Magenta-CEO Bierwirth: "Diese Krise macht etwas mit unserer Gesellschaft"

Magenta-CEO Andreas Bierwirth spricht über stolze Mitarbeiter im Homeoffice, enorme Führungsverantwortung in einer historischen Krise, neuartige 5G-Antennen, vorsichtige Italiener und drei große Fragen für den Herbst.

Magenta-CEO Bierwirth: "Diese Krise macht etwas mit unserer Gesellschaft"

trend: Vor über vier Monaten hat der Lockdown begonnen. Was hat Corona mit Magenta gemacht, mit den Mitarbeitern, den Kunden, den Produkten?
Andreas Bierwirth: Corona hat uns im Team eine große Distanz beschert, in der paradoxerweise auch eine neue Nähe entstanden ist. Wir machen regelmäßig Mitarbeiterumfragen und stellten fest, dass die Zufriedenheit just in dieser Zeit gestiegen ist. Viele haben den Stolz gespürt, für ein Telekomunternehmen zu arbeiten. Ein anderer Aspekt ist, dass wir offen wie noch nie kommuniziert haben.

Erstaunlich, ist doch Kommunikation eigentlich Ihr Kerngeschäft.
Paradoxerweise verkaufen wir die Produkte, aber nicht alles hatten wir selbst im Einsatz. Selbst ich kann jetzt Konferenzen auf allen möglichen Plattformen hosten. Die Umstellung auf remote hat extrem gut funktioniert. Corona war wie ein Superbeschleuniger für digitales Arbeiten. Viele möchten vom Homeoffice gar nicht mehr weg. Die soziale Akzeptanz für Homeoffice ist enorm gestiegen.

Lassen Sie Ihre Mitarbeiter wieder zurückkehren?
Die Büros sind derzeit zur Hälfte belegt. Über die Sommerferien wollen wir erst einmal so weitermachen. Die Entscheidung, wann wir wieder zu einer Art Normalbetrieb zurückkehren, ist noch nicht gefallen. Wir schreiben die aktuellen Regeln konservativ fort und beobachten die Fallzahlen genau.

Zahlreiche Unternehmen versuchen nun, die Vorteile von Präsenz- und Remote-Arbeitskultur zu kombinieren.
Bei den Mitarbeitern im Callcenter fahren wir derzeit eine Strategie, dass sie einen Tag die Woche ins Büro kommen, um nicht den Kontakt zu verlieren. Ich hatte zu Beginn des Lockdowns große Sorgen, dass der Output weniger wird, sich Projekte verlangsamen. Nach einer Eingewöhnungsphase von zwei bis drei Wochen war die Firma sogar leistungsfähiger geworden. Offenbar konnten die Leute zu Hause konzentrierter arbeiten. Unsere Büros sind durchaus eng besiedelt. Die gemeinsame Kreativität leidet im Homeoffice aber doch. Wir werden hoffentlich eine Mischform finden, wo sich alle wiederfinden.

Im Lockdown hat sich die Systemrelevanz der Branche recht eindrucksvoll gezeigt. Auch die Zahlen des ersten Quartals deuten darauf hin, dass Magenta zu den Krisengewinnern zählen dürfte, auch wenn entgangene Roamingumsätze schmerzen werden. Ist dem so?
Im Consumer-Bereich sehe ich das Geschäft fast wieder am Weg zum Vor-Corona-Niveau. Wir sind aber auch eine Art Frühindikator für die Wirtschaft. Und sehen leider auch, dass viele Unternehmen Investitionen erst einmal schieben. Mit einer Investitionsklemme ist zu rechnen, das werden wir konjunkturell sehen. Die Zahlungsausfälle bei den mittelständischen Betrieben haben noch nicht eingesetzt, damit müssen wir aber leider rechnen.

Sie haben aber doch viele Neukunden gewonnen. Im Homeoffice haben viele festgestellt, dass sie gute Upload-Bandbreiten brauchen. Das muss sich doch niederschlagen.
Wir sind nicht unzufrieden mit den Kundenzuwächsen. Im Vergleich zum Mitbewerb haben wir uns wacker geschlagen. Die Relevanz von Bandbreite ist durch Corona noch mal gestiegen. Wir haben es auch bei den Bestandskunden gemerkt, dass viele in höherwertige Tarife, teils auch von mobilen Routern zu Festnetzlösungen gewechselt haben. Durch Corona ist unsere Ausrichtung (Konvergenz, Anm.) noch mal richtiger geworden. Wir können rund 40 Prozent der österreichischen Haushalte einen Ein-Gigabit-Zugang anbieten.



Sie haben sogar neue Angebote für das Homeoffice oder die Schule entwickelt.
Wir hatten die Produkte auch früher bereits im Sortiment, aber nicht so standardisiert. Die haben wir direkt auf den neuen Bedarf zugeschnitten.

Als ausgebildeter Pilot, ehemaliger Airline-Manager und Aufsichtsrat von Do & Co oder easyJet sind Sie gleich in zwei Branchen "drin", die als prototypische Krisengewinner beziehungsweise -verlierer gelten. Was sehen Sie hinter den Kulissen?
Die zwei Industrien zeigen den Spannungsbogen der Betroffenheit auf. Die Relevanz der Telekomindustrie ist noch mal gestiegen. Bei den Airlines kommen zwei Dinge zum Tragen: Die Menschen haben gelernt, dass virtuelle Meetings funktionieren. Das wird Geschäftsreisen wie auch die Stadthotellerie nachhaltig treffen. Wir haben sowohl bei easyJet als auch bei Do & Co Risikoanalysen betrieben, doch dass so etwas passieren kann, haben wir nicht kommen gesehen. Rückblickend frage ich mich schon: Wie konnte das passieren, dass mein mentaler Horizont die Tragweite einer globalen Pandemie nicht erfasst hat?

Da sind Sie nicht allein: Globale Pandemien standen in den Risikoanalysen immer weit oben. Dass es passiert, hat trotzdem keiner geglaubt.
Das ist eine kollektive Erfahrung, die für mich die "Qualität" von 9/11 hat. Diese Krise macht etwas mit unserer Gesellschaft.

Diese neuen Gegebenheiten wird man hinnehmen müssen. Kluge Führung und Strategie machen beim Überleben einer solchen Krise aber doch einen Unterschied. Das "Fliegen auf Sicht" kann nicht jeder Manager. Was tun Sie?
Wenn du keine Nachfrage mehr hast, musst du das Angebot einstellen. Diese Krise zu managen ist schwierig, weil du nicht weißt, was sich nachhaltig verändern wird, was passiert, wenn eine Impfung da ist. In der Telekombranche war es so, dass wir mit den Kunden einfach nicht mehr sprechen konnten, die kamen nicht mehr in die Shops. In der Luftfahrt wie auch in der Kreuzfahrt wird die alte Welt so nicht mehr zurückkommen. Die werden sich neu erfinden müssen. Da ist natürlich Krisenmanagement gefragt.

Wie haben Sie Ihr Führungsverhalten angepasst?
Am wichtigsten war das Kontakthalten. In den ersten Wochen haben wir sogar eine gewisse Form der Überkommunikation betrieben, die aber notwendig war. Wir haben gemeinsam mit dem Betriebsrat informiert, den Mitarbeitern gezeigt, dass wir alle in einem Boot sitzen. Das nimmt Ängste in so einer Extremsituation.

Wie haben Sie das politische Krisenmanagement erlebt?
Sehr professionell. Die Koordination mit den Stakeholdern in der Politik war gut, wir waren in Feedbackschleifen und Ziele eingebunden. Die Entscheidung zum "Runterfahren" war für alle Länder schwierig: Bin ich der Erste? Der Zweite? In Österreich war die Message klar und stringent. In Deutschland war es fast entschuldigend. Das "Wiederhochfahren" jetzt ist natürlich um Längen schwieriger.

Nehmen Sie Hilfsprogramme in Anspruch?
Wir haben bis Ende Juni in Teilen Kurzarbeit genutzt, in den Shops. Das war für uns ganz wichtig, um das Investitionsniveau zu halten. Wir müssen Stabilität liefern in Corona-Zeiten. Die Aktionäre erwarten von uns, dass wir auch bei Wegfall von Roaming oder Investitionspausen von mittelständischen Firmen die ursprünglich geplanten Gewinne abliefern. Unsere Investoren sind in der Regel Pensionsfonds, die investieren, weil es bei uns Stabilität gibt. Das müssen wir auch in diesen Zeiten hinbekommen, das macht schon Druck.

Gleichzeitig investieren Sie massiv in den 5G-Ausbau. Können Sie das Level wie geplant halten?
Ja, da bleiben wir auch dran. Die letzte Regierung hat das Ziel gesetzt, Österreich zu einem der führenden 5G-Länder zu machen. An dem halten wir fest, und derzeit liefern wir uns mit der A1 ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Wir haben mittlerweile fast 25 Prozent Flächenabdeckung in Österreich, bis Jahresende sogar 40 Prozent, weil unsere bestehenden Antennen zwischen LTE und 5G wechseln können. Das ist wirklich innovativ.

Welche Antennen können das?
Dieses Dynamic Spectrum Sharing können derzeit nur wenige Lieferanten wie Ericsson und Huawei anbieten. Wir fahren im Unternehmen aber eine Mehrlieferantenstrategie: Das Kernnetz wird beispielsweise nicht von chinesischen Unternehmen bestückt. Das gesamte Netz besteht aus vielen Komponenten von verschiedensten Herstellern.

Wie sieht der typische 5G-Kunde derzeit aus?
Unternehmer am Land? Am Land haben wir tatsächlich zahlreiche Kunden, die die 5G-Router als Festnetzersatz nutzen. Wir können hier hohe Kapazitäten anbieten. Zum anderen sind es natürlich Techniknerds, die diese nahezu Null-Latenz-Erfahrung am Smartphone nutzen wollen. Der nächste große Durchbruch wird aber sicher mit dem iPhone (voraussichtlich im Herbst, Anm.) kommen.

Hat der Lockdown das Zusammenführen von UPC und T-Mobile verzögert? Welche Aufgaben warten hier noch?
Auf der kulturellen Seite funktioniert das Zusammenwachsen sehr gut. Mit Magenta haben wir eine neue, gemeinsame Marke geschaffen. Was aber noch eine große Herausforderung wird, ist das Zusammenführen der IT-Systeme, die wir von Liberty Global (UPC-Eigner, Anm.) übernommen haben und im Rahmen eines Fünfjahresplans vereinheitlichen. Das ist eine enorme Challenge, sie betrifft praktisch alle Prozesse im Haus.

Ein anderes Thema, das traditionell gern im Sommer aufkommt, sind die Nebenkosten in der Telekombranche. Die AK zählte letztes Jahr 58 unterschiedliche bei zehn Anbietern. Sind das Nachwehen des aufgeheizten Mobilfunkwettbewerbs?
Wir haben in Österreich einen besonderen Markt. Nach der Übernahme der Orange durch Drei gab es die Auflage, virtuelle Anbieter zu festgelegten Kosten ins Netz zu nehmen. Damit sind die virtuellen Anbieter von einer echten Kostenwahrheit entkoppelt. Bei uns steigen Energiekosten, steigen Antennenpreise etc., die wir natürlich weitergeben müssen. Der Markt hat sich zu einem schlecht wachsenden Markt entwickelt. Nebengebühren für alles, was nicht Basisleistung ist, einzuführen, ist sicher eine Lösung für die Umsatzsteigerung.

Diese EU-Auflagen sind zeitlich befristet. Was wird passieren?
Das läuft in zwei Jahren aus. Dann gibt es keine automatische Verpflichtung mehr für virtuelle Anbieter. Dann sind die Angebote Ergebnis privatrechtlicher Verhandlungen zwischen den Betreibern. Das könnte spannend werden.

Wann sind Sie eigentlich das letzte Mal geflogen?
Vor wenigen Tagen, in den Urlaub nach Sardinien. Die Abläufe am Boden sind zwar etwas komplexer, anders, aufregender als sonst.

Konnten Sie den Urlaub trotz Corona-Maßnahmen genießen?
Das konnten wir tatsächlich. Die Italiener sind extrem vorsichtig, nehmen die Maßnahmen ernst, was den Gästen auch ein Gefühl von Sicherheit gibt. Eine Sicherheit, die ich in Österreich derzeit nicht mehr so spüre. Da hat der frühe Erfolg viele Menschen sorglos werden lassen, ist mein Eindruck.

Haben Sie eine Corona-App am Handy? Verwenden Sie die österreichische oder die deutsche?
Ich habe die österreichische installiert und hoffe, dass das Vertrauen in die App wächst. Sie ist sicher und datenschutzkonform, arbeitet anonym. Schade finde ich nur, dass man nicht sehen kann, mit wie vielen Menschen man Kontakt hatte. Die deutsche App wurde von unserem Konzern (Deutsche Telekom, Anm.) mitentwickelt, deren Entstehung habe ich über das Konzernführungsgremium mitbekommen. Ziel wäre natürlich, dass die Apps interoperabel sind, also miteinander sprechen können.

Mit welchem Gefühl blicken Sie auf den Herbst?
Mit Spannung. Für mich stellen sich drei große Fragen: Kommt eine zweite Welle? Kommt eine Pleitewelle? Kommt eine Arbeitslosenwelle?


ZUR PERSON

Andreas Bierwirth, 49, startete seine Karriere in der Luftfahrt (Germanwings, Lufthansa, AUA), bevor er 2012 als Geschäftsführer von T-Mobile Austria in die Telekombranche wechselte. Unter seiner Ägide übernahm der Konzern 2019 den Kabelanbieter UPC und firmiert nun unter der neuen Marke Magenta. Bierwirth wurde 2019 vom trend zum "Mann des Jahres" gekürt.



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