Lenzing-CEO Doboczky: "Wenn wir nichts tun, wer dann?"

Lenzing-Chef Stefan Doboczky im trend-Sommergespräch über seine persönlichen Klimawandel-Aha-Erlebnisse, den Wandel des Faserherstellers zum Nachhaltigkeitspionier der globalen Textilbranche, eine Milliardeninvestition in Thailand - und seine Erwartungen an eine künftige Regierung in Österreich.

Lenzing-CEO Doboczky: "Wenn wir nichts tun, wer dann?"

Lenzing-CEO Stefan Doboczky in Seewalchen am Attersee, fünf Kilometer vom Headquarter entfernt. Die Wasserqualität der Seen in seiner Kärntner Heimat hat ihn schon in jungen Jahren ökosensibel gemacht.

trend: Herr Doboczky, als ich in den 80e-Jahren in Vöcklabruck zur Schule gegangen bin, lag selbst dort oft der Schwefelgeruch aus Lenzing in der Luft. Die Ager war eine trübe Brühe. Wie kommt es, dass Sie nun der grüne Musterknabe der Faser- und Textilindustrie sein wollen?
Stefan Doboczky: Die Lenzing AG hatte gar keine andere Option. Ab den 1990ern war sie die erste Firma, die ein Getriebener des aufkommenden Gedankens wurde, dass es nicht nur um Produktion und Beschäftigung, sondern auch um Lebensqualität geht. Damals wurde eine Reihe von Maßnahmen getroffen, etwa zur Rückgewinnung von Wertstoffen, zur Abwasseraufbereitung, zur Filterung von Schwefelemissionen. Das war ein Riesennachteil für das Unternehmen, denn damals hat der Markt nichts dafür gezahlt. Doch durch die Technologien, die dabei entwickelt wurden, wurde aus der Belastung ein Wert. Das war der Grundstein für die Strategie, die wir heute verfolgen.

Heute zahlt es Ihnen der Markt?
Doboczky: In den letzten Jahren hat das Umdenken in der breiten Masse begonnen. Vor zehn Jahren hat niemand in der Textilindustrie über den ökologischen Fußabdruck einer Kaufentscheidung nachgedacht. Es ging um Preis, Funktionalität und Marke, aber nicht um die Umweltauswirkungen. Das hat sich geändert. Als wir 2015 unsere neue Strategie formuliert haben, haben wir erkannt: Unser Geschäftsmodell, das immer schon da war, ist etwas, das kaum eine Firma in der Welt besitzt. Und es passt zum großen Trend in der Textilindustrie weltweit: erneuerbare Rohstoffe, und am Ende kompostierbare und biologisch abbaubare Fasern. Deshalb haben wir gesagt: Das ist die Schiene, auf der wir aufsetzen wollen. Noch mehr: Wir wollen die Branche treiben. Wir wollen durch unser Tun eine Industrie, die keinen besonders tollen ökologischen Fußabdruck hat, weiterbringen. Und im Zuge dessen wollen wir natürlich auch Geld verdienen. Ich kenne ganz wenige Unternehmen weltweit, die das Potenzial haben, gleichzeitig zu wachsen und einen bedeutenden Einfluss auf die Ökologie zu haben.

Wenn ich irgendwo in der Welt in ein Modegeschäft gehe und dort sehe, dass ein Kleidungsstück Ihre Lyocell-Faser Tencel enthält - wie weiß ich dann mit Sicherheit, dass das ein nachhaltigeres Produkt ist?
Doboczky: Dazu haben wir jetzt ein Projekt zur digitalen Rückverfolgbarkeit mit Hilfe der Blockchain-Technologie gestartet. Unser Partner ist ein Unternehmen aus Hongkong, die Plattform wird 2020 fertig sein. Wir sind überzeugt, dass Nachhaltigkeit zu 100 Prozent mit Transparenz in der Lieferkette einhergeht.

Was werde ich dann tatsächlich erfahren? Wo genau der Baum gewachsen ist, der am Beginn der Kette stand?
Doboczky: Sie bekommen über Ihren QR-Scanner die Information, wer der Hersteller der Textilie, des Stoffes, des Garns, der Faser, des Zellstoffs usw. ist. Es wird nicht der einzelne Baum sein, aber beispielsweise, dass es sich um österreichische Buche handelt.

Dient das auch dazu, Greenwashing-Konkurrenz fernzuhalten, also Anbieter, die nur auf dem grünen Trittbrett mitfahren, ohne nachhaltig zu sein?
Doboczky: Ja. Es gibt in Asien genügend Anbieter, die uns fälschen. Meine Sorge ist weniger, dass wir etwas behaupten, das wir nicht einhalten, sondern dass der Kunde glaubt, dass er etwas kauft, was aber nicht drin ist. Das Thema Greenwashing ist in unserer Branche wirklich ein großes Problem.

Die aktuelle Klimaschutzbewegung, die stark mit dem Namen Greta Thunberg verbunden ist, spielt Ihnen auf Konsumentenseite in die Hände. Nicht wenige Industrielle befürchten aber auch, dass das Ergebnis mehr Regularien sind und die Standortqualität darunter leiden wird. Sie auch?
Doboczky: Schwarz-Weiß ist immer schwierig. Ich finde es unheimlich toll, dass unsere Jugend mit dem Thema Klimaschutz Demokratieverständnis und Verantwortungsbewusstsein entwickelt. Klimawandel ist die größte Herausforderung der Menschheit. Was antworten wir unseren Kindern oder Enkeln in 30 Jahren, wenn sie uns fragen, was wir dagegen getan haben? Wir haben nur noch sehr, sehr wenig Zeit, etwas zu tun. Was natürlich schlecht wäre, wenn das jetzt alles in Regulativen endet. Eine Stahlfirma, wo Kohle nun einmal eine wichtigere Rolle spielt, kann man nicht so schnell ändern wie Lenzing. Ich glaube übrigens, dass wir eine Bepreisung von CO2 brauchen, aber nur wenn das weltweit umgesetzt wird.

Hatten Sie so etwas wie ein persönliches Klimawandel-Aha-Erlebnis?
Doboczky: Drei. Als ich in Kärnten aufgewachsen bin, waren die dortigen Seen de facto totes Wasser. Aber es hat gar nicht so lange gebraucht, bis das repariert war und sie Trinkwasserqualität hatten. Zweitens: Ich habe lange Zeit in Asien gelebt, fünf Jahre davon in Peking. Da ist ganz offensichtlich, dass die Umweltprobleme menschengemacht sind. Den größten Eindruck hat bei mir aber mein Besuch am Great Barrier Reef vor Australien hinterlassen: Dort sieht man, wie viele dieser Korallenlandschaften durch die Klimaerwärmung verloren gegangen sind. Das ist erschreckend. In Kombination mit dem, was man liest, kommt man dann irgendwann zum Schluss: Wenn wir nichts tun, wer dann?

Werden Sie Ihre Öko-Expertise auch im OMV-Aufsichtsrat einbringen?
Doboczky: Die OMV hat sicherlich andere Herausforderungen. Sie hat aber auch tolle, fast revolutionäre Technologien, etwa wie man Öl aus recyceltem Kunststoff gewinnt. Ich habe eine gewisse Leidenschaft für das Klimaschutzthema, und diese Leidenschaft wird man auch spüren.

Lenzing will bis 2050 klimaneutral sein, also netto kein CO2 mehr emittieren. Welche Rolle spielen Spezialfasern wie Lyocell dabei, die Standardviskosefasern nach und nach ablösen?
Doboczky: 2050 werden wir eine Spezialfaserfirma sein, aber schon in den nächsten zehn Jahren werden wir einen Großteil der Transformation hinter uns haben. Wir versuchen, Standardviskose in Spezialitäten zu konvertieren, zum Beispiel in Spezialfasern für Intimanwendungen oder Spezialpapiere. Der Anteil von Spezialfasern wie Lyocell wird schon nächstes Jahr 50 Prozent erreichen.


Österreich sollte in Sachen Klimapolitik in Europa eine verantwortungsvolle Führungsrolle übernehmen.

Soeben haben Sie angekündigt, in Thailand die weltgrößte Lyocell-Fabrik bauen zu wollen, in Summe eine Investition von einer Milliarde Euro. Als in den 1990ern das burgenländische Heiligenkreuz als Standort für das neue Lenzing-Lyocellwerk ausgewählt wurde, gab es einen Riesenaufschrei in Oberösterreich. Nun, wo es um Asien geht, schreit niemand mehr?
Doboczky: Nein. Natürlich gibt es auch diese Stimmen. Aber Österreich war in den letzten Jahren unser Investitionsland Nummer eins. Und unsere Kunden sind nun einmal zu 70 Prozent in Asien, mehr als die Hälfte unserer Mitarbeiter ebenfalls. Nur so kann man als österreichische Firma heute global erfolgreich sein. Es ist wichtig zu verstehen, dass wir nicht ein österreichisches Unternehmen mit internationalen Dependancen sind, sondern ein internationaler Konzern mit österreichischen Wurzeln.

Seit rund eineinhalb Jahren sehen wir weltweit protektionistische Züge. Auch als Folge des Handelsstreits zwischen den USA und China hat Lenzing den Ausbau des Werks in Alabama, USA, auf Eis gelegt. Dennoch setzen Sie weiter auf Globalisierung?
Doboczky: Die Textilindustrie hat eine Historie ständiger Umverlagerung. Neu ist, dass nun teilweise Zölle, teilweise ein geändertes Konsumentenbewusstsein die Entwicklung treiben. Made in Europe, made in USA, aber auch made in China wird Teil des lokalen Selbstverständnisses. Lieferketten sind früher aus China nach Vietnam gewandert, weil dort die Lohnkosten niedriger sind. Heute wandern sie dorthin, weil Amerika nicht chinesische Ware kaufen will. Ich kann mir allerdings nicht vorstellen, dass es in dieser Branche zu einer riesigen Rückverlagerung nach Amerika oder nach Europa kommen wird. Denn das Wachstum der Weltbevölkerung findet in Afrika und in Asien statt. Beim Rohstoff Holz haben wir in Europa noch gute Bedingungen. Südamerika ist da allerdings unschlagbar. Dort gibt es viel Nutzwald, der schnell wächst und weit weg ist von den Regenwäldern des Amazonas.

Ende des Jahres entscheiden Sie über den Bau eines großen Zellstoffwerks in Brasilien. Fürchten Sie nicht, dass Ihre Zellstofflieferungen, die Sie von dort nach Thailand schippern werden, in die feindlichen Linien der Handelskriege kommen werden?
Doboczky: Das kann passieren, auch wenn wir nicht glauben, dass es passiert. Deshalb werden wir uns nicht ausschließlich auf Zellstoff auf Brasilien verlassen. Unsere Kapazitäten in Österreich und Tschechien sind größer als das, was wir für Brasilien planen. Wir kaufen auch viel Zellstoff aus Südafrika.

Was muss Europa tun, um in diesem globalen Kräftemessen - vor allem zwischen den USA und China - nicht zu kurz zu kommen?
Doboczky: Das ist ein extrem relevantes und problematisches Thema. Nur wenn wir eine starke Einheit in Europa haben, haben wir eine Chance. Sonst laufen wir Gefahr, dass wir ein Spielball anderer Interessen werden. Deshalb ist es wichtig, dass wir eine starke Kommission haben und sich die Mitgliedsstaaten zurücknehmen sowie den gemeinsamen Nenner etwas aggressiver ansetzen.

Ich wette, dass Sie innerhalb der Lenzing-Arbeiterschaft keine Mehrheit für ein solches Zurechtstutzen nationalstaatlicher Kompetenzen finden. Und letztlich brauchen Sie demokratische Mehrheiten.
Doboczky: Unsere Aufgabe als Unternehmen ist es nicht, Politik zu machen. Aber es ist auch nicht unsere Rolle als Vorstände von Unternehmen, keine Position zu haben. Deshalb habe ich vor der EU-Wahl die Belegschaft zusammengeholt. Dort habe ich gesagt: "Mir ist egal, wen ihr wählt. Aber macht von eurem Recht, zu wählen, Gebrauch." Denn für uns als Unternehmen ist es wichtig, dass Europa stark ist.

Was kann Österreich in Europa beitragen?
Doboczky: Österreich sollte in Sachen Klimapolitik eine verantwortungsvolle Führungsrolle übernehmen. Die Konzepte sind nicht schlecht, aber im europäischen Kontext sollten wir noch stärker unsere Stimme erheben.

Was wünschen Sie sich standortpolitisch von der nächsten Regierung?
Doboczky: Ganz dringend ist, dass wir weiter Forschung und Entwicklung bewusst fördern und dass es erleichtert wird, ausländische Spitzentalente ins Land holen zu können. Wir müssen internationale Headquarters in diesem Land halten.

Sie wurden zuletzt als Lenzing mit Ihren Marken viel stärker als in der Vergangenheit für Endkonsumenten sichtbar. Wird das so weitergehen?
Doboczky: Ja. Mit unserer Spezialfasermarke Tencel sind wir bei der Markenerkennung im asiatischen Raum schon heute unter den top drei nach Gore-Tex und Lycra, mit der wir um die Top-zwei-Position kämpfen. In Europa sind wir noch etwas weiter hinten, aber wir sind in diesem Bereich ja noch ein junger Spieler. Für Lenzing, früher ein Industriebetrieb, sind das tatsächlich große Schritte. So eine Transformation dauert lange, und sie braucht Geduld.



Zur Person

Stefan Doboczky , 52, leitet seit 2015 die Lenzing AG mit Sitz im gleichnamigen oberösterreichischen Ort. Der Faserkonzern beschäftigt 6.800 Mitarbeiter und erzielte 2018 2,2 Milliarden Euro Umsatz. Für seinen früheren Arbeitgeber, die niederländische DSM, war der Kärntner fast zehn Jahre lang in China. Er ist als einziger Österreicher ein "CEO Climate Leader" des World Economic Forums. Seit Kurzem ist der Chemiker OMV-Aufsichtsrat.


Das Interview ist der trend-Ausgabe 27-28/2019 vom 5. Juli 2019 entnommen.

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