nach einer europäischen Ratingagentur, die nicht in privaten Händen ist, ganz einfach nur der Wunsch nach politischem Einfluss auf die Bewertungen ist. Für eine solche öffentlich-rechtliche Agentur könnte das Proporz-erfahrene Österreich sicher sehr brauchbare Expertisen liefern: damit dann auch jeder EU-Staat seine Interessen immer rechtzeitig einfließen lassen kann. So wie die Wirtschaftsdaten würden dann auch die Ratings vor wichtigen Wahlen halt etwas günstiger ausfallen.

Und dann wären wir endgültig beim heiteren „Buchstaben raten“ angelangt.

- Andreas Lampl

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