A. Lampl in 'formatiert': Konsequenzen die die Welt aus Fukushima nicht ziehen wird

Solange ohne Wachstum nichts geht, so lange wird man auch Atomkraft nutzen.

Die Katastrophe im japanischen Atomkraftwerk Fukushima wird den „Wendepunkt in der Geschichte der modernen Technik“, wie das ein Kommentator des „ Spiegel “ etwas pathetisch formulierte, nicht einläuten. Die immer lauteren Rufe nach einem Atomausstieg werden zwar im Angesicht des Infernos gehört: Deutschland hat alte Reaktoren erst einmal vom Netz genommen. Aber Kanzlerin Angela Merkel reagiert, weil sie gegen Rote und Grüne weiter an Terrain zu verlieren droht. In ein paar Monaten, so hofft sie, sieht die Welt wieder anders aus. Und auch die Japaner selbst werden ihre nukleare Stromversorgung nicht ernsthaft infrage stellen.

Von Chinesen und Russen ganz zu schweigen. Die denken gar nicht daran, sich ihren wirtschaftlichen Aufholprozess durch Umweltdiskussionen vermiesen zu lassen. Und die Amerikaner wollen nicht hinter den einmal erreichten Standard zurückfallen.

In diversen Internet-Blogs argumentieren Unerschrockene schon jetzt, dass der weltweite Straßenverkehr jedes Jahr viel mehr Todesopfer fordert, als es die (friedliche) Nutzung der Kernkraft in ihrer gesamten Geschichte getan hat – ohne dass jemand auf die Idee kommt, Autofahren zu verbieten. Oder man stellt die Frage: Ist Fukushima im Vergleich zur Naturgewalt des Tsunamis nicht eigentlich ein Nebenschauplatz?

Ohne Rücksicht auf Verluste

Es wird also nicht lange dauern, bis auch Politiker einmahnen, dass die Hysterie der nüchternen Analyse weichen müsse – obwohl sich der Glaube an die Beherrschbarkeit der Atomkraft endgültig als Irrtum erwiesen hat. Die EU wird wahrscheinlich weitreichendere Konsequenzen ziehen als andere, aber sicher kein konkretes Ausstiegsszenario für den gesamten Raum vorlegen.

Atomstromproduktion ist fraglos ein Irrweg, vor allem deswegen, weil kein einziges Land eine Lösung für die Endlagerung der radioaktiven Abfälle hat und weil die halbe Welt schlicht ignoriert, dass es eine risikolose Lösung auch nicht geben kann. Trotzdem ist diese Technologie kein Betriebsunfall der Moderne, sondern das konsequent auf die Spitze getriebene System, Wachstum und Wohlstand ohne Rücksicht auf Verluste herstellen zu wollen. Was sich auch in der Abholzung von Regenwäldern ausdrückt, im Leerfischen der Meere oder in der Unfähigkeit, die CO2-Emissionen zu reduzieren.

Solange an diesem System nicht gerüttelt wird, so lange wird man auch Atomenergie nutzen.

Die viel beschworene Energiewende wäre machbar, aber nur, wenn begriffen wird, dass der dafür notwendige Wandel über die Ablehnung von Atomreaktoren weit hinaus gehen muss. Und dass nicht nur die Politik dies begreifen muss.

Um es klar auszusprechen: Eine rasche Wende in der Energiepolitik würde vorübergehend auch Wohlstand kosten. Die schöne Vorstellung, sich dem durch Energie sparende Maßnahmen und den Einsatz neuer Umwelttechnologien entziehen und gleichzeitig auf diese Weise noch das Wirtschaftswachstum ankurbeln zu können, ist eine Selbsttäuschung. Wir müssten beginnen, Abstriche zu akzeptieren. Aber die Bereitschaft dazu ist weder im Atomstrom-Importland Österreich noch sonstwo in der EU besonders ausgeprägt.

Ohne deutlich höhere Strompreise ist der Versuch, den Verbrauch einzuschränken, schon aufgrund der banalen ökonomischen Logik zum Scheitern verurteilt. Aber das offen zu sagen wäre politischer Selbstmord. Keine Volkswirtschaft ist vorbereitet, auf quantitatives zugunsten von qualitativem Wachstum zu verzichten, schon wegen der enormen Schulden der öffentlichen Haushalte.

Und nur die wenigsten Menschen sehen einen Anlass, ihren Fortschrittsbegriff zu überdenken: Ob es wirklich ein Fortschritt ist, wenn jeder Sessellift in den Alpen beheizt und jeder Raum in den USA gekühlt ist?

Globale Ignoranz

Die Globalisierung hat den freien Handel beflügelt, globale Energiestrategien oder Umwelt-Offensiven – Stichwort: Kioto – sind hingegen nie über das Stadium unverbindlicher Tischreden hinausgekommen.

Die Industrienationen reden sich auf die weniger weit entwickelten Staaten aus, obwohl auf der Hand liegt, dass der Aufholprozess einer armen Bevölkerung nicht unter den gleichen Wettbewerbsbedingungen funktionieren kann wie die Wirtschaft einer saturierten Gesellschaft.

Gleichzeitig wird als Faktum hingenommen, dass die Weltbevölkerung in beängstigendem Tempo steigt (und mit noch größerem Tempo Ressourcen verbraucht), anstatt diese Entwicklung zu einem zentralen Thema der globalen Debatte zu machen – inklusive Anstrengungen, den Glaubensgemeinschaften, die nicht zuletzt dafür verantwortlich sind, das Handwerk zu legen.

Die Fukushima-Katastrophe wäre ein guter Anlass, über den Wendepunkt nachzudenken. Was aber nicht passieren wird.

- Andreas Lampl

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