KTM-Chef Stefan Pierer: "Unnötige Irritation"

KTM-Chef Stefan Pierer

KTM-Chef Stefan Pierer

Er war größter Einzelspender für Sebastian Kurz. Nun äußert sich KTM-Boss Stefan Pierer erstmals über die neue Regierung, den KTM-Produktionsstandort China - und eine geschenkte Million von Donald Trump.

trend: Sie waren der größte Einzelspender im Wahlkampf des neuen Bundeskanzlers. Jetzt, zwei Monate nach Regierungsantritt: Merken Sie schon etwas vom „neuen Regieren“?
Stefan Pierer: Fairerweise sollte für die neue Regierung die international übliche Hundert-Tage-Frist gelten und aufgrund der einen oder anderen Landtagswahl wohl noch etwas gedehnt werden. Was man sagen kann: bis jetzt hat sich spürbar natürlich noch nichts geändert, man soll der Regierung die notwendige Vorlaufzeit geben. Die Wirtschaft erwartet sich jedoch wesentliche Verbesserungen der Rahmenbedingungen, vor allem durch essentiellen Bürokratieabbau, Arbeitszeitflexibilisierung, Stärkung des Kapitalmarktes etc. Das würde der Wirtschaft wesentlich mehr helfen als z.B. eine kurzfristige Reduktion der Körperschaftssteuer.

trend: Das Aus für den Beschäftigungsbonus bedeutet doch auch, dass die Lohnnebenkosten in Summe wieder steigen.
Pierer: Wir hätten unsere 600 neuen KTM-Mitarbeiter 2017 auch ohne Bonus eingestellt. Wenn das Aus für den Beschäftigungsbonus die Stabilisierung der Budgets 2018 und 2019 unterstützt und damit die Grundlage für spätere dauerhafte Entlastungen im Lohnnebenkostenbereich und bei der Körperschaftssteuer gelegt ist, dann ist das eine sinnvolle Maßnahme.

trend: Die Industrie war massiv irritiert, dass die Energieagenden nun im Landwirtschafts- und Umweltministerium angesiedelt sind.
Pierer: Eine Neuaufstellung muss nicht unbedingt schlecht sein. Das so genannte Landwirtschaftsministerium ist zweifellos ein echtes Superministerium geworden, mit den für den österreichischen Standort wichtigen Bereichen Landwirtschaft, Bergbau, Energie und Tourismus. Und ich schätze Ministerin Elisabeth Köstinger qualifiziert ein.

trend: Also führt Köstinger das eigentliche Standortministerium.
Pierer: Auch das veränderte Wirtschaftsministerium unter Margarete Schramböck, wo die Leitbetriebe, Digitalisierung, Standortthematik, die angewandte Forschungsförderung angesiedelt sind, ist nach wie vor ein ganz wichtiges Ressort. Aber wenn man zu viel am Tisch hat, geht manchmal gar nichts. Durch die Fokussierung auf die wesentlichen Themen kann Schramböck viel umsetzen. Und Schramböck weiß, wovon sie redet, sie kommt ja aus der Wirtschaft.


Wenn wir jetzt keinen positiven Budgetsaldo hinbekommen, wann dann?

trend: Sie haben Ihr Engagement für Kurz damit begründet, dass er auf diese Weise freigespielt wird von den alten Mächten in der ÖVP, den Ländern und Bünden. Ist er jetzt freigespielt?
Pierer: Die Regierung ist in der Anfangsphase. Die Regierungsbildung zeugt von Eigenständigkeit, auch wenn das in dem einen oder anderen Bundesland nicht ganz optimal gesehen wurde. Jetzt geht es darum, das gute Regierungsprogramm umzusetzen und das positive wirtschaftliche Konjunkturumfeld auszunutzen. Wenn wir jetzt keinen positiven Budgetsaldo hinbekommen, wann dann?

trend: Es wurde ja viel Standortkritik geübt in letzter Zeit. Worin sehen Sie denn die Stärken?
Pierer: In der Forschungsprämie, die gibt es in dieser Form nirgendwo in Europa. In der durch die Kontrollbank abgesicherte Exportfinanzierung, in der dualen Lehrlingsausbildung, welche auch ein Grund für die noch immer hohe Industriequote ist. Und natürlich in den Mitarbeitern. Diese vier Säulen sind der Grund dafür, dass der Standort noch so stark ist. Aber er ist in der letzten Dekade durch eine Überregulierung stark beeinträchtigt worden.

KTM-Chef Stefan Pierer

"Ich empfehle doch, allmählich von der Aufgeregtheit weg und hin zur Arbeit zu kommen."

trend: Woran messen Sie den Fortschritt bei der Entbürokratisierung?
Pierer: Zum Beispiel bei Erleichterungen von Genehmigungsverfahren für Großinvestitionen (Betriebsanlagen, Baurecht, Gewerberecht), Dokumentationen im Arbeitsrecht, im Arbeitsschutz und Arbeitszeiten etc. Oberösterreich ist sicher eine gute Benchmark: Unter Landesrat Strugl, der ein wirklich starkes Standortressort leitet, ist hier schon einiges auf den Weg gekommen.

trend: Sie sind ein Fan von Schwarz-Blau in Oberösterreich. Im Bund gibt es aber viel Irritation. Die Umfärbung des ÖBB-Aufsichtsrates von rot auf blau geschah etwa nach dem Prinzip Holzhammer. Sehen Sie das auch so?
Pierer: Veränderungen im Aufsichtsrates sind grundsätzlich nichts Ungewöhnliches. Man könnte es mit anderen Abfolgen machen, es gibt ja auch eine ordentliche Hauptversammlung. Wenn man kurzfristig etwas einberuft, erzeugt das immer unnötige Irritation.


Ich würde nicht sagen, dass die Personaldecke bei den Freiheitlichen dünn ist.

trend: Die Frage ist doch, wie dünn die Personaldecke der FPÖ für Wirtschaftsfunktionen ist. Die Rückholung von Ex-Ministerin Monika Forstinger war dann doch eher eine Überraschung.
Pierer: Ich würde nicht sagen, dass die Personaldecke bei den Freiheitlichen dünn ist. Ich kenne einige qualifizierte und kompetente Vertreter aus dem freiheitlichen Bereich, die man in diesem Fall vielleicht kurzfristig nicht gerufen hat. Ich hätte es vielleicht anders gemacht.

trend: Das Burschenschafterthema...
Pierer: ...ist überbewertet. Es gibt eine große Bandbreite von studentischen Verbindungen und Vereinen, die alle politischen Lager abbilden. Natürlich muss das sachlich geklärt werden. Aber ich empfehle doch, allmählich von der Aufgeregtheit weg und hin zur Arbeit zu kommen.

trend: Sie haben sich mit Ihrem Engagement für Sebastian Kurz im letzten Jahr stark exponiert. Haben Sie nun eigentlich wie angekündigt geklagt, weil Ihr Steuerakt in der Öffentlichkeit aufgetaucht ist?
Pierer: Ich habe rechtliche Schritte eingeleitet und mehr möchte ich dazu nicht sagen. Mit dieser untergriffigen Intensität des Wahlkampfes habe ich, offen gesagt, nicht gerechnet. Insbesondere dass ein Abgeordneter illegal beschaffene Steuerdaten in einer parlamentarischen Anfrage verwendet. Aber als bekannter Unternehmer bin ich es gewohnt in der Öffentlichkeit zu stehen.

trend: Obwohl Sie die Fakten klar gestellt haben, ist doch bei vielen hängen geblieben, dass der Pierer es sich richten kann.
Pierer: Auch der SPÖ Wahl-Slogan „Hol dir, was dir zusteht“ hat ja schon an die einfachen Instinkte appelliert und diese Tonalität ist, wie man an den Ergebnissen sehen konnte, bei den Leuten auch nicht so angekommen. Ich werde mich jedenfalls auch in Zukunft zu Standortthemen äußern.


Das Regierungsprogramm als Ganzes sehe ich positiv, insbesondere die Arbeitszeitflexibilisierung.

trend: Es wurde Ihnen ja vorgeworfen, Sie hätten sich mit Ihren Spenden quasi die im Regierungsprogramm nun vorgesehene Arbeitszeitflexibilisierung erkauft. Sind Sie zufrieden mit dem, was paktiert ist?
Pierer: Das Regierungsprogramm als Ganzes sehe ich positiv, insbesondere die Arbeitszeitflexibilisierung, die kurzfristig sehr wichtig ist. Gerade jetzt im Aufschwung, wo immer weniger Arbeitskräfte verfügbar sind, müssen die vorhandenen Aufgaben von den bestehenden Leuten erledigt werden. Dies erfolgt in Abstimmung mit den Mitarbeitern und wegen der Digitalisierung können sie vieles standortunabhängig von unterwegs oder vom Home Office aus erledigen. Wir sind ein Unternehmen mit 97 Prozent Exportquote und hunderte unserer Mitarbeiter sind permanent im Ausland unterwegs. Dieser Einsatz ist mit dem österreichischen Arbeitsrecht praktisch nicht abbildbar. Es heißt immer, Arbeitszeitflexibilisierung geht zulasten der Arbeitnehmer. Reden Sie einmal mit den Mitarbeitern bei den Unternehmen –diese wünschen sich ebenfalls eine zeitgemäße und flexiblere Arbeitszeiteinteilung.

trend: KTM hat 2017 das siebte Rekordjahr in Folge hingelegt, jedenfalls bei Umsatz und Absatz. Ist das Wachstum von Ihrer Zweitmarke Husqvarna getrieben?
Pierer: Nein, von KTM und Husqvarna gleichermaßen. Aber es stimmt schon, dass Husqvarna eine eigene Story ist: Wir haben im letzten Jahr 36.000 Stück verkauft, das Dreifache der Rekordzahl der „alten“ Husqvarna. Dieses Jahr werden wir erstmals Straßenmotorräder unter der Marke Husqvarna auf den Markt bringen. Meine Vision ist, dass Husqvarna die europäische Interpretation des Harley-Mythos wird. Auch unser indischer Partner Bajaj führt Husqvarna nun in Indien ein, damit ist die Marke auch in den Emerging Markets verfügbar. Das wird schnell auf 80.000 Stück hinauf gehen.

trend: Sie haben Ihre Gesamtplanung nach oben revidiert: statt 300.000 wollen Sie 2022 nun 400.000 Motorräder produzieren.

Pierer: Sie müssen sich vorstellen: Der weltweite Motorradmarkt ist immer noch erheblich kleiner als vor der Krise 2008. Aber wir sind jetzt fast zweieinhalb Mal so groß wie damals. Wir haben drei Wachstumstreiber: Marke, Produktinnovation und Globalisierung. 56 Prozent unserer Umsätze erzielen wir außerhalb von Europa. Durch die Kooperation mit Bajaj ist es uns möglich, in Asien, ja weltweit gegen unsere Konkurrenz aus Japan anzutreten. Bajaj hat es mit einem eigenen Vertrieb auch geschafft, letztes Jahr bereits 47.000 KTM-Bikes in Indien und Nepal zu verkaufen. Dort sind wir auf Augenhöhe mit Honda und Yamaha.

trend: Was bedeutet das für die KTM-Standorte im Innviertel?
Pierer: 2017 haben wir insgesamt rund 239.000 Motorräder produziert, davon 150.000 in Mattighofen, in Indien knapp 90.000. Die Kapazität im Innviertel beträgt derzeit 200.000, in Indien ist sie im Prinzip ein vielfaches. Und ab 2020/21 kommt nochmals eine Produktionskapazität von rund 50.000 Motorräder aus dem kürzlich abgeschlossenen JV mit CF Moto in China dazu.


In China wird ab 2020/21 unser neues Mittelklasse-Produkt für den Weltmarkt produziert.

trend: Sie werden dort auch produzieren, nicht nur assemblieren wie bisher?
Pierer: Wir haben in China mit unserem lokalen Partner CF Moto ein Joint Venture gegründet, an dem wir 49 Prozent halten. CF Moto hat schon bisher für uns assembliert und errichtet eine Fabrik für 50.000 Einheiten, wo es auch eine eigene Serienentwicklungsabteilung geben wird. In China wird ab 2020/21 unser neues Mittelklasse-Produkt (800 ccm) für den Weltmarkt produziert. China wird also unser dritter Produktionsstandort. Für Highend, Premium und Hochtechnologie ist unser österreichische Standort zuständig. Wenn die Husqvarna-Straßenmotorräder durch die Decke gehen sollten, was ich nicht ausschließe, wird es sicher wieder Erweiterungen in Mattighofen und Munderfing brauchen.

trend: Aber der größte Auslandsmarkt bleiben die USA. Beflügelt Sie die Steuerreform von Donald Trump?
Pierer: Wir machen dort rund 350 Millionen Dollar Umsatz. Die USA sind ein wichtiger, aber auch volatiler Markt. Motorräder sind handelspolitische Verhandlungsmasse, wir sind immer wieder sanktionsbedroht. Die Steuerreform hilft uns natürlich, wir werden unser Ergebnis in den USA durch die Senkung von 35 auf 21 Prozent um eine Million Dollar pro Jahr steigern können.

KTM-Chef Stefan Pierer beim INterview mit Bernhard Ecker

"Der weltweite Motorradmarkt ist immer noch erheblich kleiner als vor der Krise 2008. Aber wir sind jetzt fast zweieinhalb Mal so groß wie damals."

trend: Trump schenkt Ihnen eine Million.
Pierer: Ich würde nicht sagen, dass es ein Geschenk ist, aber das sind die neuen steuerlichen Rahmenbedingungen. Trump droht bereits wieder mit Importsteuern.

trend: Da macht es doch Sinn, mehr in den USA zu produzieren. Sie haben neben den Fabriken im Innviertel und in Indien derzeit sechs Assemblierungswerke: in Malaysien, Philippinen, China, Brasilien, Argentinien, Kolumbien. Machen Sie auch bald mehr in den USA?
Pierer: Wir beschäftigen in der Gruppe fast 500 Mitarbeiter in den USA, finden dort allerdings nicht die notwendige hochtechnologische Zulieferstruktur. Nein, produktionsseitig werden wir eher bei den beiden anderen Standorten in Indien und China Gas geben.


Mit der Firma PEXCO sind wir unter der Marke Husqvarna auch in den E–Bike-Markt eingestiegen.

trend: Um die Elektromobilität ist es leise geworden.
Pierer: Nicht bei uns. Denn die E-Mobilität, davon bin ich fest überzeugt, wird nicht umfassend am Auto stattfinden, sondern beim motorisierten Zweirad. Dort sind die notwendigen Batterienpackages wesentlich kleiner. Beim Marktsegment E-Bike ist das schon durch: Dort wurden in Deutschland, Österreich und der Schweiz alleine im letzten Jahr eine Million Stück verkauft! Und die Kaufpreise liegen bei E-Bikes auf dem selben Niveau wie im Einstiegsbereich von Motorrädern! Daher sind wir auch schneller als geplant eine Kooperation mit einer deutschen Unternehmerfamilie eingegangen. Mit der Firma PEXCO sind wir unter der Marke Husqvarna auch in den E–Bike-Markt eingestiegen. Wir planen für heuer schon 40.000 Husquarna E-Bikes zu verkaufen. Da tut sich in Zukunft ein hochinteressantes Marktsegment auf.

trend: Was haben Sie mit dem schwäbischen Autozulieferer SHW vor, Ihrer jüngsten Beteiligung? Schnell rein und wieder raus?
Pierer: Als industrieller Unternehmer habe ich langfristiges Interesse. SHW hat eine interessante Produktpalette im automotiven Zulieferbereich und eine Umsatz-Größenordnung von rund 450 Millionen Euro. Ich sehe hier in Zukunft Synergien in einigen Bereichen mit der zur Gruppe gehörenden Pankl Racing.


Das Interview mit KTM-Chef Stefan Pierer ist der trend-Ausgabe 8/2018 vom 23. Februar 2018 entnommen.

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