Lenzing steigt bei Hygiene Austria aus

Im einstigen Vorzeigebetrieb HYGIENE AUSTRIA legte man auf saubere Geschäftspraktiken wenig Wert. Das Unternehmen ringt um seinen Fortbestand. Der österreichische Faserhersteller Lenzing steigt nun auf die Bremse und gibt seine Anteile an den bisherige Partner Palmers ab. Tino Wieser wird aus der Geschäftsführung entfernt.

Lenzing steigt bei Hygiene Austria aus

Ex-Vorzeigebetrieb. Kanzler Sebastian Kurz und Ex-Ministerin Christine Aschbacher auf Werksbesuch bei Hygiene Austria. Mit dabei die Wieser-Brüder Luca (l.) und Tino (r.) und Lenzing-Chef Stefan Doboczky (2. v. l.) und Matvei Hutman (2. v. r.).

Wien/Lenzing. Der Mann, um den sich auf einmal alles dreht, ist genervt. Matvei Hutman agiert eigentlich viel lieber im Hintergrund, und von Medien als "Usbeke" bezeichnet zu werden, schmeckt ihm gar nicht. Zwar ist er in der früheren sowjetischen Teilrepublik geboren, lebt und arbeitet aber seit Jahren in Österreich und besitzt auch die österreichische Staatsbürgerschaft. Auch Fragen nach seiner Rolle in der seiner Familie zugeschriebenen CFA Contact-Finanz und Handels AG mit Sitz in Liechtenstein hört Hutman nicht gerne. "Ich habe keine Funktion in der CFA -bitte wenden Sie sich mit dieser Frage an die CFA", kommt es patzig noch in der letzten Märzwoche kurz vor trend-Redaktionsschluss zurück.

Hutman ist Vorstand und via CFA Hälfteeigentümer der Palmers Textil AG, die ihrerseits 49,9 Prozent am Maskenhersteller Hygiene Austria LP hält, wobei das P für Palmers, das L für den Mehrheitseigentümer, den börsennotierten oberösterreichischen Faserhersteller Lenzing AG, steht. Anfang März fand auf dem Firmengelände des Masken-Startups eine Razzia der Wirtschafts-und Korruptionsstaatsanwaltschaft (WKStA) statt. Es geht um den Verdacht der organisierten Schwarzarbeit und der Umetikettierung chinesischer Masken in Produkte "made in Austria", was schweren gewerbsmäßigen Betrug bedeuten würde. Die Ermittlungen laufen.

Doch Hutmans Job wird jedoch nicht einfacher. In der Zwischenzeit wird das Unternehmen kräftig durchgeschüttelt. Lenzing hat nun aber genug und zieht die Notbremse. Hygiene Austria ist demnach für Lenzing Geschichte. Der börsennotierte Faserhersteller hat nun vor seiner Hauptversammlung am 14. April das Joint Venture mit Palmers verlassen. Per Ende März wurden alle Lenzing-Anteile an der Hygiene Austria an Palmers übertragen, teilte Lenzing am Karfreitag mit [2. April 2021]. Lenzing hat seine 50,1 Prozent an der Hygiene Austria abgegeben. Nun gehört die Gesellschaft zu 100 Prozent Palmers. Bei der Umsetzung des Masken-Projekts habe es "Fehler" gegeben, räumte Lenzing ein. Fast ein Jahr nach Gründung steigt Lenzing aus dem zuletzt skandalgeschüttelten Unternehmen wieder aus.

Bis zuletzt hat das an Skandalen reiche Unternehmen noch seine Werte hoch gehalten. "Starke Werte und ein international anerkanntes Prozess- und Governance-System charakterisieren Lenzing. Bei der Hygiene Austria wurden in der Umsetzung aber Fehler gemacht", heißt es in der Aussendung. Der Vorstand werde in Absprache mit dem Aufsichtsrat für die Zukunft entsprechende Lehren ziehen. So werde künftig auch für Kleinprojekte ein vollumfängliches Beteiligungsmanagement aufgesetzt. Die Hauptversammlung von Lenzing findet am 14. April statt.

Neue Geschäftsführung

Noch vor dem Abgang hat Lenzing noch Fakten geschaffen. Gemeinsam mit Palmers habe Lenzing in den vergangenen vier Wochen intensiv an der Aufarbeitung der Vorwürfe rund um die Hygiene Austria gearbeitet. Die Geschäftsführung des Maskenproduzenten werde neu besetzt: Mit Claudia Witzemann und Michael Schleiss wurden zum - heutigen - 2. April zwei externe Führungskräfte als Geschäftsführer der Hygiene Austria neu bestellt.

Der bisherige Chef der Hygiene Austria, Tino Wieser, wurde noch aus der Geschäftsführung entfernt. Laut Lenzing-Sprecher ist Wieser nicht mehr in der Hygiene Austria-Geschäftsführung vertreten.

Neben Hutman haben bei Palmers die Grazer Brüder Marc und Tino Wieser, denen die andere Hälfte der Palmers Textil AG gehört, das Sagen. Tino Wieser wurde im Vorjahr als Geschäftsführer der Hygiene Austria eingesetzt. Der Kontakt zwischen Hutman und den Wiesers kam über die Meinl Bank zustande, wo eine Ehefrau der Wieser-Brüder arbeitete.

Das Family Business

trend-Recherchen zeigen jedenfalls, dass in der mit massivem politischem Flankenschutz hochgezogenen Hygiene Austria von Beginn an unhygienische Verhältnisse herrschten. Wer ab wann die Zeitarbeitsfirmen eingesetzt hat, wird erst geklärt.

Aber auch sonst war die Personalpolitik in dem 200-Mitarbeiter-Betrieb etwas eigenartig. So arbeitete dort nicht nur die Tochter von Lenzing-CEO Stefan Doboczky als Vertriebsleiterin, auch die Tochter von Hutman war bei der Firma in führender Position beschäftigt. Sie firmiert in ihrem LinkedIn-Profil noch immer als Key-Account-Managerin, also Großkundenbetreuerin - ganz schön viel Verantwortung für zwei Berufseinsteigerinnen, die dafür auch nicht schlecht entlohnt worden sein sollen, wie Insider berichten.

Dass sich das Unternehmen durch die guten Kontakte zur Politik - die Frau von Palmers-Miteigentümer Luca Wieser, Lisa Wieser, sitzt im Büro von Kanzler Kurz - auch bessere Geschäftschancen versprach, darf angenommen werden. "Letztendlich hat das aber mehr geschadet als genutzt", sagt ein Geschäftspartner.

Ein Nachsteuergewinn von 5,7 Millionen Euro bei einem Umsatz von 19 Millionen Euro im Rumpfgeschäftsjahr 2020 trotz Anlaufkosten zeugt dennoch davon, dass die Strukturen darauf ausgerichtet waren, in schneller Zeit möglichst viel Profit aus der jungen Firma zu ziehen. Insbesondere Hälfteeigentümer Palmers wird das freuen: Im Jahresabschluss per Ende Jänner 2020, dem letzten im Firmenbuch einsehbaren Abschluss, verzeichnete das Unternehmen einen Jahresverlust von 2,8 Millionen Euro. Das dürfte vor allem auf Probleme in Deutschland zurückzuführen sein, der Verlust im Geschäftsjahr 2019/20 betrug dort 3,2 Millionen Euro.

Doch obwohl die Hygiene Austria eine wahre Gelddruckmaschine gewesen sein dürfte, wurden Rechnungen nicht immer bezahlt. Eine Handelsvertreterin soll im großen Stil für das Unternehmen Masken an Kunden wie Bundesländer und Krankenhäuser vermittelt haben, berichten Insider.

Auf dem Papier soll die Agentin dafür zwischen 300.000 und 500.000 Euro verdient haben - allerdings sah sie nie einen Cent. Mehrere Anwaltsbriefe an die Geschäftsführung blieben unbeantwortet. Offenbar fühlte sich dafür niemand zuständig. Auch sonst soll in dem Unternehmen in Wiener Neudorf Chaos geherrscht haben, niemand soll sich für etwas zuständig gefühlt haben, so etwas wie eine Buchhaltung sei nicht vorhanden gewesen, hört man.

Der 45-jährige Hutman wird von seinen Geschäftspartnern und früheren Arbeitskollegen im Umgang als jovial, ja sogar als "netter Kerl" beschrieben - nicht der Typ, der sich um Details in Arbeitsverträgen kümmert, sondern in großen Finanzdimensionen denkt. Diskretion ist für den ehemaligen Leiter des Private Bankings der Meinl Bank Pflicht. Mitarbeiter schreiben Hutman eine große Nähe zu Julius Meinl V. zu.

Hutmans großes Asset sind seine guten Kontakte in den Osten. So sei er einmal mit einem ukrainischen Oligarchen am Sitz der Meinl Bank in der Wiener City gesessen, der gleich eine ganze Bank in Österreich kaufen wollte, berichten ehemalige Mitarbeiter. Gerüchte, dass auch die Finanzierung des Kaufs der Palmers-Anteile mit Mitteln von Großkunden der -inzwischen geschlossenen - Bank erfolgte, halten sich hartnäckig. Zur liechtensteinischen CFA, über die Hutman seine Palmers-Anteile hält und über die laut Aussagen von Lieferanten auch Hygiene-Austria-Rechnungen gelaufen sein sollen, schweigt Hutman bekanntlich ja - siehe oben.

Karibische Geldflüsse

Von 2013 bis 2015 saß er jedenfalls im "Board of Directors" der Meinl-Bank-Tochter auf der Karibikinsel Antigua. Dieses Vehikel soll, wie 2017 aufflog, eine Schlüsselrolle in den Bestechungsaktivitäten des brasilianischen Baukonzerns Odebrecht gespielt haben. Odebrecht übernahm ab 2011 etappenweise Anteile. Hutman lässt schriftlich ausrichten, dass er dort lediglich "Non-executive Director" gewesen sei: "Das war eine rein formale Position." Das Odebrecht-Thema kenne er im Übrigen "nur aus den Medien."

Die WKStA wertet die Daten der Meinl Bank Antigua seit geraumer Zeit aus, es laufen Verfahren "gegen sieben natürliche Personen und einen Unternehmensverband wegen Geldwäsche und Bestechung", wie die Behörde bestätigt. Hutman glaubt, dass er außen vor ist: "Mir ist nicht bekannt, dass ich als Beschuldigter geführt werde."

Die Zukunft der Hygiene Austria hängt nun am seidenen Faden. Und auch dabei könnte Matvei Hutman eine entscheidende Rolle zukommen. Sollte sich Lenzing dazu entschließen, das Joint Venture zu verlassen - was als wahrscheinlich gilt -, wird Palmers wohl einen Investor brauchen.

Insider berichten noch im März, dass Hutman bereits in engem Austausch mit russischen Geldgebern stehen soll, die die Lenzing-Anteile übernehmen könnten. Was dieser natürlich bestreitet. Er hat ja mit all dem - fast - gar nichts zu tun.


Produkte aus China statt "Made in Austria"

Der Maskenproduzent Hygiene Austria mit Sitz in Wiener Neudorf war im Zuge der Coronakrise vor knapp einem Jahr gegründet worden. Die beiden Gründungsunternehmen Lenzing und Palmers teilten damals mit, sie hätten "mehrere Millionen Euro" investiert und wollten mit der Schutzmaskenproduktion die heimische Versorgung sichern und den Standort stärken.

Hygiene Austria geriet aber seit Anfang März 2021 in Folge einer Hausdurchsuchung im Zuge von Ermittlungen der Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft (WKStA) massiv unter Druck.

Ermittelt wird wegen des Verdachts der organisierten Schwarzarbeit sowie schweren gewerbsmäßigen Betrugs. Noch unter der Leitung von Hygien-Chef Tino Wieder wurde nach anfänglichem abstreiten doch eingeräumt, dass FFP2-Masken zwar als "Made in Austria" beworben, einen Teil davon aber in China zugekauft wurden. Außerdem wurden die Arbeitsbedingungen der großteils über Leiharbeitsfirmen beschäftigten Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen kritisiert.

Der Skandal erhielt auch eine politische Dimension. Das Verwandtschaftsverhältnis der Büroleiterin des Bundeskanzlers Sebastian Kurz (ÖVP) mit dem Hygiene-Austria-Geschäftsführer (sie ist mit Palmers-Vorstand Luca Wieser verheiratet und mit dem bisherigen Hygiene-Geschäftsführer Tino Wieser verschwägert) hat die Oppositionskritik befeuert.

Lenzing forderte eine Aufarbeitung. Die sowohl in Österreich produzierten als auch die aus China bezogenen FFP2-Masken wurden nochmals geprüft und seien technisch in jeder Hinsicht einwandfrei beurteilt worden. Die CE Kennzeichnung sei gesichert: In einem erneuten Audit des Institutes Gépteszt am 25. März wurde die Qualität der Produktion und des Baumusters nochmals bestätigt. Und die Personaldienstleistungen werden neu ausgeschrieben: Die neue Geschäftsführung werde auf Arbeitskräfteüberlassungen mit höchsten Qualitätsansprüchen zurückgreifen, wird in der Lenzing-Aussendung versichert.

Ermittlungen gehen weiter

Der Skandal erhielt auch eine politische Dimension: Das Verwandtschaftsverhältnis der Büroleiterin des Bundeskanzlers Sebastian Kurz (ÖVP) mit dem Hygiene-Austria-Geschäftsführer (sie ist mit Palmers-Vorstand Luca Wieser verheiratet und mit Hygiene-Geschäftsführer Tino Wieser verschwägert) hat die Oppositionskritik befeuert. Tino Wieser, der nun aus der Hygiene Austria-Geschäftsführung entfernt wurde, hatte erst nach und nach zugegeben, dass bei der Maskenproduktion auch Ware aus China verpackt und unter "Made in Austria" verkauft wurden.

Neben der WKStA wird sich auch das Handelsgericht noch mit der Causa beschäftigen: Der Verein für Konsumenteninformation (VKI) geht im Auftrag des Sozialministeriums mit einer Klage gegen die nach Ansicht der Verbraucherschützer irreführende Bewerbung von FFP2-Masken der Hygiene Austria als "Made in Austria" vor. Das Handelsgericht Wien soll klären, ob zugekaufte Masken aus China als "Made in Austria" vertrieben werden dürfen.


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