A. Lampl in 'formatiert': Österreich ist klein und teuer - es braucht eine klare Vision

Österreich als Green-Tech-Mekka für alle Lebenslagen, als pulsierendes Umwelttechnik-Labor mit Spezial-Know-how auf allen Gebieten: Das wäre eine Vision

Man kann den Kopf schütteln über Amerikaner, die auf der Straße campieren, um eines der ersten iPads von Apple zu ergattern. Man kann den Hype abtun als typisch amerikanischen Auswuchs einer gigantischen PR-Maschinerie. Eine naheliegende Reaktion. Aber eine überhebliche, die den Blick verstellen würde auf das Phänomen, das hinter dem neuesten Elektronik-Spielzeug von Apple steckt. Firmenchef Steve Jobs hat mit dem Musikportal iTunes schon die Musikindustrie revolutioniert und mit dem iPhone den Begriff des Handys erweitert. Mit dem iPad gibt er uns erstmals eine konkrete Vorstellung davon, wie die persönliche Eintrittskarte des Menschen für die multimediale Welt aussehen kann. Auch dieses Ding wird ein paar Branchen revolutionieren, zum Beispiel die Printmedien. Heute 15- oder 20-Jährige pfeifen auf die viel gerühmte Haptik von Papier. Sie werden Zeitungen und Magazine eher downloaden als in gedruckter Form lesen. Da sollte sich niemand groß was vormachen. Als Drucker oder als Papierfabrikant würde ich mir Sorgen machen. Als Journalist tue ich das weniger, weil geschrieben und aufbereitet müssen Informationen auch künftig werden.

Nur weil einer Jobs heißt, jetzt einen Schwenk zum heimischen Arbeitsmarkt zu machen scheint ziemlich an den Haaren herbeigezogen.  Oder vielleicht doch nicht so sehr? Erstens: Das Beispiel des iPad beweist einmal mehr, dass elektronische Entwicklungen die Arbeit in klassischen Industrien – etwa Drucken oder Papierproduktion – zurückdrängen, nicht aber die Kopfarbeit. Stichwort: Wissensgesellschaft. Zweitens lässt sich die österreichische Situation – im übertragenen Sinn – mit jener vergleichen, in der sich das Unternehmen Apple lange befand: relativ klein und teuer. Österreich kann in vielfacher Hinsicht nicht mit China oder Indien konkurrieren. Apple hatte keine wirkliche Chance gegen Microsoft und die PC-Hersteller. Steve Jobs wich aus. Nicht in irgendwelche Nischen, wo sonst keiner sein wollte, sondern in artverwandte Zukunftstechnologien, die ihn erfolgreicher denn je machten.

Finanzminister Josef Pröll hat diese Woche eine Grundsatzrede darüber abgeliefert, wie in Österreich Wachstum und neue Jobs zu generieren seien. Wortreich beschwor er die Begriffe Forschung, Technologie und Innovation, stellte auch eine geplante FTI-Offensive in Aussicht. Die ökosoziale Marktwirtschaft des einstigen ÖVP-Chefs Joschi Riegler kam ebenfalls wieder zu Ehren, diesmal im Hinblick auf das Arbeitsplatzpotenzial im Umweltbereich. Pröll beschwor die Idee, das Land müsse sich unter die besten drei Innovations- und Wissenschaftsstandorte in Europa nach vorne arbeiten.Klingt gut und wäre wohl die einzige Chance für die Wirtschaft, mittelfristig noch reales Wachstum zu erzielen. Immerhin wurde erkannt, dass mehr öffentliche Aufträge für die Bauwirtschaft bestenfalls eine kurzfristige Notmaßnahme sind, damit der Motor nicht abstirbt. Aber: Mehr als Schlagworte sind die Ankündigungen des ehemaligen Landwirtschaftsministers, einen Innovationsturbo zünden zu wollen, noch nicht. Und mir fehlt der Glaube, dass sich daran bald etwas ändern wird.
Der Vizekanzler blieb konkrete Vorschläge zur Stärkung der Innovationskraft ebenso schuldig wie Ideen zur Finanzierung. Vom Sparen und Umschichten war zwar die Rede. Onkel Erwin Pröll wird allerdings wohl der Erste sein, der sich querlegt, wenn es ans Zurückfahren der teuren
föderalen Verwaltung geht.

Eine Strategie für ein fokussiertes Innovationsmanagement ist das nicht.  Die Umsetzungsschwäche, die Josef Pröll angesichts relativ hoher Forschungs- und Entwicklungsausgaben in Österreich beklagt, trifft auch und vor allem die Politik. Unternehmensgründungen sollen gefördert werden: Aber wo sind Strukturen, über die notwendiges Kapital fließen könnte? Die Abwanderung der besten Wissenschaftler und technologischer Vorreiter soll verhindert werden: Nur, wo sind die Programme, die dafür einen Anreiz bieten würden? Stattdessen wird Zeit und Geld verplempert, etwa für einen jahrelangen Streit über die Kosten im Gesundheitssystem, weil sich Bürgermeister an ihren Regionalspitälern festkrallen. Green Jobs, wie sie sich die Regierung wünscht, könnten tatsächlich die große Chance für Österreich sein. Gemeint sind nicht Latzhosenträger, die selbst gestreicheltes Gemüse feilbieten, sondern Spezialisten, die von der menschlichen Zivilisation verursachte Belastungen Schritt für Schritt reduzieren helfen und angerichtete Schäden reparieren. Österreich als Green-Tech-Mekka für alle Lebenslagen, als pulsierendes Umwelttechnik-Labor mit Spezial-Know-how auf allen Gebieten: Das wäre eine Vision. In der Realität sind wir von einem Top-Innovationsstandort aber weit entfernt.
Dazu braucht es glasklare Strategien, fokussiertes Vorgehen und Umsetzungswillen, Zugänge, wie sie Steve Jobs für sein Unternehmen hat. So, und nur so, entstehen dann auch Jobs.

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