Kika/Leiner-Mutter Steinhoff kämpft ums Überleben

Kika/Leiner-Mutter Steinhoff kämpft ums Überleben

Der Steinhoff-Möbelkonzern braucht dringend Geld. In Österreich ist der Konzern mit Kika und Leiner vertreten.

Der angeschlagene Möbelkonzern Steinhoff hat über 10 Milliarden Euro Schulden. Die im Herbst eingestandenen Bilanzmanipulationen sollen weiter zurückreichen, als bisher angenommen wurde. Die Kika/Leiner-Mutter lädt zur Hautpversammlung.

Hannover/Sandton. Beim Möbelhändler Steinhoff läuten die Alarmglocken. Wieder einmal. Und dieses Mal geht es für den deutsch-südafrikanischen Konzern und Kika-Leiner-Mutter wohl ums Überleben.

Die finanzielle Lage sei sehr herausfordernd, teilte der unter Milliarden-Schulden ächzende Konzern am Freitag in einer Präsentation für seine Hauptversammlung am Flughafen Amsterdam mit. Experten der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PwC durchleuchten zur Zeit die Bücher der Kika-Leiner-Mutter.

Die laufende Untersuchung bestätigte ein Muster, dass einige Einkünfte und Buchwerte über Jahre zu hoch angesetzt worden seien, hieß es in der Präsentation. Die Prüfung werde voraussichtlich zum Jahresende 2018 im Wesentlichen abgeschlossen werden.

Steinhoff kämpft mit hohen Schulden. Der Präsentation zufolge hat der Möbelkonzern Ende März 10,4 Mrd. Euro Schulden. Allein 8,7 Mrd. Euro davon entfielen auf Europa. Der hinter Ikea weltweit zweitgrößte Möbelhändler hatte sich in den vergangenen Monaten auch mit dem Verkauf von Aktienpaketen an Beteiligungen Liquidität verschafft, dies sei aber nicht nachhaltig, hieß es weiter. In Österreich wurde eine Leiner-Immobilie an Rene Benko notverkauft.

Der Möbelkonzern hatte in den vergangenen Jahren stark expandiert und etliche Unternehmen gekauft. Im vergangenen Jahr hatten die Zweifel an den Werten der aufgekauften Unternehmen zugenommen. Ende 2017 stürzte die Steinhoff-Gruppe in die Krise: Bilanzen waren offenbar manipuliert worden, der Börsenkurs gab krachend nach. Die Aktie ist seither ein Pennystock. Der Wert des Konzerns verlor bis dato bis zu 90 Prozent des Börsenwerts.

Die Steinhoff-Gruppe zog die Jahresabschlüsse von 2016 und 2015 offiziell zurück, nachdem sich die Hinweise auf Manipulationen verdichteten. Unklar ist, ob auch frühere Bilanzen überprüft werden müssen - auch hier liegen erste Hinweise auf Manipulationen vor. Viele der Immobilien waren zu hoch bewertet, so auch die Häuser an den 50 Standorten von Kika/Leiner in Österreich. Der Abschluss für das Jahr 2017 wurde erst gar nicht veröffentlicht.

Steinhoff hatte im vergangenen Dezember Unregelmäßigkeiten in den Bilanzen für sein Europa-Geschäft eingeräumt. In Deutschland laufen bereits seit längerem Ermittlungen wegen möglicher Bilanzfälschungen. Ein Experte der Wirtschaftsprüfer PwC hatte bereits gesagt, die Untersuchung im weit verzweigten Steinhoff-Reich könne noch Monate andauern. Steinhoff bestehe aus mehr als 700 Tochterfirmen in 32 Ländern.

Steinhoff hat neben dem hohen Schuldenstand zusätzlich noch mit zahlreichen Klagen anzukämpfen. Um die deutsche Möbelkette Poco tobt ein Rechtsstreit mit dem österreichischen kika/Leiner-Konkurrenten XXX-Lutz, dessen Eigentümer Andreas Seifert, bereits mehrere Verfahren angestrengt hat. Ursprünglich hatten sich Steinhoff und die XXXLutz-Gruppe gemeinsam an Poco beteiligt.

In Südafrika wie auch Deutschland beschäftigt der Konzern bereits die Behörden. Die deutsche Finanzaufsicht BaFin etwa droht der kriselnden Muttergesellschaft der Billig-Möbelhauskette Poco mit einem Zwangsgeld in Millionenhöhe, wenn es nicht nach dem Buchstaben des Gesetzes die Finanzberichterstattungspflichten einhält. Auch das südafrikanische Parlament schaltet sich bereits in den Skandal um mutmaßliche Bilanzmanipulationen ein.

In Niedersachsen, wo der Konzern seine Wurzeln hat, werfen die oppositionellen Grünen im Landesparlament ebenfalls Fragen nach den Hintergründen der möglichen Bilanzfälschungen bei dem unter Druck geratenen Konzern auf. Sie hinterfragen vor allem die Rolle der Verantwortlichen des deutsch-südafrikanischen Einzelhandelskonzerns und die Zuständigkeiten in der weitverzweigten Unternehmensgruppe.

Konkret will der deutsche Grünen-Abgeordnete Stefan Wenzel in seinem Fragenkatalog wissen, welche Unternehmensteile die Steinhoff Familienstiftung in Westerstede oder die Steinhoff Familienholding GmbH Oldenburg halten, welche Institutionen ermitteln und welche Banken in welchem Ausmaß betroffen sein könnten. Von Westerstede aus würden auch heute noch Teile des Geschäfts der an den Börsen in Frankfurt und Johannesburg (Südafrika) gelisteten Gruppe gesteuert, so Wenzel. Er wirft die Frage auf: "Welche Wirtschaftsprüfer haben die etwa 700 Tochterunternehmen des Konzerns in den letzten 10 Jahren geprüft?"

Das Aktionärstreffen

Steinhoff hat nun zur Hauptversammlung eingeladen, die am Freitag in einem in einem Konferenzhotel bei Amsterdam stattfindet und live in das größte Konferenzzentrum im südafrikanischen Kapstadt übertragen wird. Was bei anderen Unternehmen Routine ist, droht bei der Kika/Leiner-Mutter zum turbulenten Happening zu werden.

Die Nerven der Investoren liegen blank, denn die anhaltende Ungewissheit über das wahre Ausmaß des Bilanzskandals lastet schwer auf dem Kurs. Ende 2017 begannen zudem die Ermittlungen wegen Bilanzunregelmäßigkeiten, und Chef Markus Jooste musste gehen.

"Es wird turbulent werden", sagt der Sprecher der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW), Jürgen Kurz, "denn es geht ja auch um die Frage, wer wann was wusste und ob es rechtliche Ansprüche gibt, um den Kursverlust von fast 97 Prozent abzufedern." Nach Berechnungen der DSW war Steinhoff 2017 der größte Kapitalvernichter unter Deutschlands Aktiengesellschaften.

Die von Firmengründer und Namensgeber Bruno Steinhoff aus dem niedersächsischen Westerstede aufgebaute Gruppe will bei dem Aktionärstreffen den Aufsichtsrat teilweise auswechseln. Zwar wird der im deutschen SDax notierte Konzern längst aus Südafrika geführt, hat aber bis heute seine Europa-Zentrale in Westerstede, wo etwa die Logistik-Tochter Global Warehouse tätig ist.

Steinhoff hatte zuletzt bei der seit dem Sommer börsennotierten Tochter Steinhoff Africa Retail seine Beteiligung reduziert. "Hauptfrage der Versammlung wird sicherlich auch sein, wie es weitergeht: Ist man jetzt hoffnungslos überschuldet oder gibt es noch Perspektiven für das Geschäftsmodell?", sagt Aktionärsvertreter Kurz. Er beklagt: "Wir haben ja nach wie vor eine Situation, in der wir keine Zahlen haben."

Die Gruppe mit ihren weltweit 150.000 Mitarbeitern zeigt sich nach eigenen Angaben kooperativ bei der Aufarbeitung der Krise.

Steinhoff hatte einst Investoren angezogen. Im Dezember 2015 hatte der Konzern die Hauptnotierung seiner Aktie von Johannesburg nach Frankfurt verlegt. Mit einer früheren Bewertung von rund 20 Milliarden Euro lag der frühere Ikea-Herausforderer zeitweise auf Augenhöhe mit den Dax-Werten E.ON und Henkel.

Das ist lange vorbei: "Das Spitzen-Management muss das Richtige tun und abtreten", forderte Reuben Maleka von der Handelsgewerkschaft PSA. Fünf Monate nach dem Bilanz-Enthüllungen sei immer noch nicht klar, was wirklich passiert sei, sagte Armand Kersten vom Kleinanleger-Verband VEB. Er monierte, die Aktionäre müssten Entscheidungen treffen, ohne über wirkliche Informationen zu verfügen. Das sei die Schuld des Managements.

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