Marcel Hirscher und Atomic: Das Geheimnis der Sieger-Ski

Marcel Hirscher bei seiner Fahrt zum Olympiasieg in der Alpinen Kombination 2018.

Marcel Hirscher bei seiner Fahrt zum Olympiasieg in der Alpinen Kombination 2018.

Die Olympiasiege von Marcel Hirscher in der Alpinen Kombination und im Riesenslalom bei den Olympischen Spielen in PyeongChang sind weitere Erfolge für den Salzburger Skifabrikanten Atomic. Das Unternehmen hat einige Durststrecken hinter sich, schaffte es aber, wieder zur weltweit größten Skimarke zu werden. Der Hirscher-Faktor ist nur einer der Gründe.

Mission completed. Und das gleich doppelt. Zunächst der erste Teil. Am 13. Februar um 7:44 Uhr war es gewiss: Marcel Hirscher, der Dominator des Alpinen Skisports der letzten Jahre, holte seine erste Goldmedaille bei Olympischen Spielen. Beim ersten seiner drei Versuche bei den Olympischen Spielen in PyeongChang, der Alpinen Kombination, gelang dem Salzburger damit der ersehnte Triumph, der ihm davor verwehrt geblieben war.

Obwohl Hirscher sechs Saisonen hintereinander jeweils den Gesamtsieg im Alpinen Ski-Weltcup der Herren holte, der 28-jährige im gleichen Zeitraum jeweils viermal Weltcupsieger im Slalom und im Riesentorlauf wurde und er sechsmal WM-Gold holen konnte, war sein bisher größter Erfolg bei Olympischen Spielen eine Silbermedaille, gewonnen 2014 beim Slalom von Sotschi.

Das Lächeln des Siegers: Marcel Hirscher, Top-Medaillenfavorit in PyeongChang, holt sein erstes Olympiagold.

Das Lächeln des Siegers: Marcel Hirscher, Top-Medaillenfavorit in PyeongChang, holt sein erstes Olympiagold.

Hirschers Jubel - und auch der seiner Betreuer und des Teams seines Ski-Ausstatters Atomic - war nach dem erfolgreichen ersten Teil der Mission Olympiagold entsprechend groß. In der Öffentlichkeit stiegen die Erwartungen an den Ausnahmekönner vor dem Slalom und dem Riesenslalom mit dem Sieg möglicherweise sogar noch etwas, doch für den Sportler selbst war einmal viel Druck weg. Zumal ihm gelungen ist, was er selber vor dem Start noch in Frage stellte: Seit der Ski-WM in Sankt Moritz vor genau einem Jahr - wo sich er ebenfalls am 13. Februar in der Kombination um eine Hundertstelsekunde dem Schweizer Luca Aerni geschlagen geben und mit Silber begnügen musste - hatte Hirscher keine Abfahrtsski mehr angeschnallt und in Interviews vor dem Bewerb in PyeongChang gab er sich deshalb auch entsprechend zurückhaltend.

"Wenn ich nach der Abfahrt nicht unter den Top 30 liege, wird es eng mit einer Medaille", orakelte Hirscher. Die tatsächliche Ausgangsposition war dann deutlich besser - vielleicht auch, weil der als extremer Tüftler bekannte Hirscher bis zur letzten Sekunde an seinem Setup gefeilt hatte und sich vor der Abfahrt noch vom Norweger Aksel Lund Svindal in die Kunst der langen, schnellen Schwünge einführen ließ. Nach der Abfahrt lag Hirscher auf Rang zwölf, mit 1,32 Sekunden Rückstand auf den deutschen Kitzbühel-Abfahrtssieger Thomas Dreßen. Und trotz widriger Bedingungen - Sturmböen warfen Hirscher beim entscheidenden Slalom mehrmals aus der Ideallinie - setzte er sich mit seinem Lauf in Führung und entschied den Bewerb schließlich mit 23 Hundertstel vor dem Franzosen Alexis Pinturault für sich.

Mission Gold, Teil 2: Riesenslalom

In der Nacht von Samstag, 17. Februar auf Sonntag, 18. Februar folgte schließlich der zweite Streich. Während Österreich schlief fuhr Hirscher in Südkorea im Riesentorlauf die Konkurrenz in überlegener Manier in Grund und Boden. Im ersten Durchgang fuhr der Salzburger einen Vorsprung von 63 Hundertstelsekunden auf den zweitplatzierten Alexis Pinturault (Frankreich) und 1,31 Sekunden auf den späteren Silbermedaillengewinner Henrik Kristoffersen, der nach dem ersten Lauf nur auf rang neun lag. Im zweiten Durchgang ließ der Österreicher nichts anbrennen und fuhr mit zweitbester Laufzeit, nur vier Hundertstel langsamer als Kristoffersen, souverän zu seinem zweiten Olympiagold.

1,27 Sekunden Vorsprung - einen größeren Vorsprung hatte zuletzt der Franzose Jean-Claude Killy seinerzeit in Grenoble (1968) herausgefahren: 2,22 Sekunden lag Killy damals vor dem Schweizer Willy Favre.

Ob ihm und seinem Team der Sieg mehr bedeutete als der in der Kombination? Der Jubel im Ziel lässt darauf schließen. "Das Gerät runterdrücken", "Alles oder Nichts" "Es war nicht so einfach" sagte Hirscher im Anschluss an das Rennen und der Zweitplatzierte Kristoffersen zollte dem Ski-Dominator Respekt: "Hirscher fährt derzeit in einer eigenen Liga. Wir anderen fahren nur um Silber und Bronze."

Erfolg nach Plan

Hirschers Siege sind nicht nur für den Sportler selbst, sondern auch für seinen Ski-Ausstatter Atomic weitere Puzzlesteine einer langen Erfolgsgeschichte. Und die akribische Setup-Tüftelei, die Hirscher mitunter bis in den letzten Minuten vor dem Start eines Rennens betreibt, wird auch bei Atomic mit nahezu manischer Besessenheit in allen nur erdenklichen Bereichen betrieben.

Als aktuelle Atomic-Geschäftsführer Wolfgang Mayrhofer vor neun Jahren als General Manager das Ruder bei Atomic übernahm, hatte er ein strategisches Ziel im Kopf: in den USA vorne mit dabei zu sein, weil man sonst nicht die Nummer eins werden kann. Mit rund 25 Millionen Skifahrern und Snowboardern sind die USA mit Abstand der größte Ski-Einzelmarkt der Welt, wo Atomic damals wenig präsent war. Mayrhofer flog über den Atlantik, um sich selbst ein Bild zu machen.

Atomic Geschäftsführer Wolfgang Mayrhofer

Atomic Geschäftsführer Wolfgang Mayrhofer

Bei einem Trip in die Rocky Mountains sah er einen coolen Typen, der mit einem Affenzahn die Piste rückwärts fahrend bewältigte - Chris Benchetler. Der Atomic-Manager hatte schon erkannt, dass in den USA die Freeskier die Trends setzen, weniger die Pistenfahrer. Er schloss eine Kooperation mit dem jungen Wilden, entwickelte mit ihm dann auch eine eigene Produkt-Linie: Atomic Backland Bent Chetler. Bald stellte sich dieser Marketingcoup als Verkaufsturbo in den USA heraus.

Wenn Benchetler nun seine waghalsigen Schwünge und Sprünge in den Schnee von Mammoth Mountain setzt, folgen ihm via GoPro-Kamera nicht weniger als 117.600 Abonnenten auf Instagram. So wie Hirscher auf der Piste ist der Kalifornier ist in den USA eine Freeski-Legende, ein Ausnahmeathlet, der auch in einigen Filmproduktionen ("Chasing El Niño") mitgewirkt hat.

Heute sind die Ski aus Altenmarkt im Pongau auch dank des starken US-Geschäfts wieder die Nummer eins am globalen Alpinski-Markt (siehe Grafik). 570.000 verkaufte Paar Ski im Jahr 2017 bedeuten rund 19 Prozent Marktanteil. Damit liegt man vor Rossignol und Head, wie auch die Zahlen der großen Händlergruppen zeigen. Ein gelungenes Comeback: Denn das Salzburger Unternehmen, das 1994 nach dem Konkurs von Gründer Alois Rohrmoser vom finnischen Amer-Konzern übernommen wurde hat längere Durststrecken hinter sich.

Weltweit werden jährlich rund drei Millionen Paar Ski verkauft. Die Top 3 Hersteller liefern sich ein Match.

Weltweit werden jährlich rund drei Millionen Paar Ski verkauft. Die Top 3 Hersteller liefern sich ein Match.

Seit etwa vier Jahren läuft der Laden aber wie ein Rennski. Eine Reihe von Entscheidungen stellte sich als richtig heraus: der zusätzliche Fokus auf Freeski, der Einstieg in den boomenden Skitouring-Bereich, der Erfolg der Skischuhe, wo Atomic -obwohl relativ spät gestartet -schon die weltweite Nummer zwei ist, oder die Zusammenarbeit mit der Salzburger Designschmiede Kiska, die den gesamten Markenauftritt deutlich konsistenter gemacht hat. "Wir haben in den letzten Jahren schön zugelegt", sagt Mayrhofer stolz und ergänzt: "Jede einzelne unserer Sparten bis hin zur Skibrille ist profitabel. Die Eigentümer sind zufrieden."

Doppelspitze Hirscher - Shiffrin

Dazu kommt im Kerngeschäft der Hirscher-Faktor: Atomic hat mit Marcel Hirscher und Mikaela Shiffrin die beiden unumstrittenen Topstars des Skirennlaufs unter Vertrag. "Deren Erfolge haben natürlich einen Impact auf den Pistenmarkt, vor allem in Österreich, der Schweiz, Deutschland und Norditalien", erklärt der Atomic-Chef.

Zu den Olympischen Spielen in PyeongChang in Südkorea ist Atomic auch mit 40 eigenen Leuten angereist. Das Unternehmen hat vor ein paar Jahren beschlossen, den Mittelbau im Läufer-Pool auszudünnen und sich vor allem auf die absolute Spitze zu konzentrieren. Die Strategie ging - auch mit Glück - auf: Letztes Jahr holten Hirscher und Shiffrin den Gesamtweltcup gleich zweifach nach Altenmarkt. Heuer standen beide bereits je zehn Mal ganz oben auf dem Siegerpodest. Zusammen mit den zwei Triumphen des neuen Italo-Stars Sofia Goggia holte man in der laufenden Weltcup-Saison bislang 22 Siege - gleich viele wie Rivale Head, wo aber gleich 14 Läufer dafür verantwortlich sind. Und mit 7,5 Millionen Euro gibt Atomic auch nur halb so viel wie Head für den Rennsport aus.

Bei den Siegen liegen die Atomic-Fahrer mit den Head-Racern in der Weltcup-Saison 2017/18 bislang gleichauf.

Bei den Siegen liegen die Atomic-Fahrer mit den Head-Racern in der Weltcup-Saison 2017/18 bislang gleichauf.

Damit das funktionieren kann, ist die Suche nach Supertalenten das Um und Auf. Der Scouting-Chef von Atomic, Ex-Slalomfahrer Heinz Schilchegger, hat dafür einen speziellen Ansatz: Er leuchtet neben der Skitechnik penibel das familiäre Umfeld des Nachwuchses aus. Wenn dort Leute wie die extrem ehrgeizige Eileen Shiffrin oder der begnadete Tüftler Ferdinand Hirscher aktiv sind, dann ist das Interesse für deren Kinder besonders hoch. Bei den Topstars revanchiert sich Atomic mit viel Aufmerksamkeit. "Wir stellen sicher nicht die größten Schecks aus, aber wir gehen flexibel auf die Wünsche ein", erläutert Mayrhofer. Das bestätigt auch Shiffrin im Gespräch mit dem trend, wo sie von einem guten "Gesamtpaket" spricht - inklusive frühzeitigem Einblick in neue Technologien. Marcels Hirschers Vater Ferdinand geht im Werk in Altenmarkt sowieso ein und aus, der Bruder arbeitet fix bei Atomic.

Shiffrin hat ihren Atomic- Vertag kürzlich um weitere zwei Jahre verlängert. Mit Hirscher wird nach dieser Saison neu verhandelt. Rund ein Drittel des Atomic-Rennsportbudgets entfällt auf die beiden.

In der Opferrolle

Der neuen Atomic-Strategie fielen in den letzten Jahren einige Topfahrer zum Opfer. Für die Liechtensteinerin Tina Weirather etwa gab das Budget heuer nicht mehr genug her, sie lief zu Head über. Ähnlich lief es beim norwegischen Jungstar Aleksander Aamodt Kilde. Der hatte bei Atomic als Nummer-eins-Speed-Fahrer zwar einen eigenen Servicemann, aber ein paar 100.000 Euro mehr von Head gaben aber schließlich den Ausschlag für den Wechsel. Allerdings steht Kilde dort hinter seinen Landsleuten Aksel Lund Svindal und Kjetil Jansrud im Aufmerksamkeits-Ranking.

Racing hat bei Head einen höheren Stellenwert als bei Atomic (siehe Kasten unten)."2010 haben wir unser Budget erhöht. Etwas mehr als die Hälfte des gesamten Marketings fließt nun in den Rennsport", erzählt Klaus Hotter, Marketing-Chef bei Head, der Stars wie Lindsey Vonn, Beat Feuz, Lara Gut oder Anna Veith zu seinem Team zählt. Die Affinität zum Rennsport rührt auch daher, dass Head-Eigentümer Johan Eliasch selbst hobbymäßig Skirennen fährt und mit vielen Stars wie Svindal befreundet ist.

Durch diese Positionierung ist Head vor allem in Europa stark präsent und auch Marktführer, spielt aber in den USA wenig Rolle. Erst heuer kam die Skifirma, die in Vorarlberg produziert, mit der eigenen Freeski-Serie Kore in den Handel.

Die Konkurrenz

◘ ROSSIGNOL

Wurde 2013 an die schwedische Investmentgesellschaft Haus Altor Equity Partners verkauft. Zur Rossignol Gruppe zählen u. a. auch die Marken Dynastar und Lange und zahlreiche Marken abseits der Skisports. Nach eigenen Angaben setzt die Gruppe weltweit 320 Millionen Euro um 72 Prozent kommen aus dem Wintersport. Bei Alpinski wird ein Weltmarktanteil von 23 Prozent angegeben, rund ein Viertel davon entfällt auf Dynastar. CEO Bruno Cercley spricht für die heurige Saison von einem zweistelligen Wachstum im Segment Wintersport.
Topstars Alpin: Henrik Kristoffersen, Tessa Worley

◘ HEAD

Produziert im Vorarlberger Kennelbach und im tschechischen Budweis. Eigentümer ist der gebürtige Schwede Johan Eliasch. Nach eigenen Angaben hat Head zuletzt 470.000 Paar Ski im Jahr 2017 verkauft; damit wurde ein Umsatzplus gegenüber dem Vorjahr von neun bis zehn Prozent erzielt. Laut Auskunft des Marketingchefs ist Head in den letzten Jahren "profitabel" gewesen. Head ist Marktführerin in Europa.
Topstars Alpin: Aksel Lund Svindal, Lindsey Vonn

◘ FISCHER

Sitz in Ried im Innkreis; steht im Eigentum österreichischer Privatinvestoren. Der gesamte Konzern erzielte zuletzt 145 Millionen Euro Umsatz Sehr stark im Nordischen Skisport; Weltmarktführer bei Langlaufski. 2016/17 konnte ein kleiner Gewinn erwirtschaftet werden.
Topstars Alpin: Vincent Kriechmayr, Nicole Schmidhofer

Steiniger Weg

Das gute Händchen bei der Auswahl der Athleten rechnet sich nun bei den Olympischen Spielen in Südkorea. Der Weg zurück an die Weltspitze war allerdings wesentlich komplexer. Für die aktuell gut 170 Millionen Euro Umsatz und die geschätzten 15 Millionen Euro Betriebsgewinn mussten die Hebel an vielen Stellen angesetzt werden. Nachdem der finnische Amer-Konzern das österreichische Unternehmen gekauft hatte, kämpfte die gesamte Skiindustrie einige Jahre lang mit gewaltigen Umsatzrückgängen. Statt einstmals sechs Millionen Paar Ski werden weltweit heute gerade einmal die Hälfte pro Jahr verkauft.

Maßgeblich zum Umschwung bei Atomic trug die Diversifizierung des Produktportfolios bei. Mittlerweile bekommt man nicht nur 60 bis 70 verschiedene Alpinki-Modelle aus dem Hause Atomic - vom Redster über den Punx, den Vantage bis zum stylishen Backland Bent Chetler. Der Kunde kann für seine Pistenabenteuer auch gleich Skischuhe, Helm, Rückenprotector, Skibrille und die dazu passende Kleidung erstehen. Und gemäß dem Unternehmensmotto "we are skiing" gibt es das für alle Zielgruppen und in allen Preisklassen: vom günstigeren 300-Euro-Brett bis zum luxuriösen, handgemachten Volant- Ski, der um 1.000 Euro aufwärts zu bekommen ist.

Die Topstars Mikaela Shiffrin und Marcel Hirscher konnten in der Saison 2017/18 bereits je zehn Weltcupsiege erringen.

Die Topstars Mikaela Shiffrin und Marcel Hirscher konnten in der Saison 2017/18 bereits je zehn Weltcupsiege erringen.

Auf den aktuell stark steigenden Tourenski-Trend ist Atomic früh aufgesprungen und konnte in den letzten drei Jahren bereits einen Anteil von zehn Prozent des Gesamtumsatzes erreichen. Mit dem Italiener Damiano Lenzi, Weltmeister im Moutain Running, hat man auch hier ein Aushängeschild unter Vertrag: "Wir wollen in allen Sparten die besten, nicht die meisten Sportler" (Mayrhofer). Die Hauptkonkurrenten Rossignol und Head liegen in diesem Wachstumssegment noch weit hinten.

Auch das Langlauf-Segment, das in den vergangenen Jahren nicht offensiv bearbeitet wurde und es trotzdem auf 15 Millionen Euro Umsatz bringt, will die Atomic-Führung pushen. Bei der WM-Generalprobe im Tiroler Seefeld gab es schon mal ein Treffen mit der Präsidentin des russischen Langlaufverbandes.

Produktion auf Order-Basis

Zum wirtschaftlichen Erfolg beigetragen hat jedenfalls die flexible Produktion. War es zu Zeiten des 2005 verstorbenen Firmengründers Alois Rohrmoser noch üblich, dass auf Halde produziert wurde und die Ski nach schlechten Wintern zu Billigpreisen verschleudert werden mussten, so werden die 570.000 Paar Ski heute mehr oder weniger auf Basis tatsächlicher Orders aus dem Handel produziert.

Möglich macht das ein sehr flexibles Arbeitszeitmodell, das den Mitarbeitern vor allem in der heißen Produktionsphase von Anfang Jänner bis Mitte Februar alles abverlangt. Dafür gibt es dann längere Urlaube zu anderen Zeiten. Das System kann auch dazu führen, dass manche Modelle eben mal ausverkauft sind wie im heurigen Superwinter. Den Atomic-Chef stört das allerdings nicht. Engpässe würden die Begehrlichkeiten der Kunden steigern, meint er: "Wir setzen lieber etwas weniger um und sind dafür profitabler."

Die Geschichte von Atomic

  • 1955 startete der Salzburger Alois Rohrmoser in seiner Wagnerei in Wagrain eine Skiproduktion.
  • 1966 gelang der Durchbruch; es erfolgte der Werksausbau hin zu industrieller Produktion.
  • 1971 kam ein zweites Werk in Altenmarkt dazu.
  • 1981 ließ Atomic als erstes westliches Unternehmen in einem Ostblockland, in Bulgarien, produzieren.
  • 1994 musste Atomic Konkurs anmelden. Schuld waren Probleme beim Umstieg auf die Schalenskitechnologie und Versäumnisse am Snowboardmarkt. Rohrmoser gab der Gläubigerbank Bawag die Schuld an dem Konkurs.
  • 1994 im November erwarb der finnische Konzern Amer Atomic um 918,7 Millionen Schilling (66,8 Millionen €).
  • 2005 starb Alois Rohrmoser, der bis zu seinem Lebensende gegen den Konkurs angekämpft hat.

Die rund 900 Mitarbeiter in Altenmarkt - weitere 500 sind für Atomic in Bulgarien tätig - fertigen nicht nur Atomic-Equipment, sondern auch 300.000 Latten der Schwester-Marke Salomon sowie Freeski der Konzernmarke Armada, die ebenfalls zu Amer Sports gehören. Und auch konzernfremde Produkte kommen aus Salzburg. Darüber wird nicht gesprochen, aber es wird gemunkelt, dass Ski für Kästle und Bindungen für die Schweizer Marke Stöckli bei Atomic in Lohnfertigung produziert werden. "In einem guten Jahr produzieren wir im Werk ungefähr eine Million Paar Ski", verrät ein Mitarbeiter dem trend hinter vorgehaltener Hand.

Vor einigen Jahren noch bereitete der Trend zum Leihski der Industrie großes Kopfzerbrechen. Zwar beträgt der Anteil mittlerweile mehr als 50 Prozent des Marktes, doch immer mehr Sportler legen mittlerweile bei geliehenen Ski ebenfalls Wert auf Qualität. "Die Leute wollen kein altes Klump mehr", berichtet Mayrhofer, der dem Leihmarkt große Aufmerksamkeit schenkt - was aber auch für die Konkurrenz gilt.

Silicon Valley des Skis

Mehr als 8,5 Millionen Euro, fünf Prozent des Atomic-Umsatzes, fließen jährlich in Forschung und Entwicklung. In Altenmarkt nennt man sich etwas großspurig so etwas wie das "Silicon Valley des Skis". Einer der Schwerpunkte ist das Gewicht: Carbon-Materialien sorgen etwa dafür, dass die neue Redster-Serie um 25 Prozent leichter ist als die Vorgängermodelle. Mit dem Hawx Ultra hat Atomic auch einen extrem leichten Skischuh im Programm. Besonders stolz ist man auf die neue Technologie "Servotec", die das Steuern der Ski einfacher und schneller machen soll - "wie eine Servolenkung", meint Produktmanager Gerhard Gappmaier. Mit dem Fokus auf Innovationen gelang es auch, internationale Experten nach Salzburg zu holen. Für die Skischuh-Entwicklung wurde ein Kanadier geholt, um das Marketing kümmert sich ein Schwede.

Skiproduktion bei Atomic in Altenmarkt: Skier werden zunehmend nur noch auf Order-Basis gefertigt.

Skiproduktion bei Atomic in Altenmarkt: Skier werden zunehmend nur noch auf Order-Basis gefertigt.

Während das Image von Atomic früher eher bodenständig geprägt war, bemüht sich das aktuelle Management um einen exklusiveren Touch. Deswegen zeichnet Kiska Design, bekannt für Gestaltung der extrem erfolgreichen KTM-Motorräder, seit Kurzem auch für den Auftritt der Atomic-Produktpalette verantwortlich. Erstmals hat Atomic dieses Jahr im Jänner die große und wichtige Sportartikelmesse ISPO in München ganz ausgelassen. Statt sich in überfüllten Messehallen zu präsentieren wurden 500 Händler aus der ganzen Welt zu einer exklusive Präsentation der Modelle für die Saison 2018/19 am Arlberg eingeladen. Man wolle sich bei Einzelgesprächen in gediegenem Ambiente intensiver um die Großkunden kümmern, wurde der Schritt begründet.

Der erste Verfolger, Rossignol, Ausstatter von Slalom-Ass Henrik Kristoffersen und Hahnenkamm-Sieger Thomas Dreßen, ist den Österreichern jedoch dicht auf den Fersen. Das mittlerweile schwedische Unternehmen wuchs laut Aussagen von Rossignol-CEO Bruno Cercley auf der ISPO bei Alpinski 2017 um fünf Prozent, heuer sei das Wachstum sogar zweistellig. Das Rennen um Marktanteile wird sich jetzt bei den Olympischen Spielen fortsetzen - parallel zur Jagd nach den meisten Medaillen.

Wolfgang Mayrhofer wird nur wenige Tage in Korea bleiben und nützt dann die Gelegenheit, gleich nach China zu reisen. Dort werden in absehbarer Zeit eine halbe Million Menschen skifahren (derzeit: 100.000). Möglichst viele von ihnen mit Atomic-Produkten auszustatten, ist nach der Eroberung der USA die aktuell geplante Offensive. Erste Atomic-Shops in chinesischen Skiorten wurden schon eröffnet.

Der Amer-Konzern

Amer Sports ist ein finnischer Sportartikelerzeuger, der an der Börse Helsinki (ISIN FI0009000285) notiert. Das Unternehmen wurde 1950 gegründet. Seit 2010 steht der Finne Heikki Takala (Bild) an der Spitze des Konzerns. Ihm gelang es, den Umsatz von 1,5 auf 2,6 Milliarden Euro zu steigern. Der Gewinn 2016 lag bei 222 Millionen Euro, Amer Sports beschäftigt 8.526 Mitarbeiter.

Zum Unternehmen gehören die Marken Atomic (wurde 1994 um 918,7 Millionen Schilling erworben), Salomon (Ski, Bindungen, Bergausrüstung), Armada (Freeskis), Wilson (Tennis), Mavic (Radfahren), Arteryx (Outdoor- Bekleidung), Suunto (Sportuhren, -computer) und Precor (Fitness-, Gymnastikgeräte). Atomic trägt zum Gesamtumsatz des Konzerns knapp sieben Prozent bei. Zwischen Salomon und Atomic werden Syergien genutzt.

Heikki Takala, seit 2010 Chef des Amer Sports Konzerns. Per 13.2.2018 notiert die Aktie bei 25,20 €. Für aktuelle Kursinformationen klicken Sie bitte auf die Abbildung.

Heikki Takala, seit 2010 Chef des Amer Sports Konzerns. Per 13.2.2018 notiert die Aktie bei 25,20 €. Für aktuelle Kursinformationen klicken Sie bitte auf die Abbildung.


Aktualisierte Version des Artikels aus der trend-Ausgabe 6/2018 vom 8. Februar 2018

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