A. Lampl in 'formatiert': Machen wir uns nichts vor: Bisserl Griechenland ist überall

Griechen-Hilfe hin oder her: Österreich ist auf jeden Fall in die globale Schuldenkrise verstrickt.

Schuld sind die Amerikaner, die Griechen und die Spekulanten. Die einen haben uns die Finanzkrise eingebrockt, die anderen bringen durch ihre Budgetlügen den Euro in Gefahr. Und die Zocker machen alles noch schlimmer, weil sie mit ihren Wetten auf diverse Abstürze Milliarden verdienen. Als die Österreicher noch ihren Schilling hatten und das Wort Hedgefonds nicht einmal aussprechen konnten, hätt’s das alles net geben: vor allem nicht, dass wir für Griechenland zahlen müssen.
Die Vorstellung ist verführerisch, für die aktuelle Misere den Euro verantwortlich zu machen, der uns mit den Mittelmeer-Schwachmatikern in ein Boot zwingt. Schuld sind die anderen; hierzulande allenfalls noch die früheren Hypo-Manager.

Globale Probleme erfordern auch globale Lösungen

Aber diese Vorstellung ist Unsinn. Österreich stünde nicht besser da, hätte man sich der Globalisierung verweigert, von den internationalen Finanzmärkten abgekoppelt, hätte man auf EU und Euro gepfiffen. Eher stünden wir mit dem Rücken zur Wand. Die Konstruktionsfehler der Währungsunion – und davon gibt es einige – liegen nicht in zu viel, sondern in zu wenig Europa. Ohne politische Union wird eine einheitliche Währung nicht funktionieren, wusste schon der deutsche Altkanzler Helmut Kohl. Es braucht strengere Regeln und effiziente Mechanismen in der EU, um sie durchzusetzen.

Globale Bedrohung. Wer glaubt, alleine besser zu fahren (vielleicht an der Seite der Stärkeren wie Deutschland), verkennt die Wurzel der globalen Bedrohung, vor der wir stehen. Österreich gehört zum eng vernetzten, reichen Teil der Welt, der immer reicher wird – aber teilweise eben auf Pump. Die ausufernden Staatsschulden werden gottlob nicht mehr durch radikale Geldentwertung und/oder Krieg bereinigt. Wir bekommen die Rechnung jetzt anders präsentiert. Vergleichsweise harmlos, wenn anerkannt wird, dass eine Rechnung zu zahlen ist.

Griechenland ist der Vorbote, andere könnten folgen

Begonnen hat es mit der Immobilienblase in den USA, wo auch die Bürger ermuntert wurden, auf Pump zu leben. Jetzt ist die Welt bei der Staatsschuldenblase angelangt, wie „Der Spiegel“ richtig analysiert. Griechenland ist der Vorbote. Andere werden folgen. Mehr oder weniger Griechenland ist fast überall. Es gibt nur zwei Optionen: Entweder gelingt es, die Luft kontrolliert abzulassen. Das setzte voraus, die schmerzliche Wahrheit zu akzeptieren, dass in vielen Ländern der Wohlstand sinken wird, auch in Österreich. Oder die Blase platzt. Dann tut sich ein Abgrund auf, vor dem sich niemand mehr mit der Frage beschäftigen wird, ob zwei Milliarden für Griechenland Geldverschwendung sind. Denn dann ist der Ofen aus.

Es mag moralisch verwerflich sein, wenn Hedgefonds gegen Staaten und Währungen spekulieren. Aber sie können das nur tun, wenn es fundamentale Gründe gibt. Und es gibt Gründe, warum sich auch Staaten zunehmend schwerer tun, Geld zu bekommen.

Jetzt fallen die Schwächsten um. Aber auch Portugal, Spanien, Irland und Italien könnten 500 bis 1.000 Milliarden Euro benötigen. England hat eine Neuverschuldung von fast 13 Prozent. Japan hat seit Jahren ein Schuldenproblem. Selbst das Triple-A-Rating der USA ist nicht in Stein gemeißelt. Die Staatsschuldenquote ist dort bereits bei 84 Prozent der Wirtschaftsleistung angelangt und steigt weiter stark an.

Je breiter die Basis, auf der Stabilisierungs- und Sanierungspläne in Angriff genommen werden, desto größer ist die Chance auf Erfolg. Die Aufgabe des Euro oder ein Auseinanderbrechen der EU wird die kontrollierte Lösung des globalen Problems bestimmt nicht erleichtern. Und: Österreich würde keine Insel der Seligen bleiben, wenn es rundherum kracht.

Die fetten Jahre sind vorbei

Wohlstand wird sinken. Ohne Wohlstandsverluste werden weder Griechenland noch die USA, noch Österreich über die Runden kommen. Seien wir froh, dass sie hier weniger hart ausfallen werden als anderswo, weil im Vergleich immer noch besser gewirtschaftet wurde. Die Rating-Agentur Standard & Poor’s schätzt, dass die Griechen erst 2017 wieder das BIP von 2009 erreichen werden. Irland hat die Löhne für Beamte um 7,5 Prozent gekürzt. Arnold Schwarzenegger muss öffentlich Bedienstete nachhause schicken, weil Kalifornien quasi pleite ist. Nach dem Fall von Athen ist es lächerlich, es weiter mit Schönfärberei zu versuchen. Die Regierungen werden der Verschuldung vielerorts mit einem Mix aus höheren Steuern, gekürzten Ausgaben, was auch die Sozialleistungen betrifft, und einer (hoffentlich) mäßigen Inflation zu Leibe rücken müssen.

Die große Herausforderung wird die soziale Komponente sein. Jemand, der mit geborgtem Geld auf Urlaub fährt, sieht ein, dass er danach Überstunden leisten muss, um seine Schulden zu begleichen. Er wird aber kein Verständnis haben, wenn er auch die Überstunden nicht mehr bezahlt bekommt. Die Ausschreitungen in Athen sind ein Warnschuss: Die Politik hat die Bürger noch in keinem Land mit Um- und Weitsicht
darauf vorbereitet, was auf sie zukommt.

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