A. Lampl in 'formatiert': Die Wahrheit liegt nicht in der Mitte

Österreich hat die Mittelmäßigkeit zum Programm erhoben: So erfrischend schnörkellos beantwortete der Spitzenwissenschaftler Markus Hengstschläger in der sonntäglichen ORF-Sendung „Im Zentrum“ die Frage, wie die Österreicher ticken...

Der Professor für Medizinische Genetik führte in die Debatte über fällige Systemänderungen hiermit einen Begriff ein, der sich ausgezeichnet als Erklärungsmuster für ziellose Wurschtelei und die Führungsschwäche der Politik eignet.

Für diesen Befund müsste man gar keiner sein, dem wie Hengstschläger dereinst auch ein Nobelpreis zugetraut wird. Es genügen schon ein wacher Verstand und eine nicht von sogenannten Sachzwängen beeinträchtigte Urteilskraft.

Aber die derzeit politisch Verantwortlichen in Österreich verkaufen den Bürgern mangels anderer Ideen ein einziges Versprechen als Ultima Ratio: So weit wie möglich wird es bleiben, wie es ist. Weder wird der Reformdruck durch die Finanz- und Schuldenkrise zum Anlass genommen, alles, was an Strukturen nicht zwingend notwendig ist, endlich infrage zu stellen. Noch kommen von der Regierung Faymann je ermutigende Aufrufe, Veränderungen anzupacken, um danach besser zu sein. Stattdessen wird die diffuse Furcht, dass Veränderungen immer zum Schlechteren führen, noch munter bestärkt – verbunden mit der Beruhigung, dass man ohnehin nur das Nötigste korrigieren werde: die Mittelmäßigkeit als Regierungsprogramm.

Wir sind Mitläufer

Das war nicht immer so. Alfred Gusenbauer hatte noch die Vision einer „solidarischen Hochleistungsgesellschaft“, auch wenn er nicht dazu kam, sie mit Leben zu füllen. Franz Vranitzky schlachtete in den 1980er-Jahren die heiligen Kühe in der Verstaatlichtenpolitik. Ein Erhard Busek entwickelte in Wien einst Konzepte für eine weltoffene Metropole. Heute ist der Regierungschef eher nicht bemüht, sich den Beifall der Öffentlichkeit mit inhaltlicher Brillanz zu verdienen – sondern mit Inseraten in Massenmedien.

Innerhalb der EU gefällt sich Österreich in der Rolle des Mitläufers, der höchstens durch kreative Wortschöpfungen der Finanzministerin auffällt, aber kaum durch innovative Vorschläge. Es ist im Moment zwar ohnedies die sicherste Variante, dass die heimische Politik angesichts der eigenen Ratlosigkeit die Positionen von Angela Merkel übernimmt. Auf Dauer kann das aber nicht das Ziel von Leadership sein.

Bezeichnenderweise wird als größte politische Errungenschaft hierzulande die Sozialpartnerschaft betrachtet, das Prinzip, sich in der Mitte zu treffen. Und unbestritten ist Interessenausgleich auch eine Voraussetzung für ein funktionierendes Sozialwesen. Aber der Umbau des Staates kann nicht nur nach den Regeln der Sozialpartnerschaft funktionieren. Die Wahrheit liegt manchmal, aber beileibe nicht immer in der Mitte. Die Wahrheit tut manchmal bekanntlich auch weh. Ganz sicher immer in der Mitte liegt nur das Mittelmaß.

Das gesamte Ringen um die Sanierung der Staatsfinanzen ist geprägt vom Schielen aufs Mittelmaß. Die Bildungsdebatte wird dominiert von der Frage, ob Lehrern zumutbar ist, am Nachmittag ein paar Stunden länger in der Schule zu bleiben. Aber welcher Politiker sammelt Ideen, wie die Talente der Schüler am effektivsten zur Entfaltung gebracht werden können? Da braucht es niemanden zu wundern, wenn in der Folge Studenten Zugangsbeschränkungen und Studiengebühren als perfide Instrumente der Elitenbildung empfinden, anstatt daran die Forderung nach dem bestmöglichen Bildungssystem zu knüpfen. Hauptsache, wir schneiden bei den Absolventenzahlen im EU-Durchschnitt so halbwegs ab.

Das Prinzip Ruhigstellung

Ein ähnliches Bild offenbart das Förderwesen, gleich ob in Wirtschaft, Forschung oder Kultur. Es fehlt der Mut, die Geldmittel einzusetzen, um die erfolgversprechendsten Ideen – die am Ende unsere Zukunft verbessern können – mit ganzem Elan voranzutreiben. Stattdessen kriegen möglichst viele ein bisserl was, damit möglichst viele ruhiggestellt sind: der schnellste Weg in die Mittelmäßigkeit.

Eine Föderalismusreform kann ebenso wenig gelingen wie der Rückbau der Verwaltung, wenn es keine Vision vom optimalen System gibt, sondern das Prinzip über allem steht, nur ja niemanden mit Veränderungen zu überfordern.

Leider kommt auch in Unternehmen der Angepasste besser voran als der Querdenker. Und die meisten Österreicher ziehen einen sicheren Job, der möglichst wenig Unwägbarkeiten befürchten lässt, dem Abenteuer des Unternehmertums vor. Vorbilder wie zum Beispiel den Catering-König Attila Dogudan, einst Einwanderer-Kind und schlechter Schüler, die in ihrem Beruf mit geradezu manischer Besessenheit nach Höchstleistungen streben, gibt es zu wenige.

Aber Österreich ist ein kleines Land und verfügt über keine nennenswerten Rohstoffe. Wir haben nur zwei Ressourcen: eine schöne Landschaft und die Fähigkeiten der Bewohner. Erstere nutzen wir als Tourismus-Weltmeister höchst erfolgreich. Und wir können uns auch nicht leisten, uns bei der Nutzung der Talente nur am Mittelmaß zu orientieren.

- Andreas Lampl

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