Mars-Macht: Verschwiegenes Schokoriegel-Imperium

Mars-Macht: Verschwiegenes Schokoriegel-Imperium

Das Familienimperium Mars wird von Victoria Mars geführt. Sie ist die Urenkelin des Gründers.

Die Rückrufaktion von Millionen Schokoriegeln holt einen US-Konzern ins Scheinwerferlicht, der bislang vor allem für seine Verschwiegenheit bekannt war: Macht MARS jetzt öffentlich mobil?

Die Leute in der Gegend nennen das Gebäude scherzhaft den "Kreml". Der Eingang ist verschlossen, an der Tür ein schlichtes Schild: Privatbesitz. Der zweistöckige Würfelbau hat den Charme einer Lagerhalle. Nichts deutet darauf hin, dass sich darin der Konzernsitz von Mars verbirgt. Der Legende nach war vor einigen Jahren der Nestlé-Chef zu Besuch und dachte, er habe sich verfahren - so unscheinbar wirkt der Bau in einem Vorort von Washington DC.

Mit einem Umsatz von 30 Milliarden Euro und 75.000 Mitarbeitern in 74 Ländern ist Mars einer der größten Lebensmittelkonzerne. Trotzdem wird der Gigant geführt wie eine Geheimorganisation. So will es die Familie Mars, die das Unternehmen in vierter Generation leitet und deren Vermögen vom US-Magazin "Forbes" auf 72 Milliarden Euro taxiert wird. Ihre Produkte findet man in jedem Supermarkt: Milky Way, Snickers, M&M's, Twix, Reis von Uncle Ben's und Tierfuttermarken wie Whiskas und Pedigree.

Trotzdem meiden die Enkel und Urenkel des Firmengründers Frank Mars die Öffentlichkeit wie der Teufel das Weihwasser. Von den meisten gibt es nicht einmal Fotos, nur von wenigen sind die Vornamen bekannt. Selbst wenn es hart auf hart kommt, ist der Familie wichtiger, ihre Privatsphäre zu schützen als sich schützend vor ihre Marken zu stellen: Am 23. Februar startete Mars den wohl größten Produktrückruf der Firmengeschichte. In einem Schokoriegel in Deutschland war ein Stück Plastik gefunden worden. Passiert war das schon im Dezember. Die Details kamen nur scheibchenweise ans Tageslicht.

Eine zentral gesteuerte Krisenkommunikation gab es nicht. Inzwischen weiß man, dass mindestens 40 Produkte betroffen sind, darunter Mars, Snickers, Milky Way und Celebrations. Millionen ausgelieferter Schokoriegel in knapp 60 Ländern könnten verunreinigt sein. In einer niederländischen Fabrik soll die Kunststoffabdeckung einer Leitung abgefallen und in scharfkantigen Einzelteilen in die Riegel verschmolzen worden sein. Mit einer großen Rückrufaktion will der Konzern nun gegensteuern.

Immenser Imageschaden

Umso mehr wundert es, dass sich nicht wenigstens Victoria Mars vor die Kameras getraut hat. Die Urenkelin des Firmengründers fungiert seit April 2014 als Aufsichtsratschefin. In den vergangenen zwei Jahren war sie mehrmals auf Branchenkonferenzen aufgetreten. Sie hatte versprochen, der Konzern wolle sich öffnen und transparenter werden. Für ein Mitglied der Mars-Dynastie hat sie sich schon ziemlich weit aus der Komfortzone gewagt: Man weiß immerhin, wie sie aussieht: eine zierliche Frau zwischen 50 und 60 Jahren mit lockigen, dunkelblonden Haaren. Sie hat verraten, dass sie gern Ski und Rad fährt, die Berge liebt und in ihrer Freizeit Familienalben anfertigt. Außerdem hat sie vier eigene Katzen und elf Katzenenkel, die ihren vier Kindern gehören.

Diese Anekdoten erzählt sie aber nicht, weil sie Gefallen am öffentlichen Leben gefunden hat. Sie hat wohl eingesehen, dass die Geheimniskrämerei für einen weltweiten Lebensmittelkonzern "nicht mehr zeitgemäß ist", wie sie es selber ausdrückt. Vor allem geht es ihr wohl darum, das weitgehend unbekannte Unternehmen als attraktiven Arbeitgeber zu bewerben. Der Konzern ist dezentral organisiert, die Mitarbeiter genießen viel Eigenverantwortung. Es gibt bei Mars keine Einzelbüros, selbst in der Zentrale sitzen alle Angestellten gemeinsam mit dem Topmanagement und den Familienmitgliedern in einem Großraum. Jeder Schreibtisch ist angeblich gleich groß, egal, ob Vorstandschef oder Vertriebsassistent.

Ein Reporter des Magazins "Fortune" durfte 2013 den Firmensitz besuchen, gesehen hat er eine ungewöhnliche Mischung aus Modernität und Rückwärtsgewandheit. Es gibt tatsächlich noch eine Stechuhr, die selbst der Vorstandschef benutzt. Wer zu spät kommt, bekommt zehn Prozent weniger Tageslohn. Anders als bei vielen US-Großkonzernen gibt es keine Annehmlichkeiten wie kostenlose Verpflegung oder Ruheräume. Dafür stehen überall Automaten mit kostenlosen Süßigkeiten. Außerdem dürfen die Mitarbeiter ihre Haustiere mit zur Arbeit nehmen. Aktienoptionen gibt es keine, dafür sind die Gehälter und Boni deutlich über Branchenschnitt. Die Fluktuation der Mitarbeiter, die sich selbst stolz als "Marsianer" bezeichnen, ist sehr gering. Manche Familien arbeiten in der dritten Generation für Mars. Bildschirme informieren die Mitarbeiter über die aktuellen Geschäftszahlen: Umsatz, Gewinn, Cashflow, Kosteneffizienzgrad der einzelnen Fabriken.

Die fünf Leitmotive - Qualität, Verantwortung, Gemeinschaft, Effizienz und Freiheit - gehen schon auf den Gründer zurück. Frank Mars galt als Perfektionist, der selbst während der Wirtschaftskrisen auf exakter Rezeptur und absoluter Sauberkeit bestand. Bis heute müssen alle "Marsianer" in den Fabriken weiße Arbeitskleidung tragen, damit jede Verunreinigung sofort zu erkennen ist.

Start am Küchentisch

Der Familienpatriarch gründete den Konzern 1911 in der Küche seiner Mutter. Weil er als Kind an Polio erkrankt war, galt er als arbeitsunfähig. Ursprünglich als Beschäftigungstherapie gedacht, brachte ihm seine Mutter bei, wie man Süßigkeiten herstellt und in der Nachbarschaft verkauft. Richtig ins Geschäft kam er aber erst, als sein Sohn Forrest Mars senior nach dem Studium in Yale in die Firma einstieg.


Wir haben erkannt, dass wir uns ändern müssen. Wir wollen, dass unsere Konsumenten uns trauen können.

1923 erfanden sie gemeinsam den Milky-Way-Riegel. Sieben Jahre später folgte das erste Snickers, benannt nach dem Pferd der Familie. Trotz des Erfolgs zerstritten sich Vater und Sohn, der Junior zog nach Europa und erfand den Mars-Riegel, M&M's und stieg ins Tierfuttergeschäft ein. Nach dem Tod des Vaters kehrte er in den 60er-Jahren in die USA zurück und fusionierte beide Firmenzweige. Er war es auch, der die flachen Managementstrukturen einführte, Einzelbüros abschaffte und Luxus-Extras wie den Chauffeur strich. 1973 übergab er an seine Söhne John und Forrest Mars junior. Letzterer ist der Vater der heutigen Aufsichtsratschefin Victoria Mars.

Die Brüder trieben die Expansion voran und formten aus dem Familienbetrieb einen multinationalen Megakonzern. Als Forrest Mars senior 1999 starb, gab die Familie weder eine Todesanzeige auf noch eine Pressemitteilung heraus. Es ist diese Art von spleeniger Verschlossenheit, die Victoria Mars heute nicht mehr als zeitgemäß empfindet. Auf ihrer Rede vor zwei Jahren gab sie zu: "Wir haben erkannt, dass wir uns ändern müssen. Wir wollen, dass unsere Konsumenten uns trauen können."

In den letzten Tagen hat der Konzern eine große Portion Vertrauen eingebüßt. Es bleibt abzuwarten, ob der Druck groß genug wird, um Victoria Mars doch noch vor die Kamera zu treiben. Diesmal wird sie die Gemüter vermutlich nicht mit ein paar Geschichten über ihre Katzen und ihre Vorliebe für Fotoalben beruhigen können.

trend. Ausgabe 9/2016 - 4. März 2016

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