Manager-Gagen: "Es wird sehr viel gesündigt“

Verhaltensökonom Ernst Fehr

Ernst Fehr: "Wer viel verdient, muss auch viel dafür getan haben."

Der österreichische Starökonom Ernst Fehr über Spitzengagen in Wirtschaft, Politik und Fußball, die Angst der Manager vor Leistungstransparenz - und warum die SPÖ ihre Ideale verraten hat. Das Interview wurde von Bernhard Ecker im Mai 2016 geführt.

trend: Bundeskanzler Christian Kern hat als Chef der ÖBB über 700.000 Euro verdient. Als Kanzler bezog er anschließend ein Salär von 300.000 Euro. Wird das Einkommen als Karrieremotivation überschätzt?
Ernst Fehr: Wäre Kern nur an Geld interessiert gewesen, hätte er eine solche Aufgabe nicht übernehmen. Wenn er eine Einkommenseinbuße in der Höhe von über 400.000 Euro hinnimmt, zeigt das, dass es ihm mehr um die Sache als ums Geld geht. Gleichzeitig muss aber sein langfristiges Einkommen nicht unbedingt leiden, denn wenn er erfolgreich wird, so, wie es Bill Clinton, Tony Blair oder Gerhard Schröder waren, dann wird er danach als Redner gebucht, in Gremien bestellt etc. Das Paradoxe: Je erfolgreicher er ist, umso länger bleibt er Bundeskanzler, umso weniger kann er von dieser "Karriere danach“ pekuniär profitieren.

trend: Bei Topmanagern hat man häufig den Eindruck, dass ihre größte Motivation ist, stets noch höhere Einkommen zu erreichen. Wenn dann einmal eine vereinbarte Bonuszahlung in die Kritik gerät, wie etwa beim vom Abgasskandal erschütterten Volkswagen-Konzern, verstehen sie die Welt nicht mehr.
Fehr: Der vormalige Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch und der frühere CEO Martin Winterkorn waren ja für das Vergütungssystem bei VW - und damit auch für die Probleme mit den hohen Boni - hauptverantwortlich. Wenn sie ein vernünftiges System etabliert hätten, wären die Boni bei einem Rückgang der Performance automatisch gesunken. Eine Diskussion um Senkungen der Boni hätte sich damit erübrigt.

trend: Formal wäre die Auszahlung der Boni bei VW - in Summe wohl eine hohe zweistellige Millionensumme für den Konzernvorstand - aber korrekt gewesen.
Fehr: Ja. Aber wenn das ganze System falsch aufgegleist ist, sind die zur Verantwortung zu ziehen, die es falsch aufgegleist haben. Das Problem: Es ist extrem schwierig, jemandem im Nachhinein etwas abzuerkennen. Das geht nur vor Gericht, für die Firma ist die Schmutzwäsche, die da gewaschen wird, viel schädlicher als das Nichteinfordern von Vergütungen, die zu viel bezahlt wurden.


Zur Good Governance müsste es gehören, dass Leistungsziele öffentlich gemacht werden.

trend: Sie beschäftigen sich seit Langem mit dem Zusammenhang von Vergütung und Leistung in den Vorstandsetagen. Über die Managereinkommen weiß man ja inzwischen gut Bescheid.
Fehr: Aber nicht darüber, ob dahinter auch eine nachvollziehbare Performance steht. Es gibt Vergütungstransparenz, aber kaum Leistungstransparenz. Das ist so, als ob bei einem Leichtathletikrennen die Zuschauer nicht wissen, wann die Läufer im Ziel sind. Zur Good Governance müsste es gehören, dass Leistungsziele öffentlich gemacht werden.

trend: Das wird quer durch die Bank vernebelt?
Fehr: Nur wenige Firmen machen das wirklich sauber. Ein Beispiel: Wenn die gesamte Branche einen Aufschwung erlebt, warum soll dann der CEO eines Unternehmens, das lediglich mitgeschwommen ist, einen Bonus erhalten? Und viele Leistungsindikatoren sind auch zu wenig langfristig orientiert. Insgesamt wird bei Vergütungssystemen sehr viel gesündigt.

trend: Was ist die größte Sünde?
Fehr: Das Fehlen eines Leistungsindikators mit einer Vergleichsgruppe und die Entlohnung in Form von Optionen und Aktienpaketen - das fördert die Ineffizienz. Ich kann dieselben Anreize mit weniger Kosten erreichen, indem ich eine geeignete Vergleichsgruppe bilde.

trend: Ein Vergleich mit einer Gruppe von Unternehmen aus derselben Branche.
Fehr: Nicht unbedingt nur aus derselben Branche. Für ein Unternehmen wie den Vorarlberger Leuchtenhersteller Zumtobel sollte man etwa auch die Bauindustrie mit heranziehen, von der die Leuchtenhersteller ja viele Aufträge erhalten. In jedem Fall sollten es mehr als eine Handvoll Vergleichsfirmen sein, mindestens 25 bis 30. Entscheidend für einen guten Leistungsindikator ist, dass man die Faktoren herausfiltert, die für die gesamte Branche gelten. Natürlich hebt die Flut alle Schiffe, und die Ebbe senkt sie - ich will das Management aber weder für die Flut belohnen noch für die Ebbe bestrafen.


In den großen Aktiengesellschaften wird die Macht von den Shareholdern zum Management verlagert.

trend: FehrAdvice, Ihre Beratungsfirma, hat dafür einen eigenen Indikator entwickelt, der gleichsam die ungeschminkte Leistung des Managements darstellen soll, den MAPI. Was fällt Ihnen da bei den österreichischen ATX-Unternehmen auf?
Fehr: Viele ATX-Unternehmen haben ihr Vergütungssystem nur auf drei Jahre ausgerichtet. Das ist viel zu wenig. Es müssten fünf, sechs oder acht Jahre sein. Und bei einigen ATX-Firmen, die wir uns angeschaut haben, gibt es bei einer mehrjährigen Betrachtung gegenläufige Entwicklungen von MAPI und Managergagen. Bei der österreichischen Post war 2015 etwa kein gutes Jahr - doch die Vorstandsgagen haben nicht darauf reagiert. Beim jetzigen Vergütungssystem ist nicht zu erwarten, dass eine Entwicklung wie bei Volkswagen, käme sie bei der Post vor, zu einer Reduzierung der Vergütung führen würde.

trend: Der Vorstandsvorsitzende des Maschinenbaukonzerns Andritz, Wolfgang Leitner, führt das aktuelle trend-Einkommensranking (Anmerkung: Mai 2016) mit 3,7 Millionen Euro an. Dennoch zeigt Ihr Indikator für die vergangenen Andritz-Jahre eher schlechte Werte. Kann Andritz anders agieren, weil Leitner mit 30 Prozent auch der größte Anteilseigner des Unternehmens ist?
Fehr: Er nimmt jedenfalls das Geld aus der einen Tasche raus und gibt es in die andere Tasche rein. 30 Prozent seines Gehalts zahlt er sich selbst, aber die anderen 70 Prozent kommen immer noch von den anderen Shareholdern - also findet noch immer eine Umverteilung statt. Allgemein kann man sicher sagen, dass in den großen Aktiengesellschaften die Macht von den Shareholdern zum Management verlagert wird.

trend: Normalerweise sollte ein Aufsichtsratschef große Sympathie für Regeln und Leistungsindikatoren haben, wie Sie sie vorschlagen. Das Management wehrt sich jedoch dagegen und scheut Transparenz?
Fehr: Ja, in der Regel ist das so. CEO’s schätzen häufig kurzfristige Leistungsindikatoren wie Gewinn und Cashflow. Es gibt auch die berühmten Forgiveness-Diskussionen, wo jemand etwas schönzureden versucht, wenn das Ergebnis nicht so toll ist: Dann kommt etwa der Asien-Chef und argumentiert, dass die Wechselkurse sich ungünstig entwickelt haben. Aber hätte er die Risiken nicht auch hedgen können? Viele Firmen machen da in einer Mischung aus Unwissenheit und Unwilligkeit mit. Und die Politik reagiert auf hohe Managergehälter mit dem hilflosen Vorschlag, die Boni zu begrenzen. Das hat nur dazu geführt, dass die Manager höhere Fixgehälter bekommen haben. Sinnvoller wäre es, Leistungstransparenz bei der Managerentlohnung zu erzwingen und die Unternehmen dazu zu bringen, langfristige Leistungsindikatoren auf Basis angemessener Vergleichsgruppen einzuführen.


Die meisten Menschen können fair und gierig zugleich sein.

trend: Sie sind für Ihre Forschungen berühmt geworden, die gezeigt haben, dass wir ein angeborenes Bedürfnis nach Fairness haben. Gilt das für die meisten Manager etwa nicht?
Fehr: Die meisten Menschen können fair und gierig zugleich sein. Fairness hat etwas sehr Subjektives. Der Manager eines Schweizer Multis findet es fair, wenn er ähnlich viel verdient wie der Manager eines amerikanischen Multis. Der Arbeitnehmer hingegen vergleicht sich nicht mit dem US-Manager, sondern findet das Rieseneinkommen des Schweizer Chefs schlicht zu hoch. Darum ist es ja so wichtig, dass man eine optimale Vergleichsgruppe definiert.

trend: Der Fußball ist im Vergleich zur Wirtschaft supertransparent: Wenn David Alaba auf der Ersatzbank sitzt oder ein Eigentor schießt, ist das für jedermann nachvollziehbar.
Fehr: Genauso, wie wenn er einen Freistoß versenkt, richtig. Und das kann man dann zu seinem Einkommen in Relation setzen. Wenn Robert Lewandowski, Luis Suárez oder Lionel Messi die entscheidenden Tore schießen, die ihren Klubs Millionen an Mehreinnahmen bringen, ist klar, dass diese Spieler einen hohen Wert haben müssen. Ebenso ist ein Basketballspieler, der bei jedem Spiel 30 Punkte macht, offenkundig sein Geld wert. Im Tennis ist die Transparenz über das System der Preisgelder noch höher.

trend: Deshalb werden die astronomischen Gagen von Supersportlern auch so viel weniger kritisiert als die Einkommen von Supermanagern?
Fehr: Das ist sicher ein Grund. Wenn über die Millionen diskutiert wird, die der Schweizer Tennisstar Roger Federer verdient, existiert immer die Rechtfertigung, dass er so viele Turniere gewonnen hat und aufgrund seiner enormen internationalen Bekanntheit ein sehr wertvoller Werbeträger ist. Dazu kommt, dass durch die Globalisierung Prominenz viel mehr wert wird - damit sind Werbeverträge natürlich noch viel lukrativer.


Politiker sind meines Erachtens nicht überzahlt.

trend: Die Entwicklung der Politikereinkommen - damit zurück zum österreichischen Bundeskanzler - zeigt hingegen, dass der Beruf in den letzten Jahrzehnten vergleichsweise entwertet wurde. Selbst der Chef einer Bahngesellschaft hat nicht immer mehr verdient als der Bundeskanzler.
Fehr: Relativ betrachtet ist es sicher so. Ein Spitzenpolitiker - ein Finanzminister, ein Bildungsminister - hat einen vergleichbar harten Job wie derjenige eines CEO. Ein guter Minister könnte häufig auch ein Unternehmen gut führen. Aber er verdient viel weniger. Die Politiker sind meines Erachtens nicht überzahlt.

trend: Könnten hier auch variable Gehaltsbestandteile sinnvoll sein? Ein Bildungsminister, der eine Prämie bekommt, wenn die PISA-Ergebnisse der Schüler in seinem Land besonders gut sind?
Fehr: Das würde ich nicht empfehlen. Es würde den Ruf der Politik noch weiter beschädigen. Interessanterweise erwartet das Volk von den Politikern ja, dass sie selbstlos sein sollen.

trend: Eine große Rolle in der Transparenzdebatte spielt Neid. Ist es überhaupt sinnvoll, Spitzeneinkommen publik zu machen, ohne dazuzusagen, welche Leistungen hinter diesen Einkommen stehen? Die Arbeiterkammer könnte in ihrem Einkommensranking etwa auch bewerten, wer wie viele Jobs geschaffen hat.
Fehr: In Bezug auf die Einkommenstransparenz lässt sich das Rad der Zeit nicht zurückdrehen, gerade in einer Zeit wachsender Ungleichheit. Und Beschäftigung per se sollte für einen Manager kein Leistungsziel sein. Der Manager soll dafür sorgen, dass die Firma langfristig gewinnbringend ist. Man sollte übrigens auch die Debatte über die Kritik und Rechtfertigung hoher Einkommen nicht einfach auf Neid zurückführen - es geht dabei auch um Gerechtigkeit. Wir leben in einer Gesellschaft mit meritokratischen Idealen, in welcher derjenige, der viel verdient, auch viel dafür getan haben muss.

trend: Deshalb unterscheiden wir bei der Darstellung großer Vermögen in den diversen Reichstenlisten ja meist auch zwischen den Selfmademilliardären und den ererbten, quasi leistungslosen Vermögen.
Fehr: Richtig. Das Erben widerspricht dem meritokratischen Denken. Darum habe ich es auch nie verstanden, dass die SPÖ die Abschaffung der Erbschaftssteuer zugelassen hat. Einen größeren Verrat an ihren Idealen konnte die Sozialdemokratie eigentlich gar nicht begehen.

Zur Person

Ernst Fehr ist Professor für Volkswirtschaft an der Universität Zürich. Kein anderer österreichischer Ökonom hat es in den letzten Jahren zu so großer internationaler Aufmerksamkeit gebracht wie der 1956 in Hard in Vorarlberg geborene Wissenschaftler. Fehr war übrigens Schüler von Alexander van der Bellen.


Das Interview mit Ernst Fehr ist in der trend-Ausgabe 21/2016 erschienen.

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