A. Lampl in 'formatiert': Krise hin, Krise her: Es wird Zeit für eine Reallohnerhöhung!

Arbeitgeber und Arbeitnehmer bereiten sich auf das alljährliche Ritual der Lohnverhandlungen vor. Die eine Seite sieht – die Stirn in Falten und pessimistisch gestimmt – das noch zarte Pflänzchen des Aufschwungs durch derbe Arbeiterschuhe bedroht. Die andere Seite erkennt schon die Hochkonjunktur am Horizont und will ihren Teil der Ernte munter einfahren.

Die unterschiedliche Beurteilung der Lage im Vorfeld von Lohnabschlüssen ist nichts Besonderes. Der gegenseitige Appell, Augenmaß zu bewahren, ist ebenfalls langweilige Routine. Und doch bietet heuer das gegenseitige Abtasten wieder einmal Extra-Spannung. Krise überwunden oder nicht? Das ist keine unerhebliche Frage. Denn natürlich macht es einen Unterschied, ob man die Wirtschaftsentwicklung als Anfang vom Ende der Krise einstuft – oder als Ende vom Anfang des Aufschwungs.

Noch entscheidender aber ist, welche Schlüsse aus der Krise tatsächlich gezogen werden. Im Gegensatz zu absurden Forderungen wie generellen Hedgefonds-Verboten, Re-Verstaatlichungen im Bankensektor oder behördlich verordneten Managergehältern ist ein veränderter Blick auf die Verteilungsfrage durchaus angebracht. Abseits aller notwendigen oder nicht notwendigen Finanzmarktregulierungen geht es in der seit bald zwei Jahren heftig geführten Debatte immer auch darum: Wie sieht das Verhältnis zwischen Kapitalinteressen und Arbeitnehmerinteressen aus?

Und da wurden Erstere in den vergangenen zehn Jahren eindeutig bevorzugt. Was argumentierbar ist, weil in Österreich Nachholbedarf bestand. Was aber nicht auf Dauer einzementiert werden darf.

Sehr geringe Lohnsteigerungen seit 2008

Deswegen spricht einiges dafür, sich dieses Mal auf eine Lohnerhöhung zu verständigen, die jenseits einer homöopathischen Dosis liegt. Dass Exzesse zu vermeiden sind – in Deutschland verlangen einige Gewerkschaften zwischen sechs und acht Prozent! –, versteht sich von selbst. Aber mindestens ein Prozentpunkt über der Inflationsrate, die 2010 wohl bei knapp zwei Prozent zu liegen kommen wird, könnte es schon wieder einmal sein.

Zwischen 2000 und 2008 stiegen die Reallöhne (bereinigt um die Inflation) in Österreich um sehr moderate 2,9 Prozent: der zweitniedrigste Wert in ganz Europa, nur vor Deutschland und auch weit hinter den USA. Gleichzeitig sind die Gewinnausschüttungen an die Anteilseigner von Unternehmen stark gestiegen. Der Lohnanteil am Bruttoinlandsprodukt, der – vereinfacht gesagt – die Verteilung der Wertschöpfung zwischen Arbeitnehmern und Kapitalgebern anzeigt, ist von Jahr zu Jahr gesunken. Wenn jetzt die Rendite auf das eingesetzte Kapital zugunsten von Löhnen und Gehältern zurückgeht, ist das nicht der Weltuntergang. Zumal die Krise unrealistische Renditeerwartungen ohnehin etwas zurechtgerückt hat. Eine Diskussion darüber ist jedenfalls sinnvoller als eine über Reichensteuern.

Dass Kapital fliehen kann wie ein scheues Reh, wenn es Gefahr wittert, während ein Lohnabhängiger nicht einfach auf die Niederländischen Antillen ausweichen kann, ist kein hinreichendes Argument dagegen – solange die österreichische Wirtschaft solide dasteht. Eine Stärkung der Kaufkraft würde außerdem den ziemlich lahmen Inlandskonsum beflügeln.

Österreich ist zu gut

Andererseits hat die restriktive Lohnpolitik in Österreich (und Deutschland) natürlich die Wettbewerbssituation des Landes deutlich verbessert, was sich im Export sehr positiv auswirkt. Die Deutschen müssen sich bereits mit dem Vorwurf herumschlagen, dass sie dadurch andere EU-Staaten wie Griechenland an den Rand des Ruins gedrängt haben. Die USA haben von Ländern mit Leistungsbilanzüberschüssen – zum Beispiel Deutschland, Niederlande und Österreich – schon höhere Lohnrunden verlangt, um die Ungleichgewichte wieder etwas zurechtzurücken. Das ist zwar eine fragwürdige Argumentation, vor allem gegenüber einem kleinen Land, das Wachstum nur über den Export generieren kann. Es beweist aber schon, dass der Produktivitäts- und Wettbewerbsvorsprung der heimischen Wirtschaft noch Spielraum lässt.

Und unser wichtigster Handelspartner Deutschland wird seine extreme Lohnzurückhaltung auch nicht beibehalten können, was die Sache für uns einfacher macht.

Die Gefahr, dass vor allem Klein- und Mittelbetriebe unter höheren Lohnabschlüssen leiden, besteht in manchen Fällen. Aber gerade KMUs sind im Schnitt weniger vom Export abhängig und profitieren häufig von steigender Inlandsnachfrage.

Notwendig ist eine Differenzierung nach Branchen: Der unter großem Druck stehende Telekom-Bereich oder die Banken, die einen hohen Personalkostenanteil und schwere Brocken in ihren Bilanzen zu verdauen haben, sind sicher anders zu betrachten als der florierende Maschinenbau.

Eine noch unterentwickelte Alternative: Arbeitnehmer statt über KV-Erhöhungen direkt am Erfolg der Firma beteiligen.

lampl.andreas@format.at

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