A. Lampl in 'formatiert': Nur auf Wachstum zu setzen wird die Krise nicht überwinden

Fondsmanager treten am liebsten optimistisch auf, weil sie von Kunden ja schwer Geld einsammeln können, wenn sie sagen, dass alles ganz furchtbar wird – ein ähnlicher Mechanismus wie beim Politiker, der Wählerstimmen sammeln muss. Eine Ausnahme ist der Schweizer Geldverwalter Felix Zulauf, der wegen seiner ungeschminkten ökonomischen Analysen international viel Beachtung findet.

Bei einem Vortrag, den er kürzlich in Wien hielt, präsentierte Herr Zulauf eine Tabelle, die das Wachstum des amerikanischen Bruttoinlandsprodukts (BIP) seit 2001 darstellt, allerdings bereinigt um die Zunahme der öffentlichen Defizite. Und in dieser Rechnung zeigt sich, dass die US-Wirtschaft nur in einem einzigen Jahr, 2006, tatsächlich minimal gewachsen ist. Sonst steht immer ein Minus davor: Die öffentliche Verschuldung stieg stärker an als die Wirtschaftsleistung.

Wer die Rechnung auf Österreich überträgt, erkennt, dass die Zahlen hierzulande zwar besser aussehen, aber im Prinzip ein ähnliches Bild ergeben. In absoluten Zahlen legte das BIP in der Periode zwischen 2001 und dem Vorjahr um 72 Milliarden Euro zu, der Schuldenstand im gleichen Zeitraum aber ebenfalls um 62,5 Milliarden. Aus dem Wachstum im angeblichen Aufschwungjahr 2010 wird in dieser Betrachtung ein Minus.

Bei aller wissenschaftlichen Unschärfe der Methode ist der Schluss zulässig: Unser Wachstum wurde – wie in vielen Industrieländern – bereits im vergangenen Jahrzehnt großteils nur noch auf Pump erkauft. Wobei die einmaligen Privatisierungserlöse aus der schwarz-blauen Regierungszeit das Bild sogar freundlicher erscheinen lassen, als es in Wahrheit ist.

Neues Geld, neue Schulden

Trotzdem lautet das Generalrezept gegen jede Art von Krise noch immer: „Wir müssen das Wachstum ankurbeln.“ So tönt es von den Gewerkschaften bis zur Wirtschaftskammer, von der Sozialdemokratie bis in konservative Kreise. Und das klingt sehr danach, als wären wir auf den herben Abschwung, der sehr wahrscheinlich auf Österreich zukommt, nicht vorbereitet. Leider gibt es im Moment – und auf absehbare Zeit – kaum gute Gründe, die auf Wachstum schließen ließen. Außer durch Intervention des Staates, ohne den es schon zuvor nicht recht klappen wollte.

Ja, der Staat kann immer neues Geld in den Kreislauf pumpen, um die Wirtschaft zu stimulieren, und seine Schuldenquote weiter erhöhen. Dieses Mal noch verschärft durch die Tatsache, dass Länder wie Österreich (oder Deutschland), die bislang zu den Profiteuren des Euro zählten, auch noch hohe Summen für die Rettung der Gemeinschaftswährung werden ausgeben müssen – und dass zusätzlich Milliarden für die Kapitalisierung der Banken anfallen werden, weil das europäische Finanzsystem auf einen Kollaps zusteuert.

Um die Bevölkerung bei Laune zu halten, ist trotzdem abzusehen, dass genau das passieren wird: nämlich die Fortsetzung der Politik auf Pump. Kurzfristig mag das Wachstum erzeugen. Aber weil die Verschuldung dadurch weiter ansteigt, werden die Rückschläge in immer kürzeren Abständen folgen. Was zuerst als Strohhalm erscheint, wird sich immer rascher als Strohfeuer erweisen – wie schon die Hilfsprogramme nach dem Crash 2008. Und am Ende ist die gesamte Last auf den Schultern der jüngeren Generationen abgeladen.

Oder aber die Regierung beugt sich dem Diktat der leeren Kassen. Nur: In diesem Fall wird sich so schnell kein nennenswertes Wachstum einstellen.

Gefahr der L-Formation

Was aber passiert dann? – Wir werden lernen, dass auch Phasen sinkenden Wohlstands zu bewältigen sind. Derzeit ist nicht mehr auszuschließen, dass sich Europa in Richtung Japanisierung bewegt, in eine L-Formation, wie es die Fachsprache nennt: nach einem Abschwung eine längere Zeit der Stagnation auf tieferem Niveau.

Die steirische Landesregierung führt gerade vor, wie auf so etwas reagiert werden kann: Anstatt sich bis zu den nächsten Wahlen durchzuwursteln, steht sie öffentlich zu unpopulären Maßnahmen. Unter Druck würde sich der gesamte Staat dazu durchringen, jede Ausgabe der öffentlichen Hand einer Kosten-Nutzen-Analyse zu unterziehen. Dann gäbe es halt die eine oder andere Förderung nicht mehr. Eine massive Pensionsreform wäre nur eine Frage der Zeit – ohne Einschleifregelungen bis zum Sanktnimmerleinstag. Und auch Solidaritätsbeiträge von den Vermögenderen wären jedenfalls durchsetzbar, wenn der soziale Friede auf dem Spiel steht.

Ein reiches Land wie Österreich geht nicht gleich unter, selbst wenn der Schweizer Pessimist Felix Zulauf Recht behält: In seiner Analyse der kommenden Perioden bezeichnet er eine „normale Rezession“ als die günstigste Variante für Europas Wirtschaft. Wesentlich wahrscheinlicher (mit 60 Prozent) hält er eine „weiche Depression“. Wer mental dafür gewappnet ist, dass diese Entwicklung eintreten kann, hat schon halb gewonnen.

- Andreas Lampl

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