Das Lehrberufspaket 2017: Alles digital und international

Das Lehrberufspaket 2017: Alles digital und international

Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner wirbt für die Lehre - mit attraktiven Zuckerln.

Die Regierung will der dualen Ausbildung in Österreich einen neuen Schwung geben. Die Lehre soll mehr Attraktivität bekommen und neuen Glanz bekommen. Ein notwendiger Schritt auch aus Sicht der Wirtschaft in Österreich. Lehrlinge sind überwiegend zufrieden. Aber es gibt offenbar Mängel bei der Einhaltung der Arbeitszeitgesetze.

"Karriere mit Lehre" - ein Slogan, der eigentlich aus den 1980er-Jahren stammt, soll quasi neu belebt werden. Bis zum Jahr 2020 sollen 54 Lehrberufe durchforstet werden mit dem Ziel, die Anforderungen der Digitalisierung einzubeziehen. Ein besonderes Zuckerl: Die Internationalisierung soll auch in in der Lehre derart integriert werden, dass Lehrlinge auch die Kosten für Sprachkurse im Ausland bezahlt bekommen.

In ganz Österreich bilden derzeit über 28.000 Lehrbetriebe fast 107.000 Lehrlinge aus. Jährlich kommen fast 33.000 neue Lehrlinge im ersten Jahr dazu. Beim AMS sind derzeit 3391 offene Lehrstellen sofort verfügbar. In betriebliche Lehrstellenförderung und AMS-Mittel werden rund 361 Millionen Euro investiert. Die Lehre hat zuletzt an Attraktivität verloren. Sie galt aus der Sicht der Jugendlichen zuletzt eigentlich nur noch als ein Notnagel, falls es keine Alternative dazu gegeben hatte.

Wirtschaftsminister und Vize-Kanzler Reinhold Mitterlehner (ÖVP) hat anlässlich eines Besuchs bei Siemens Österreich die neue Lehrlingsoffensive präsentiert. Das Lehrberufspakt 2017 enthält folgende Eckpunkte:

1. Modernisierung der Berufsbilder

Es werden acht neue bzw. modernisierte Berufsbilder entsthen. Dazu zählen vor allem auch der neue Schwerpunkt "Digitaler Verkauf" im Lehrberuf Einzelhandel, oder der verstärkte Einsatz von Diagnosecomputern bei Reifen- und Vulkanisationstechnik. Einige Lehrberufe mit Digitalschwerpunkt, die bis zum Jahr 2020 umgestellt werden, sind Informationstechnologie, Chemieverfahrenstechnik, Fahrradmechatronik, Installations- und Gebäudetechnik, Karosseriebautechnik und E-Commerce-Kaufmann bzw. -Kauffrau.

2. Übernahme der Geld für Vorbereitungskurse

Ab dem 1. Juli werden die vollen Kosten für alle Vorbereitungskurse auf die Lehrabschlussprüfung übernommen. Bisher war die Rückerstattung mit 250 Euro gedeckelt, in einigen Berufen, insbesondere in technischen Berufen, fallen jedoch Kurskosten bis zu 800 Euro an.

3. Kostenübernahme bei Sprachkursen

Die Internationalisierung der Lehrlinge soll gefördert werden. So werden künftig die Kosten von Sprachkursen der Lehrlinge im Ausland. Allerdings werden nur bis zu zwei Wochen Sprachaufenthalt gefördert. Derzeit nutzen 750 Lehrlinge das Sprachkursangebot. Die Regierung erhofft somit die Zahl der beruflichen Auslandsaufenthalte weiter zu erhöhen.


Wenn wir das nicht tun, wird uns die Digitalisierung Arbeitsplätze kosten.

Mit den notwendigen Anpassungen bei den Lehrberufen werde auf die neuen Rahmenbedingungen reagiert. "Wenn wir das nicht tun, wird uns die Digitalisierung Arbeitsplätze kosten", warnte Mitterlehner vor Journalisten. Die Modernisierung der Lehrberufe schlägt sich auch in der Bezahlung nieder. Ausgebildete Fachkräfte können mit sehr moderaten Einstiegsgehälter nach der absolvierten Lehre rechnen - vor allem in technischen Berufen wird weit über dem Mindestlohn bezahlt.


Der konkrete Fall: Lehrling bei Siemens

Bei Siemens in Österreich werden derzeit rund 400 Lehrlinge ausgebildet. Rund 20 Prozent sind weiblich. Angeboten werden 20 verschiedene Lehrberufe. Derzeit hip ist die Ausbildung zum Mechatroniker.

Bei den 17 technischen Lehrberufen liegt die Quote der weiblichen Lehrlinge bei 12 Prozent. Nach dreieinhalb bis vier Jahren Lehre haben 90 Prozent der Siemens-Lehrlinge auch die Matura gemacht.

Um das Erreichen des Mindestlohns müssen sich die Lehrabsolventen des Unternehmens keine Sorge machen: Das Einstiegsgehalt für ausgebildete Mechatroniker liegt bei rund 2400 Euro brutto.


Das duale Ausbildungssystem à la Österreich und Deutschland gilt weltweit seit Jahrzehnten als das Vorzeigemodell für die Ausbildung von jungen Menschen zur hochqualitativen Fachkraft. Doch ist die Lehre zuletzt immer wieder in Verruf geraten, Anlaufstation für Jugendliche zu sein, die sonst nicht wüssten was sie tun sollen. Und auch die geringe Bezahlung ist immer wieder ein Grund, dass Jugendliche sich nicht in die Lehre wagen können oder wollen. Seitens der Industrie wird außerdem seit gut 15 Jahren immer wieder eingeworfen, dass vor allem von Pflichtschulen Lehrlinge mit zum Teil extrem unterschiedlichen Fähigkeiten sich um einen Lehrplatz bemühen. Kritisiert wird oft, das vor allem Pflichtschulabgänger zum Teil über schlechte Rechen- und Rechtschreibkenntnisse verfügen.

Für Österreich bringt das duale Ausbildungssystem große Vorteile im Wettbewerb. Ausgezeichnete Fachkräfte sind die Träger der Wirtschaft. Da andere Länder jedoch ihre Ausbildungssysteme verbessern, müsse auch Österreich nachrüsten.

Die richtige Wahl

Hat sich ein Jugendlicher in Österreich einmal für die Lehre entschieden, so ist er der überwiegende Teil auch zufrieden mit ihrer Wahl. Das trifft für 86 Prozent der Lehrlinge zu. Eine Umfrage der Notrufeinrichtung "147 - Rat auf Draht" kam zu diesem Ergebnis.

90 Prozent der 901 befragten Lehrlinge fühlen sich demnach an ihrem Arbeitsplatz wohl. An der Spitze der Zufriedenheitsrangliste liegen die Mechatronik-Lehrlinge - mit 100 Prozent.

Die unangenehmen Seiten

Und dennoch gibt es Schwächen, was der Umgang mit Lehrlingen angeht. Trotz sehr hoher Zufriedenheit waren sieben Prozent der Lehrlinge schon einmal von Mobbing betroffen. Vorwiegend geht das Mobbing von den Vorgesetzten aus.

Ein Großteil der Betroffenen werde beschimpft und beleidigt, erklärte "Rat auf Draht"-Psychologin Elke Prochazka bei einer Pressekonferenz in Wien. "Es wird immer wieder erwähnt, wie unangenehm das ist, wenn es vor einem Kunden passiert."

Jeder zweite Befragte fühlt sich überfordert, weil die Arbeitszeitgesetze nicht eingehalten werden. Ein Großteil der Lehrlinge meint, nicht gut genug auf den Berufsalltag vorbereitet zu werden. "Es hat sich gezeigt, dass sie sehr klare Änderungswünsche haben", sagte Prochazka.

Die gewünschten Veränderungen umfassen eine faire Entlohnung, die Einhaltung der gesetzlich bestimmten Arbeitszeiten sowie eine bessere Vorbereitung auf den Berufsalltag.

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