Leben für den Augenblick - das harte Geschäft der Fotografie

Leben für den Augenblick - das harte Geschäft der Fotografie
Leben für den Augenblick - das harte Geschäft der Fotografie

Start me up: Die Rolling Stones fotografiert 2014 beim Konzert in Wien.

Seit der Gewerbeöffnung Ende 2013 hat sich die Zahl der Fotografen in Österreich verdoppelt. Die Folgen: Die ganze Branche leidet darunter. Fotografen klagen über dramatisch fallende Honorare, Kunden über sinkende Qualität. Der Traumberuf vom Fotografen ist für viele ein täglicher Überlebenskampf geworden.

Traumhonorare, Shootings an den schönsten Plätzen der Welt, immer in der Nähe von Models und Promis und stets am Puls der Zeit, mittendrin im Geschehen. So in etwa sind allgemein die Vorstellungen vom Leben der Fotografen. Die Realität ist jedoch ganz anders. Der Siegeszug der digitalen Fotografie und die mittlerweile allgegenwärtige Präsenz von Smartphone-Kameras haben das Geschäft mit den Bildern, die die Welt bewegen, grundlegend verändert. Der Arbeitsaufwand für die Fotografen hat sich vervielfacht. Während sie früher lediglich ihre Fotografien abgeben mussten, werden heute perfekt aufbereitete, digital nachbearbeitete Aufnahmen vorausgesetzt.

Gleichzeitig sinken die Honorare seit Jahren. Ulrich Schnarr, Landesinnungsmeister der Berufsfotografen Wien: "Früher gab es rund 300 Euro für ein Handshake-Pressefoto, heute sind es nur noch 100 Euro." Ähnlich eklatant ist der Preisverfall bei Terminen und Festivitäten. Hochzeitsfotos werden etwa mittlerweile zu Dumpingpreisen von 200 bis 300 Euro angeboten. "Das kann nicht funktionieren", sagt Schnarr, "Das günstigste, seriöse Angebot liegt bei 700 Euro für vier Stunden Arbeit auf einer Hochzeit. Im Schnitt sind es zwischen 1200 und 1500 Euro."

Freies Gewerbe

Zusätzlich zugespitzt hat sich die Situation der Berufsfotografen mit der Entscheidung des Verfassungsgerichtshofs (VfGH) im Dezember 2013, dass die Berufsfotografie nicht mehr als "reglementiertes Gewerbe" in der Gewerbeordnung gilt. Seither kann und darf sich ein jeder Fotograf nennen, der eine Kamera bedienen kann. Innungsmeister Schnarr fasst in Zahlen, welche Folgen die Freigabe des Gewerbes hatte: Zuvor gab es in Wien etwa rund 750 gewerbliche Fotografen, aktuell sind es rund 1900. Und jeden Monat kommen rund 50 neue hinzu. "Das sind mehr Fotografen, als ganz Österreich verträgt", meint Schnarr. Eine Marktanalyse der Bundesinnung der Berufsfotografen in der Wirtschaftskammer Österreich habe ergeben, dass bundesweit nur und 1000 Fotografen von ihrem Beruf leben können. Schon 2010 gab es rund dreimal so viele Fotografen. Damals hatten 3.161 in Österreich ein Gewerbe angemeldet. Seitdem hat sich ihre Zahl auf mehr als 6.355 verdoppelt. Schnarr: "Die Situation ist dramatisch."

Seit der Freigabe des Gewerbes benötigt man dafür auch keine spezielle Ausbildung mehr. Was zur Folge hat, dass die Unzufriedenheit der Auftraggeber stark zugenommen hat. Die Wiener Landesinnung der Berufsfotografen hat daher Mitte Juni eine provisorische Ombudsstelle eingerichtet, bei der Beschwerden eingebracht werden können. Binnen weniger Tage sind dort mehr als ein Dutzend Beschwerden eingegangen.

Da die frühere Meisterprüfung mit der VfGH-Entscheidung weggefallen ist, hat die Innung die Austrian Academy of Photography initiiert, die eine Ausbildung zum "Qualified Austrian Photographer" anbietet, dem derzeit höchsten staatlich anerkannten Bildungsabschluss für Fotografen.

Für die meistens zwischen 18 und 25 Jahre alten Neo-Fotografen, ist die kaufmännische Unbefangenheit ein zusätzliches Problem. "Viele Jungfotografen schätzen den Markt völlig fehl ein, eine Spiegelreflexkamera allein macht noch keinen Fotografen", sagt Heinz Mitteregger, Bundesinnungsmeister der Fotografen. Von Marketing und Kalkulation hätten viele keine Ahnung. Mit speziell auf Fotografen zugeschnittenen Kalkulationsseminaren und Weiterbildungsangeboten versucht die Innung, den Umstand zu bekämpfen. Weiters werden mehrmals pro Jahr Kurse zum Thema Urheber- und Bildrecht abgehalten.

Markenbildung als Erfolgsrezept

Der Jungfotograf Matthias Hombauer hat hingegen einen Dreh gefunden, um sich gut zu vermarkten. Der 35-Jährige, der eigentlich Doktor für Molekulare Biologie ist, hat sich in den vergangenen Jahren den Traum vom Konzertfotograf erfüllt und seither mit zahlreichen Stars des internationalen Musikbusiness gearbeitet. Zu seinen Highlight gehören die Arbeiten mit den Elektro-Punk-Pionieren The Prodigy, und der der Balkan-Popband Shantel, die er auf ihrer Tour nach Kanada und Belgien begleitete oder zuletzt die AC/DC-Vorband Vintage Trouble vor über 100.000 Zuschauern in Zeltweg.

Hombauer ist ein klassischer Quereinsteiger und fing erst mit 28 Jahren an, auf Konzerten zu fotografieren. "Fotografie fühlt sich für mich nicht als Arbeit an, sondern als Leidenschaft", gibt er als Grund an, weshalb er den weißen Laborkittel des Biologen gegen eine Kamera eingetauscht hat. Wie man fotografiert, brachte er sich selbst durch Bücher und Workshops bei. "Um als Fotograf erfolgreich zu sein, muss man nicht nur Fotos verkaufen können, sondern sich eine Ich-Marke aufbauen", sagt Hombauer. Er entwarf ein eigenes Logo, Sticker, T-Shirts und ein Corporate Design. Über soziale Medien wie Facebook, Twitter und Instagram baut er seine Community kontinuierlich aus.

Promovierter Molekularbiologe auf Abwegen: Der Niederösterreicher Matthias Hombauer baute sich ein Standbein als Konzertfotograf auf.

In seinem Blog "How to become a rockstar photographer" schreibt er über sein Leben als Konzert- und Festivalfotograf und postet aktuelle Konzertfotos . "Ursprünglich wollte ich auf dem Blog über meine Erfahrungen auf Konzerten berichten und jungen Fotografen Hoffnung und Mut machen, selbst Fotograf zu werden", so Hombauer. Doch er führt nicht nur Tagebuch: Von Kollegen aus den USA inspiriert, gibt er sein Wissen auch an andere weiter. Sein Blog läuft seit April 2014, seinen Newsletter haben Interessierte von Brasilien bis Indonesien abonniert. Außerdem hat Hombauer ein E-Book publiziert und arbeitet nun an einen Videokurs für Konzertfotografie.

Die seitens der Innung monierte Öffnung des Fotografengewerbes findet Hombauer dagegen gut: "Österreich hatte in dieser Hinsicht Nachholbedarf. Ich glaube an die Qualität und ein Meisterfotograf sollte keine Angst vor Amateuren haben." Dennoch sei es in der Musik- und Konzertfotografie sehr schwer, Fotos zu verkaufen. "Oft läuft es nach dem Prinzip: Du darfst als Fotograf zwar zur Band auf die Bühne, dafür bekommt das Management der Band die Fotos gratis." Hinzu kommt die Konkurrenz von Zeitungen, Magazinen und Agenturen, die ebenfalls Fotografen zu Veranstaltungen schicken. Die Folge ist ein enormer Preisdruck. Hombauer: "Ein Großteil der Fotografen macht es als Hobby. Viele tendieren dazu, den Bands, die sie fotografieren, Aufnahmen gratis zu geben."

The Rolling Stones

Miley Cyrus

Auch der Fotograf Philipp Horak beklagt die Gratiskultur: "Manche Fotografen verlangen viel zu wenig oder verschenken ihre Arbeit." Die Folge: Auch wenn ihn die Öffnung des Gewerbes nicht betroffen hat - er selbst absolvierte eine Ausbildung zum Fotografen an der "Höheren Graphischen Lehranstalt" in Wien mit einer Meisterprüfung als Abschluss - leidet er unter dem Preisverfall. Als mittlerweile etablierter Reportage-, Porträt- und Werbefotograf könne er zwar ganz gut von seinem Beruf leben, aber weit voraus planen sei schwierig. Dazu kommen rechtliche Probleme: "Fotorechte werden immer mehr ignoriert, Medien drucken Bilder wiederholt ab ohne Absprache oder erneut Honorare zu zahlen", sagt er.

Die Hoffnung, eines Tages ein Foto zu machen, das zu einer Ikone werden kann wie das berühmte Che Guevara Portrait oder eine der klassischen Magnum-Fotografien, hat Horak längst aufgegeben: "Das ist heute nicht mehr möglich. Solche einzigartigen Fotos kann man, seit jeder ein Smartphone mit einer Kamera hat, gar nicht mehr machen."

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