A. Lampl in 'formatiert': Als einzige Hoffnung bleibt das Diktat der leeren Kassen

Die Regierung wird sich irgendwann fragen müssen, ob es nicht sehr ratsam wäre, eine Reform-Agenda vorzulegen. Es wäre vielleicht ihre letzte Chance.

Ein vor kurzem geführtes Gespräch mit Managern aus der Computerbranche landete nach einigen Windungen bei der Bildungsdebatte. Die Rede kam auf elektronische Schulbücher, interaktive Lernprogramme und auf die guten Erfahrungen, die Schulen durch den Einsatz intelligenter Software schon gesammelt haben. Nicht nur in Skandinavien, wo bekanntlich die PISA-Vorzugsschüler zuhause sind, sondern zum Beispiel auch in Korea oder Südafrika. Eigentlich einleuchtend, wenn man das Kommunikations-, Informations- und Spielverhalten der Facebook-Generation kennt. Kopierte Zettel mit Lehrstoff wirken da wohl wie aus einer fremden Welt.

Der normal denkende Laie wird nun meinen, es fehle dem österreichischen Schulsystem an den Mitteln, um Schülern die Segnungen moderner Technologie zukommen zu lassen. Und er wird glauben, mit zusätzlichem Geld – und vielleicht ein bisschen Unterstützung seitens der Wirtschaft – ließe sich schnell Abhilfe schaffen.

Doch so ist es nicht, zumindest nicht nur. Erstaunlicherweise berichteten die Leute aus der Computerbranche nämlich, dass es – klarerweise nicht gänzlich uneigennützig – immer wieder Angebote zu Kooperationen gäbe: etwa Lehrer auszustatten oder die elektronische Infrastruktur für die Schüler zu verbessern. Aber dass solche Initiativen zumeist am Widerstand der Lehrergewerkschaft scheitern. Und zwar, weil solche Investitionen in Schulen wohl die Gefahr erhöhen, dass die Forderung noch lauter wird, Lehrer mögen mehr Zeit an ihrem Arbeitsplatz verbringen, anstatt rund die Hälfte ihrer Arbeitszeit zuhause zu absolvieren. Das Ministerium könnte ja auf die Idee kommen, ein paar Stunden für die Betreuung am Nachmittag festzulegen, wären die Voraussetzungen dafür geschaffen.

Auf der Stelle treten

Um wütenden Reaktionen gleich vorzubeugen: Ja, selbstverständlich erledigen auch in Österreich viele Lehrer ihren Job sehr engagiert, zeigen Eigeninitiative und vermitteln Wissen auf der Höhe der Zeit. Und ja, der mangelnde Einsatz elektronikunterstützter Lehrmethoden ist natürlich nur ein Nebenschauplatz der Bildungsmisere.

Trotzdem eignet sich das Beispiel hervorragend als Indikator dafür, was grundsätzlich faul ist im Staate Österreich: Reformverweigerung in weiten Teilen des Verwaltungsapparates und der Interessenvertretungen – und Politiker, die, anstatt entschlossen die Blockaden zu stürmen, lieber im Buhlen um die Gunst ihrer Klientel auf der Stelle treten.

Im Fall der Lehrergewerkschaft ist es schon eine besondere Chuzpe, öffentlich die miesen Arbeitsbedingungen zu beklagen, hinter den Kulissen aber jeden Versuch zu hintertreiben, adäquate Arbeitsplätze für Pädagogen einzurichten. Weil sonst das schlagendste Argument für die Beibehaltung des Status quo – möglichst früh nachhause zu gehen – entfällt.

Mit Gewerkschaftslogik ist dieser Standpunkt ja noch irgendwie zu erklären. Unerklärlich ist, dass die öffentliche Hand als Arbeitgeber mit Ausnahme von ein paar erfolglosen Versuchen der Unterrichtsministerin seit Jahren teilnahmslos zusieht. Und das, obwohl völlig unbestritten ist, dass eine Betreuung der Schüler über den Unterricht hinaus das Bildungsergebnis verbessert.

Den Nerv getroffen

Diese Entscheidungsschwäche löst zunehmend wirkliche Verärgerung aus. Für die letztwöchige FORMAT-Coverstory fanden sich ohne große Überredungskunst über 40 bereitwillige Wirtschaftsgrößen, die ihre Stimme gegen den Stillstand im Land erhoben. Auch die Zahl der zustimmenden Leser-Reaktionen spricht für sich selbst. Das Thema hat einen Nerv getroffen. Die Regierung wird sich irgendwann fragen müssen, ob es nicht sehr ratsam wäre, eine Reform-Agenda vorzulegen. Es wäre vielleicht ihre letzte Chance.

Aber wenn schon die vergleichsweise einfache Übung nicht gelingt, mehr in Bildungs-Infrastruktur zu investieren und dafür die Lehrer länger in der Schule zu halten, dann muss man für die komplexeren Materien erst recht schwarzsehen. Es ist noch wesentlich anspruchsvoller, den Bürgern zu erklären, dass eine Spitalsreform (inklusive Schließungen) keine Verschlechterung der Leistung bedeutet, sondern das Gegenteil: die einzige Möglichkeit, trotz steigender Kosten den Leistungsstandard zu halten.

Von der komplizierten und politisch hochbrisanten Frage, wozu die Länder eigentlich Gesetzgebungskompetenz brauchen, ganz zu schweigen.

Bleibt als einzige Hoffnung das Diktat der leeren Kassen. So mussten sich die ÖBB einen ewigen Fight mit Regionalpolitikern um die Schließung unrentabler Nebenbahnen liefern. Bis der Druck so groß wurde, dass Niederösterreich die Strecken 2010 in Eigenregie übernahm – und sie jetzt selbst stilllegt. Auf den Bahntrassen werden Radwege angelegt. Auch eine Art der Reform. Nur dass über die Jahre noch rasch Hunderte Millionen Steuergeld via ÖBB vergeudet wurden.

- Andreas Lampl

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