A. Lampl in 'formatiert': Der amerikanische Traum ist ausgeträumt. Auch für Europa

Barack Obama hat bei den US-Wahlen vor ein paar Tagen die Rechnung präsentiert bekommen – für eine Party, die sein Vorgänger geschmissen hat.

Es waren der Republikaner George W. Bush und sein Notenbankpräsident Alan Greenspan, die glaubten, es genüge, die Märkte mit billigem Geld zu überschwemmen und die Zinsen niedrig zu halten, um die US-Wirtschaft in eine nie endende Feierstimmung versetzen zu können. Ausgelöst haben sie eine gigantische Blase und eine Weltwirtschaftskrise. Die Unverantwortlichkeit der amerikanischen Politik hat die Unverantwortlichkeit von Bushs Kumpanen in den Investmentbanken erst ermöglicht, die – no na – die Chance zum Abzocken freudig nutzten.

Der Demokrat Obama hatte die Wahl zwischen Pest und Cholera. Er musste wohl auf die 700 Milliarden Dollar, die schon Bush zur Rettung des Finanzsystems lockergemacht hat, nochmals ein 787-Milliarden-Konjunkturpaket draufpacken, um eine Depression zu verhindern. Jetzt steht Obama vor einem Mehrfachdesaster: Die Staatsverschuldung nähert sich 100 Prozent des Bruttosozialprodukts, die Wirtschaft wächst dennoch schwach, es gibt kaum neue Jobs. Und die Kluft zwischen Arm und Reich ist nach dem jähen Ende der Party größer denn je.

Die nächste Blase

Unter dem Druck der Wähler, die scharenweise zu den Republikanern übergelaufen sind, werden Obama und der aktuelle Notenbankchef Ben Bernanke das brandgefährliche Spiel wiederholen, das zum Crash geführt hat: Noch mehr Geld drucken, um die Wirtschaft zu stimulieren. Kurzfristig mag das ein paar Erfolge bringen (auch auf Kosten der Europäer), längerfristig ist damit jedoch die nächste Blase schon vorhersagbar.

Unter wahltaktischem Kalkül wäre es von Obama wohl zu viel verlangt, den Amerikanern die nackte Wahrheit zu sagen. Dass sie nämlich jahrzehntelang über ihre Verhältnisse gelebt haben. Dass die Verdoppelung des BIP der USA zwischen 1987 und 2006 ein Fake war, erkauft durch die Verschuldung der privaten Haushalte. Dass das Fest der Bush-Trommler ein letztes, fatales Aufbäumen gegen die unvermeidliche Konsolidierung war. Die Vorspiegelung einer heilen Welt.

Die Löhne in den USA liegen inflationsbereinigt auf dem Niveau von vor 30 Jahren. Nur das Hochtreiben der Immobilienpreise in den vergangenen Jahren und die durch Deregulierung ständig steigenden Aktienmärkte konnten bei den amerikanischen Bürgern die Fiktion von wachsendem Wohlstand aufrechterhalten. Die Entwicklung erlaubte ihnen, immer höhere Hypotheken – mit Häusern und Wertpapierdepots als Sicherheiten – aufzunehmen und dieses Geld in den Konsum zu pumpen. So wurden sie ruhiggestellt, akzeptierten die astronomischen Gagen der Wall-Street-Jungs und das marode Gesundheitssystem.

„Wenn du dein eigenes Haus besitzt, hast du den amerikanischen Traum realisiert“, so fasste George W. Bush sein Verständnis von Politik einmal zusammen. Das Eigenheim als Kristallisationspunkt einer Gesellschaft. So einfach gestrickt funktionierte das System – solange es halt funktionierte. Jetzt sind die USA aus dem Traum der ewigen Aufwärtsspirale erwacht. Und plötzlich stellt sich heraus, dass Sozialpolitik nicht durch Immobilien- und Aktienmärkte ersetzt werden kann. Und dass es nicht egal ist, wenn die eigenen Automarken im internationalen Vergleich nicht konkurrenzfähig sind.

Obama hat die Schwachstellen der US-Ökonomie richtig diagnostiziert: Finanzwirtschaft alleine reicht nicht, das Land muss mehr Güter produzieren, die künftig weltweit nachgefragt werden. Aber bis seine Green-Jobs-Vision greift, könnte er längst aus dem Amt gewählt sein.

Das böse Erwachen

Nichts wäre unangebrachter als heimliche Schadenfreude über den Zustand der USA. Abgesehen davon, dass die Geldpolitik in Washington Blasen-Gefahr bedeutet und den Dollar schwächen wird, was Exporteure im Euro-Raum schwächt, sind die Strukturprobleme in Österreich und in Europa generell nicht so gänzlich anders als jenseits des Atlantiks. Die Lehre, die aus Obamas Misere zu ziehen ist, betrifft nämlich nicht nur die Verteilungsgerechtigkeit, wie das die Sozialdemokraten gerne verbreiten. Der soziale Ausgleich glättet lediglich die Dramatik. Die Lehre lautet vor allem, dass sich Wachstum auf Dauer nicht auf Pump erkaufen lässt. Weder durch eine Aufblähung des Kreditvolumens über liberalisierte Finanzmärkte – noch über ein Hochdrehen der Staatsverschuldung, wie es die Europäer unverzagt versuchen.

Das Erwachen aus dem amerikanischen Traum ist auch das Ende des Traums vom immerwährenden Wachstum, von einer Wirtschaft, die nur die Richtung nach oben kennt. Das will niemand hören, in den USA nicht und in Europa nicht. Deswegen wird es von der Politik konsequent ignoriert. Sogar von einem Visionär wie Barack Obama.

- Andreas Lampl

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