2014 - das Sarajevo-Jahr

2014 - das Sarajevo-Jahr

Es wird ein langes Jahr werden, das 14er Jahr, was natürlich metaphorisch zu sehen ist. Aber wenn in ein paar Wochen Silvester gefeiert wird, dann dürfte der Rutsch zumindest für die Nachdenklichen etwas Außergewöhnliches an sich haben.

Schon steht viel Literatur über Sarajevo in den Buchhandlungen, es kommt immer mehr historisches Filmmaterial ans Tageslicht. Symposien und Ausstellungen sind fix gebucht.

Und die EU? Alle Spitzen sollen nach Sarajevo reisen, so der eigenwillige Brüsseler Plan - Angela Merkel, François Hollande, Werner Feymann etc. Dort würden sie dann am hundertsten Jahrestag der Ermordung des österreichischen Erzherzog-Thronfolgers Franz Ferdinand - also am 28. Juni 2014 - "Europabewusstsein“ demonstrieren. Österreich leistet keinen Widerstand dagegen, obwohl bekanntlich schon am Wiener Rennweg der Balkan beginnt.

Verlässlicher ist da in der Tat eher das Studium der Vorgeschichte der diversen Wirtschaftskatastrophen rund um die Weltkriege, jenes Wahnsinns, der in den Vorstadtschlössern von Paris beschlossen wurde und im Unsinn der Ideologiekämpfe mündete; verlässlicher wohl auch das Studium des Kalten Krieges, weil er als Beispiel dafür gelten kann, wie ein Kriegsende ohne Blutvergießen möglich ist.

Österreicher warfen Kriegsmaschine an

Letztlich sollten wir 2014 erfahren, wer von 1914 bis 1918 am Ersten-Weltkriegs-Rad gedreht hat, wer den "Großen Krieg“ ausgelöst hat. Und so ist es zufolge der Ehrlichkeit von immer mehr Historikern heute klar: Es waren 1914 Österreicher, die die Kriegsmaschine angeworfen haben, Österreicher, die den Urknall ausgelöst haben; Österreicher, die eine Urkatastrophe bagatellisiert haben. Wozu noch die Ignoranz kommt, mit der Österreicher das Verbrechen des Holocausts abgehandelt haben.

Will man aber die neuen Thesen überprüfen, dann muss man noch weiter in der Geschichte zurückblicken. Der Holocaust ist ja keine Zufallserscheinung, er ist die natürliche Folge von Brutalität und Banalität plus Zeitgeist und Ideologie.

Denn bereits 1873 ereignete sich in Wien eine folgenschwere Wirtschaftskatastrophe. Ein erstaunlicher Boom hatte rund 500 neue Aktiengesellschaften entstehen lassen. Er bewirkte eine maßlose Spekulationswelle und einen Boom der Industrie.

Um es den Westeuropäern gleich zu tun, lud Kaiser Franz Josef daher die internationale Hautevolee nach Wien; eine Weltausstellung sollte die wirtschaftliche Potenz des Kaisertums Österreich beweisen.

Zur Eröffnung am 1. Mai 1873 hatten sich bei Kaiser Franz Josef nicht weniger als 33 regierende Fürsten, 13 Thronfolger und 20 Prinzen angesagt. Die durften unter dem Dach der Rotunde auf dem Pratergelände die unglaublichsten Innovationen bewundern. Etwa die regulierte Donau, die taxfrei zur Weltsensation erklärt wurde und Wien zum Zentrum des "Donauraumes“ machte. Doch dann brach am schwarzen Freitag, dem 9. Mai 1873, die Wiener Börse zusammen.

Eine Katastrophe“, titelte die "Neue Freie Presse“ - und: "Die Wirkungen der Überspekulation sind eigetreten (…) wie von Dämonengewalt erfasst, ist das Gebäude zusammengebrochen, welches auf Actien aufgebaut war.“

Unzählige Mittelständler, die es schon gab, verloren ihr gesamtes Vermögen; die Immobilien- und Bankenblasen platzten. 152 Anleger begingen Selbstmord. Es war nur allzu verständlich, dass man die "Sache“ behördenseits schnell erledigt haben wollte. Während aber die Welt Ursachenforschung über die Hintergründe betrieb, hatte man die am Börsenkrach Schuldigen rasch geortet: Es waren die Juden.

Nach dem Börsen-Desaster wagte es in Österreich jedenfalls so gut wie keine politische Bewegung mehr, sich schützend für die Juden zu engagieren. Wien wurde vielmehr zur größten antisemitischen Plattform Europas - nachdem die Stadt zuvor zur größten jüdischen Kommune der Welt gewachsen war.

Das konnte nicht gut gehen. Und so kam auch ein gewisser Adolf Hitler 17-jährig aus seiner Heimat Oberösterreich arbeitslos nach Wien und lernte hier die Kombination aus Antisemitismus und Kapitalismus kennen.

In "Mein Kampf“ beschrieb er später die wahren Zustände in der glänzenden Kaiserstadt: "Vor den Palästen der Ringstraße lungerten Tausende von Arbeitslosen (…) und unter dieser via triumphalis des alten Österreich hausten im Zwielicht und Schlamm der Kanäle die Obdachlosen.“ Schmierereien tauchten an den Wänden der Wiener Uni auf: "Was der Jude glaubt, ist einerlei - in der Rasse liegt die Schweinerei.“ So wurde der Rassenantisemitismus in Österreich erfunden - und der Österreicher Hitler agitierte schon als kleiner Ex-Soldat gegen Juden und Judenfreunde, nachdem er 1914 nach München übersiedelt war.

Während man sich aber im Deutschen Reich tatsächlich ernsthaft auf mögliche Kriege vorbereitete, hatte der 84-jährige Kaiser Franz Josef nach dem Börsen-Desaster in Wien viel zu wenig Geld für zeitgemäße Investitionen in die Armee.

Und den laufend wechselnden k.u.k.-Regierungen blieb im Grunde nur ein Ausweg: die Aufnahme von Schulden bei den Banken im In- wie Ausland. Hintergrund: Die Riesenarmee sollte im Fall von Unruhen primär im 52-Millionenstaat eingesetzt werden - wie gleichfalls gegen die ungeliebten Nachbarn am Balkan.

Fast als einziger wollte sich der ungeliebte Thronfolger und Neffe Kaiser Franz Josefs - Franz Ferdinand - aus dem Abenteuer heraushalten. Recht hatte er: Die Aufnahme Bosniens in den Kreis der Kronländer erwies sich ebenso als Fass ohne Boden wie die Aufrüstung der k.u.k.-Marine mit den modernsten Schlachtschiffen der damaligen Welt, den Dreathmougths.

Die konnten im Ersten Weltkrieg der Donaumonarchie auch nicht helfen: Weniger, weil die k.u.k.-Armee versagt hatte, sondern vielmehr die Heimatfront am Zerbrechen war. So blieb es nicht beim Antisemitismus, sondern wuchs sich zum schäbigen Alltagsfaschismus aus, zum Fremdenhass und zur "Mir san mir“-Mentalität.

Als erstes traf es die Serben: Im Rahmen einer Strafaktion brach die Großmacht Österreich gegen das kleine Königreich Serbien den "Schweinekrieg“ vom Zaun. 1906 sperrten Wien und Budapest die Grenzen Österreich-Ungarns für Fleisch und Geflügel "wegen Seuchengefahr“. Statt wie früher 88 Prozent der serbischen Exporte aufzunehmen, fiel die österreichische Quote auf 30 Prozent.

Was eine wohlgeplante ruinöse Aktion war, die die alte orthodoxe Abneigung der Serben gegen die katholischen Habsburg-Untertanen extrem verstärkte. Zweitens nahmen die Österreicher mit Italiens Hilfe den Serben die Adria-Küste weg. Man "erfand“ Albanien und amputierte das serbische Königreich zum Binnenland.

1908 kam es schließlich zum bösesten Akt: Österreich annektierte Bosnien, steckte die Neo-Österreicher in die feldgrauen Uniformen des Kaisers. Die bosnischen Moslems ("Bosniaken“) und katholischen Kroaten wurden des Kaisers beste Soldaten.

So war die Stimmung entsprechend aufgeheizt, als am 28. Juni 1914 in der österreichischen Stadt mit einer muslimischen Mehrheit tödlichen Schüsse auf den Thronfolger Franz-Ferdinand fielen. Zusammen mit seiner Frau starb er im Gräf-und-Stift-Auto A III.

Nun konnte niemand mehr die sogenannte. "Kriegsfraktion“ im österreichischen Generalstab stoppen. Serbien sollte von der Landkarte verschwinden, Italien und Russland präventiv angegriffen werden. Um die Deutschen zur Unterstützung zu gewinnen, wandte Österreichs Diplomatie verlässliche Tricks an. Die Deutschen fielen darauf herein.

Und was passierte mit den Mördern von Sarajevo? Nun, das 1914 in Serbien zusammengeführte Killerkommando bestand aus österreichischen Staatsbürgern - einem Gymnasiasten, einem Drucker und einem Krankenpfleger. Sie gehörten der serbisch-orthodoxen Kirche an und kultivierten den Traditionshass gegen die Katholiken.

Der noch jugendliche Attentäter Gavrilo Princip wurde zu 20 Jahren Haft verurteilt - die er in der k.u.k.-Festung Theresienstadt verbüßen sollte. Er starb aber nach fünf Jahren Haft an TBC. Von den 25 Angeklagten wurden lediglich drei hingerichtet. Bewirkt hatten die Richter mit ihrer besonderen Correctness wenig. Princip blieb für die Serben ein großer Held, ja ein Heiliger ihrer orthodoxen Kirche. In der Tito-Zeit wurden dann in ganz Jugoslawien Strassen und Brücken nach ihm benannt. Serbien selbst erlitt aber einen fürchterlichen wirtschaftlichen Niedergang.

Die deutschnationalen Hardliner in Wien und Böhmen, Slowenien und Kärnten wiederum fürchteten nach 1945 ihre Verdrängung durch nichtdeutsche Bevölkerungsgruppen - was tatsächlich nach dem Zweiten Weltkrieg systematisch erfolgte. Erst heute sind die Normen für das Zusammenleben verschiedener Volksgruppen zwischen Adria und Schwarzem Meer unbestritten, dank der Europäischen Union.

Und das ist gut so. Denn allen Gutwilligen in Mitteleuropa und am Balkan ist mittlerweile einsichtig, dass nur ein integriertes Europa den Frieden sichern kann. Und die ökonomische Fortentwicklung nur auf friedvolle Weise erfolgen wird.

Weil jede Wirtschaftskrise in der Europäischen Union nur einen Bruchteil von dem kosten kann, was ein Krieg kostet. Das ist, 100 Jahre verspätet, die eigentliche Lehre aus dem "Großen Krieg“.

- Hans Magenschab ist Journalist & Historiker, früherer Chefredakteur der Wochenpresse und Sprecher von Bundespräsident Thomas Klestil

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