A. Lampl in 'formatiert': Internetportal muss wie Journalismus Verantwortung tragen

WikiLeaks stört nicht die Sicherheit der Bürger, sondern der Machtapparate.

Wir dürfen gespannt sein, welche brisanten Akten aus einer wichtigen US-Bank die Internetplattform WikiLeaks Anfang 2011 online stellen wird. Und wir sollten hoffen, dass es nicht bei der Ankündigung bleibt, weil ein Weg gefunden wird, die Veröffentlichung zu verhindern. Das könnte natürlich passieren. Die ganze Welt ist in Aufruhr wegen der rund 250.000 Dokumente aus dem amerikanischen Außenministerium, die jetzt scheibchenweise an die Öffentlichkeit gelangen. Die US-Administration schäumt bereits vor Zorn. Nun zittern auch Topmanager und Unternehmer. Der Gründer von WikiLeaks ist untergetaucht.

Aber gibt es irgendeinen Grund, weshalb die Menschheit nicht erfahren sollte, mit welchen Praktiken in US-Banken Geschäfte gemacht werden? Wie absehbare Verluste, ohne mit der Wimper zu zucken, an Kunden verkauft und dafür Provisionen kassiert werden? Wie unabsehbare Risken an Dritte weitergegeben und ebenfalls Provisionen kassiert werden? Wie Wertpapierhändler Schrott unters Volk bringen, um an ihre Boni zu kommen? Vor allem wenn – wie die Gerüchte sagen – das WikiLeaks-Material wirklich aus den Geheimschränken der Bank of America stammt, ist mit hohem Erkenntniswert zu rechnen. Das Institut spielt eine Schlüsselrolle im US-Finanzsystem, wo der Crash im Herbst 2008 seinen Ausgang nahm.

Für die USA besonders peinlich

Für WikiLeaks gäbe es ebenso wenig Grund, solche Informationen nicht zu veröffentlichen, wie das für die Abertausenden Diplomaten-Depeschen aus dem amerikanischen Außenministerium gilt. Endlich wurde den verlogenen Umgangsformen, die Staatsrepräsentanten untereinander pflegen, und ganz generell dem unerträglichen Diplomatenkauderwelsch ein Spiegel vorgehalten – der Habitus der Macht auf eine fast menschliche Ebene heruntergeholt, indem für jedermann nachzulesen ist, wie man auch in diesen Sphären übereinander denkt. Entlarvend, aber nicht groß überraschend.

Und natürlich ist es für das offizielle Amerika besonders peinlich, wenn der zwischen globalem Herrschaftsanspruch und Paranoia schwankende Zugang zur Welt, eine undifferenzierte Schwarz-Weiß-Einteilung in Feind und Freund, quasi amtlich wird. Unter dem Deckmantel der nationalen Sicherheit lässt sich bequem vieles verbergen, oft genug ideologische Verbohrtheit, die in der Vergangenheit etwa in der Parteinahme für sehr zweifelhafte Kräfte in Mittel- und Südamerika gipfelte.

Pathetisch formuliert: Ein Angriff auf WikiLeaks wäre ein Angriff auf die Freiheit, damit sich die Machtapparate sicherer fühlen können; keinesfalls aber im Interesse der Bürger.

Damit ist nicht gemeint, dass ein Internetportal, wo Leute anonym geheime Informationen deponieren können, keine Selbstbeschränkungen braucht, auch dann, wenn Unterlagen zweifelsfrei authentisch sind. Im Grunde funktioniert WikiLeaks wie Journalismus: Man lebt davon, dass Menschen Informationen preisgeben, die andere lieber für sich behalten würden. Leaks, Informationslecks, sind eine der Grundlagen des Journalismus. Vor einigen Jahren verhinderte zum Beispiel eine gezielte Indiskretion den vom damaligen Finanzminister Grasser geplanten Verkauf der Voest an den Magna-Konzern. Und das ist gut so: Denn dieser Deal hätte für den heimischen Stahlproduzenten wohl keine sehr rosige Zukunft bedeutet.

Die Betroffenen ärgern sich in der Regel darüber, dennoch besteht letztlich ein breiter Konsens darüber, dass Medien – neben dem Informations- und Unterhaltungswert, den sie bieten – eine wichtige Kontrollinstanz in einer Gesellschaft sind.

Journalistisch abwägen!

Gleiches gilt für WikiLeaks, wenn die Betreiber die damit verbundene Verantwortung übernehmen. Sie müssen aber wie Journalisten abwägen, ob sie eine Information veröffentlichen; ob sie sich nicht zum Handlanger egoistischer Interessen eines Informanten machen; oder ob ein Bericht nur den Zweck hätte, jemandem mutwillig Schaden zuzufügen. Auch WikiLeaks darf nicht wahllos jede Datei online stellen, die dort einlangt. Wenn künftig verstärkt Material aus und über Unternehmen auftaucht, müssten etwa Geschäftsgeheimnisse zu neuen Produkten oder Strategien selbstverständlich tabu sein – wenn es kein übergeordnetes Interesse gibt.

In der aktuellen USA-Causa hätten Personen, denen in ihren Heimatländern Verfolgung droht, von WikiLeaks besser geschützt werden müssen. Ebenso wäre es beispielsweise nicht angebracht, Aktionen gegen den internationalen Terrorismus vorzeitig zu verraten.

Wobei jedoch auch die US-Regierung ihre Sicherheitssysteme ernsthaft zu hinterfragen hat. Von Touristen verlangen die amerikanischen Behörden einen Persönlichkeitsstriptease, der demnächst vielleicht noch die Blutgruppe der Großmutter umfasst, während ein kleiner Armeeangehöriger mit Top-Secret-Daten auf einer Lady-Gaga-CD nachhause spaziert. Absurd.

- Andreas Lampl

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