100 Tage CEO Franziskus

100 Tage CEO Franziskus

Am 13. März wurde Jorge Mario Bergoglio zum Oberhaupt der römischkatholischen Kirche gewählt. Eine Bilanz der ersten 100 Tage des neuen Papstes.

Führen durch Vorbild: Die erste Schlacht focht und gewann Franziskus im Umkleideraum. Er lehnte sowohl die roten Schuhe als auch den Samtumhang, die Mozetta, ab. Als der Zeremonienmeister insistierte, machte ihm Franziskus mit wenigen Worten klar, wer der neue Herr im Vatikan ist: „Wenn Sie unbedingt wollen, dann können Sie die Schuhe gerne selbst anziehen. Der Karneval ist vorbei.“ Nach der Wahl stieg er gemeinsam mit den anderen Kardinälen in den Bus und verweigerte den bereitstehenden Mercedes mit Fahrer. Seitdem fahren viele vatikanische Würdenträger öffentlich statt mit Chauffeur. Und sie überlegen zweimal, ob sie weiterhin gerne in Luxusrestaurants gesehen werden wollen.

Meister der Symbolik und Gesten

In seinen ersten Worten am Balkon des Vatikans redete Franziskus von sich als „Bischof von Rom“ und bat die Gläubigen erst um ihren Segen, bevor er sie segnete. Um seine Botschaft „Ich bin einer von euch“ noch zu verstärken, wünschte er „allen Brüdern und Schwestern eine gute Nacht“. Was sich für manche bei uns wie eine leere Floskel anhörte, wurde in den Elendsvierteln der Welt sehr gut verstanden. Dort ist eine gute Nacht nämlich keine Selbstverständlichkeit.

Die Kerndisziplinen eines CEOs „Führen nach innen“ und „Kommunizieren nach außen“ hat Franziskus mit Bravour bewältigt. Drängende Personalentscheidungen hat er dagegen bisher nicht getroffen. Die Einsetzung eines achtköpfigen Kardinalsdirektoriums, das die Verfassung der römischen Kurie reformieren soll, verheißt für diese allerdings nichts Gutes.

Es ist ihm durchaus zuzutrauen, dass er die alte Kurie entmachtet. Franziskus ist Jesuit und diese können mit Macht sehr gut umgehen. Das hat auch die argentinische Präsidentin Kirchner schon erleben müssen, die über Bergoglios Wahl ungefähr so erfreut war, wie das polnische KP-Politbüro über jene Wojtylas.

Wie wird Franziskus mit den strategischen Herausforderungen umgehen? Die erste ist, mit dem dramatischen Mitgliederschwund in den Stammmärkten umzugehen. Gibt Franziskus Europa endgültig auf und konzentriert sich dafür auf die neuen Märkte in Afrika, Südamerika und Asien? Bedeutende Kräfte im Vatikan verfolgen seit Jahren diese Strategie, die allerdings nur scheinbar zukunftsträchtig ist. Denn dort, wo die Kirche den größten Zulauf hat, halten sich die Mitglieder und auch die Priester am wenigsten an die Dogmen und die Sexualmoral. Eine Kirche, die sich in Europa auf eine Sekte für Strenggläubige und Festtagsfolklore für die Massen reduziert, wird auch global nicht überlebensfähig sein.

Die zweite Challange ist der Priestermangel. Entgegen allen Beschwichtigungsversuchen ist der Priestermangel in Europa dramatisch. Die Abschaffung des Zölibates würde Franziskus kurzfristig viel Zustimmung bringen ohne mit einem kirchlichen Dogma brechen zu müssen. Er würde damit aber eine Legalisierungswelle innerhalb der Kirche auslösen und ihr so auch eine Scheidungs- und Versorgungsproblematik aufladen. Wenn Franziskus allerdings nicht handelt, dann wird in naher Zukunft in Europa ein „rasender Hirte“ die wenigen Schäfchen in verstreuten Gemeinden betreuen müssen.

Das dritte Problem ist die Weltfremdheit: Schon mit seiner Namenswahl hat Franziskus die zukünftige Ausrichtung als „arme Kirche für die Armen“ deutlich gemacht. Seine klare Sprache und einfache Lebensweise wird ihn den Menschen näher bringen als das seinem Vorgänger je gelungen ist. Das ändert nichts daran, dass sich die Kirche mit ihrer Sittenlehre so weit von den Menschen entfernt hat, dass ihre Gebote für die überwältigende Mehrheit in der ganzen Welt irrelevant geworden sind. In der Sexualmoral hat Bergoglio bisher einen sehr konservativen Kurs vertreten. Dass man mit Kondomen die Ausbreitung von HIV verhindern kann und dass die Empfängnisverhütung gerade für Frauen in Entwicklungsländern der einzige Weg aus Armut und Unterdrückung ist, leugnen auch katholische Wissenschafter nicht.

Fazit: Jorge Mario Bergoglio hat kein Harvard MBA absolviert, aber durch die selektive Ausbildung der Jesuiten ist er bestens auf die Führung einer globalen Organisation vorbereitet. Menschenführung hat er nicht in Seminaren, sondern in den Slums von Buenos Aires gelernt. Den Spagat mit einem Bein im 19. Jahrhundert festzustecken und mit dem zweiten im 21. anzukommen, wird aber auch Franziskus nicht schaffen. Springen kann man nur mit beiden Beinen in der Luft. Genug Kraft dafür hätte er.

Zur Person: Andreas Salcher ist Unternehmensberater, Autor von fünf Nummer-1-Bestsellern und Managementcoach. Website: www.andreassalcher.com

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