London Stock Exchange: Die Deutschen kommen

London Stock Exchange: Die Deutschen kommen

Frankfurt und London werden eins - rein Börsentechnisch. Der Hauptsitz der fusionierten Börse geht nach London.

Die Deutsche Börse will wieder einmal die Londoner Stock Exchange (LSE) übernehmen. Die Fusion scheint nun perfekt. Ein Zusammenschluss unter Gleichen soll es werden. Die Aktionäre und Aufseher müssen den Deal allerdings noch durchwinken. Für die Deutschen ist es der dritte Anlauf in 16 Jahren, sich die Londoner Börse zu schnappen. Der deutsche Chef Kengeter weist Manipulationsvorwürfe zum Libor-Skandal zurück.

Frankfurt/London. Die Deutsche Börse und die Londoner Stock Exchange (LSE) machen Ernst mit ihren Fusionsplänen. Nach drei Wochen Verhandlungen scheint es nun soweit zu sein, dass beide Börsen zusammengehen. Der Vorstand der Deutsche Börse habe mit Zustimmung des Aufsichtsrates eine Vereinbarung über einen Zusammenschluss auf Augenhöhe abgeschlossen, teilte der DAX-Konzern am Mittwoch mit. Nun müssen Aktionäre und Aufseher entscheiden.

Deutsche Börse und LSE seien überzeugt, dass der Zusammenschluss beide Seiten stärke und die Chance biete, "einen führenden europäischen Anbieter für globale Marktinfrastruktur zu schaffen". Die beiden Unternehmen erwarten von dem Zusammenschluss Kosteneinsparungen von jährlich 450 Millionen Euro. Die neue europäische Superbörse soll ihren rechtlichen Sitz in London und Hauptsitze in der britischen Hauptstadt sowie in Frankfurt haben.

Nach Börsenwert (siehe Grafik) will der neuntgrößte Börsenbetreiber Deutsche Börse mit der größeren Nummer 5 LSE fusionieren.

Fusion bedroht auch Arbeitsplätze

Allerdings wären von der Fusion auch Arbeitsplätze betroffen, so Deutsche-Börse-Chef Carsten Kengeter. Wie viele Stellen am Ende in London und Frankfurt wegfallen könnten, ließ Kengeter offen. "Es gibt Veränderungen, aber es wäre verfrüht, über die Details der Veränderungen zu spekulieren."

LSE-Chef Xavier Rolet wird im Falle eines erfolgreichen Deals ausscheiden. Er meinte dennoch: "Wir erhöhen den Wert für unsere Aktionäre, die von erheblichen Kosten- und Umsatzsynergien profitieren." Der Name der fusionierten Börse steht laut Kengeter noch nicht fest. "Wir haben dort keine Eile."

Die Aktienkurse der Börsengesellschaften reagierten kaum auf die beabsichtigte Fusion. Die Papiere der Deutschen Börse befestigten sich um ein Prozent, Die Papier der Londoner LSE verbilligten sich um ein Prozent.

Die Führung in deutscher Hand

Die neue europäische Superbörse soll ihren rechtlichen Sitz in London und Hauptsitze in der britischen Hauptstadt sowie in Frankfurt haben. Deutsche-Börse-Chef Carsten Kengeter, der den DAX-Konzern erst seit Juni führt, soll das Gemeinschaftsunternehmen leiten. LSE-Verwaltungsratschef Donald Brydon wird nach den Plänen diesen Posten auch im fusionierten Unternehmen übernehmen. Als sein Stellvertreter ist der derzeitige Aufsichtsratsvorsitzende der Deutschen Börse, Joachim Faber, vorgesehen.

Zuletzt gab es darum ein Gezerre, weil mit der Verlegung des Sitzes der fusionierten Gesellschaft in Frankfurt befürchtet wurde, dass die Deutsche Börse in Frankfurt in der Bedeutungslosigkeit versinken würde. Und künftig bestenfalls eine Regionalbörse abgeben würde.

Angestrebt ist, dass nach dem Umtausch der Aktien die Anteilseigner der Deutschen Börse mit 54,4 Prozent eine Mehrheit an der fusionierten Börse halten. Die LSE-Aktionäre sollen 45,6 Prozent des Grundkapitals der britischen Holdingsgesellschaft "UK TopCo" halten.

Deutsche Börse AG
Nettoerlöse 2,4 Milliarden Euro
Jahresüberschuss 665,8 Millionen Euro
Mitarbeiter 4643
Dividende 2,25 Euro
Quelle: APA
London Stock Exchange (LSE)
Nettoerlöse 2,3 Milliarden Euro (2,9 Mrd. Euro)
Jahresüberschuss 328,3 Millionen Pfund
Mitarbeiter 4700
Dividende 36 Pence
Quelle: APA

Die Bilanz der Übernahmepannen

Brexit spielt keine Rolle

Damit der Deal zustande kommt, müssen mindestens 75 Prozent der Deutsche-Börse-Aktionäre grünes Licht geben. Bei den LSE-Aktionären reicht auf einer Hauptversammlung die Zustimmung von 50 Prozent. Zeitlich seien die Unternehmen flexibel, sagte Kengeter. Sie könnten die Aktionäre vor oder nach der Entscheidung Großbritanniens über ein mögliches Ausscheiden aus der EU abstimmen lassen. Das britische Referendum darüber soll am 23. Juni stattfinden.

"Das kombinierte Unternehmen wird unabhängig vom Ausgang des britischen Referendums erfolgreich sein", so Kengeter

Manipulationsvorwürfe gegen den neuen Chef

Kengeter indes wehrte sich am Mittwoch gegen Vorwürfe, er habe in seiner Zeit bei der Schweizer Großbank UBS über die Manipulation von Leitzinsen wie dem Libor Bescheid gewusst. "Die Anschuldigungen sind falsch", sagte Kengeter.

Der frühere UBS- und Citigroup-Händler Tom Hayes hat Kengeter und anderen hochrangigen Managern bereits vor einiger Zeit vorgeworfen, von Libor-Manipulationen gewusst zu haben.

Die Deutsche Börse unternimmt somit den dritten echten Versuch nach 2000 und 2005 die LSE zu übernehmen. Die beiden Börsengesellschaften bringen es zusammen auf einen Börsenwert wie die beiden US-Schwergewichte ICE und CME.

Bei ihren zahllosen Versuchen, sich mit großen Wettbewerbern zusammenzuschließen, ist die Deutsche Börse oft gescheitert. Im Visier waren bereits die Handelsplätze in Zürich und Mailand, mehrfach die Londoner Börse LSE sowie die NYSE Euronext in New York. Einige Stationen der bisherigen Bemühungen:

Mai 2000: Der erste Plan einer Fusion mit der LSE scheitert.

August 2004: Die Schweizer Börse SWX gibt Frankfurt einen Korb.

9. Mai 2005: Der Chef der Deutschen Börse, Werner Seifert, tritt als Folge des gescheiterten Übernahmekampfes um die LSE zurück.

8. November 2006: Gespräche der Deutschen Börse über ein gemeinsames Vorgehen mit der Borsa Italiana enden erfolglos.

15. November 2006: Die Deutsche Börse gibt Übernahmepläne für die Euronext auf. Euronext zieht eine Fusion mit der NYSE vor.

Dezember 2008: Die Deutsche Börse teilt mit, Sondierungsgespräche für eine Fusion mit NYSE Euronext seien ergebnislos beendet worden.

April 2009: Deutsche Börse und NYSE Euronext verhandeln Marktgerüchten zufolge erneut über einen Zusammenschluss.

15. Februar 2011: Die Aufsichtsräte machen den Weg frei für den Zusammenschluss von Deutscher Börse und NYSE Euronext.

1. Februar 2012: Die EU-Kommission verbietet die Fusion von Deutscher Börse und NYSE Euronext wegen Wettbewerbsbedenken.

23. Februar 2016: Die Deutsche Börse und die Londoner Börse machen nach Marktgerüchten Pläne für einen Zusammenschluss öffentlich.

16. März 2016: Deutsche Börse und LSE sind handelseinig und streben eine Fusion auf Augenhöhe an. Nun müssen Aktionäre und Aufseher entscheiden.

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