A. Lampl in 'formatiert': Generation mutlos

Es ist erstaunlich, wie passiv junge Leute hinnehmen, dass die Politik ihre Chancen verspielt.

Ein italienischer Banker namens Giuliano Melani ließ kürzlich mit einer originellen Aktion aufhorchen. Er investierte privat 20.000 Euro in italienische Staatsanleihen und ermunterte seine Landsleute via Zeitungsinserat zum Mitmachen beim Aufkauf der eigenen Staatsschulden. Auf Österreich umgelegt hieße das: 27.000 Euro pro Nase – bei einem durchschnittlichen Nettovermögen (um private Schulden bereinigt) von rund 35.000 Euro pro Person.

Wenn Europa nicht durch die brandgefährliche Entwicklung in Italien so tief sinkt, dass die Regierungen darangehen müssen, Zwangsanleihen aufzulegen, ist das zwar kein wirklich praktikables Rezept zur Lösung der Schuldenkrise. Es lenkt aber den Blick auf den richtigen Punkt: Die öffentlichen Schulden werden die Bürger eines Staates sowieso in irgendeiner Form selbst bezahlen müssen.

Die spannende Frage dabei ist, ob die Politik noch rechtzeitig reagiert, sodass sich daran auch Generationen beteiligen, die von dem geborgten Wohlstand profitiert haben. Oder ob alles den Jungen zur Rückzahlung überlassen wird – anders formuliert: ob bis zum richtigen Crash gewartet wird. Auch der Scherbenhaufen in Griechenland begräbt vor allem die Chancen der Jungen unter sich.

Junge Wutbürger? Fehlanzeige!

Es ist in hohem Maß erstaunlich, wie widerstandslos in Österreich die Hauptbetroffenen hinnehmen, in welch desolatem Zustand sich die reichsten Staaten der Welt jetzt plötzlich präsentieren. Kaum zornige Brandreden, von jungen Wutbürgern keine Spur.

Kein Aufstand gegen die Beamtengewerkschaft, die 4,65 Prozent mehr Lohn fordert, aber jede Reform des kostspieligen Verwaltungswahnsinns hartnäckig verweigert und so den Spielraum für Zukunftsinvestitionen einengt.

Niemand fordert energisch, dass Lehrer selbstverständlich ohne Mehrkosten eine ganztägige Betreuung der Schüler garantieren müssten. Ein Bildungsvolksbegehren eines 73-Jährigen ist ein Armutszeugnis. Aber nicht für Hannes Androsch. Niemand geht dafür auf die Straße, dass endlich das faktische Pensionsalter notfalls mit radikalen Maßnahmen angehoben und die Hacklerregelung gestrichen wird – obwohl jedes Jahr der Verschleppung die Wahrscheinlichkeit senkt, dass ein heute 25-Jähriger noch eine angemessene Rente kriegt. Und es gab keinen wahrnehmbaren Widerstand, als die sinnvolle Idee, jede gesetzliche Maßnahme verpflichtend auf ihre Auswirkung auf künftige Generationen durchzurechnen, politisch ganz schnell wieder im Müll landete.

Wenn überhaupt, wird gegen Spekulanten marschiert. Und selbst dieser Protest lockt hierzulande nur ein paar Dutzend Aktivisten hinter dem Ofen hervor. Es ist eine kaum überbietbare Absurdität, dass sich die Jugend umgekehrt ausgerechnet vom Investmentbanker Gerald Hörhan als „Arschkriecher“ verhöhnen lassen muss. Dessen neues Buch „ Gegengift “ ist zwar nur eine oberflächliche Provokation. Es stehen aber ein paar Sätze drin, die zum Nachdenken anregen könnten: „Ihr werdet eure besten Jahre damit verbringen, die Kredite von Menschen zu tilgen, die dann gar nicht mehr leben.“

Seine Stimme hörbar nur gegen Studiengebühren zu erheben ist nicht unbedingt der ideale Widerstand gegen ein politisches System, das drauf und dran ist, in Europa den Wohlstand des Nachwuchses zu verspielen. Denn daraus sprechen eher jene Versorgungsmentalität und das Abschieben von Verantwortung an den Staat, die ganz wesentlich zur aktuellen Krise beigetragen haben.

Facebook-Freunde reichen nicht

Zwar sitzt der Frust über die mangelnde Gestaltungskraft der etablierten Parteien bei den Unter-30-Jährigen besonders tief. Aber der überdurchschnittliche Anteil von Anhängern des H.-C. Strache in dieser Altersgruppe lässt befürchten, dass die Protesthaltung dagegen vielfach ziemlich unreflektiert ist. Die 105.000 Facebook-Freunde Straches sind offenbar schon ein Beweis politischer Kompetenz für eine Generation, bei der laut aktuellem „Jugend Trend-Monitor“ Chatten, Bloggen und Facebook-Kommunikation den zweithöchsten Stellenwert (nach dem Treffen von Freunden) eingenommen haben.

Dabei dürfte nach dem spektakulären Scheitern anderer pseudohipper Lifestyle-Politiker eigentlich kein Zweifel mehr bestehen, dass eine Machtübernahme H.-C. Straches der wirtschaftspolitische Super-gau wäre. Strache-Vorbild Jörg Haider und der Bunga-Bunga-Premier Silvio Berlusconi haben ihre Länder bereits in den Ruin geführt.

Im Vergleich zur Passivität der jungen Leute ist plötzlich sogar die katholische Kirche ein Hort des Widerstands. Kein Schüler-Protest, sondern Schüller-Protest steht in Österreich derzeit als Symbol für mutige Auflehnung. Helmut Schüller, der ehemalige Caritas-Chef, hat schon die Unterstützung von 70 Prozent der heimischen Pfarrer für seinen Ungehorsam gegen die kirchliche Obrigkeit. Den Kirchenmännern schwant, dass ihr System sonst bald zu Grabe getragen wird. Die junge Generation schaut währenddessen tatenlos zu, wie ihre wirtschaftliche Zukunft den Bach runtergeht.

- Andreas Lampl

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