KSV: Unternehmen fehlt der Mut zu Neuem

KSV: Unternehmen fehlt der Mut zu Neuem

Digitalisierung ist mehr als nur IT und Prozess-Optimierung.

Der Gläubigerschutzverband KSV1870 hat mit seiner Umfrage festgestellt, dass der Wirtschaftsstandort Österreich auf wackeligen Beinen steht. Die Hochkonjunktur sollte Unternehmen zu Investitionen ermuntern. Vor allem für Forschung und Digitalisierung.

"Das Video ist beschämend, es ist sehr beschämend, es ist ein verheerendes Bild, was da abgegeben wurde“, sagt KSV1870-CEO Ricardo-José Vybiral zu den nun veröffentlichten „Ibiza-Videos“von Ex-FPÖ-Chef Heinz Christian Strache. Das schade dem Wirtschaftsstandort Österreich. „Für den zuletzt eingeschlagenen Reformprozess, vor allem in der Steuerpolitik, wird durch die Regierungskrise nun die Handbremse angezogen, was sehr schade ist“, meint Vybiral. Der KSV-Chef rechnet damit, dass die notwendigen Steuerreformen über mehrere Monate aufgeschoben wird.

Für den Wirtschaftsstandort sei dies ein weiterer Rückschlag. „Dabei wäre es genau jetzt wichtig, dass Unternehmen jetzt investieren. Und zwar zielgerecht“, sagt Vybiral. „Wann, wenn nicht in Zeiten der Hochkonjunktur, sollen sich Unternehmen auf die Zukunft vorbereiten?" Eine Frage, die nur rhetorisch gemeint war. Der KSV-Chef-Vybiral fordert mehr Anstrengung von den Unternehmen vor allem was die Digitalisierung anbetrifft, „denn die Wirtschaft steht auf wackeligen Beinen“.

Die unterschiedlichen Wahrnehmungsspektren

Was aber von den heimischen Unternehmen so nicht gesehen wird. Der KSV hat im März 2019 im Rahmen der Austrian Business Check 700 Unternehmen befragt. Nach der Eigenwahrnehmung der Unternehmen wird der Wirtschaftsstandort positiv bewertet – 15 Prozent der Unternehmen geben die Note „sehr gut“, 57 Prozent „gut“. Die Stärken der Wirtschaft sehen die Unternehmer beim Service bzw. hoher Kundenzufriedenheit (79 Prozent), Moderner Führungsstil (44 Prozent) sowie Flexiblen Arbeitsbedingungen (32 Prozent) sowie Fortbildung für Mitarbeiter (29 Prozent) und IT-Optimierung (28 Prozent).

Das Thema Digitalisierung ist bei den Stärken hingegen unter ferner liefen. Für viele Unternehmen besteht selbst noch kein Bedarf für die Digitalisierung, obwohl die Veränderungen und die Dringlichkeit den Unternehmen durchaus bewusst sei.

Die digitale Lethargie

„Mit dem Thema IT kommen wir aber gleich auch zur anderen Seite der Medaille – den Schwächen“, meint Vybiral. „Die Digitalisierung ist längst nicht überall angekommen“, sagt Vybiral. Er ortet bei dem Großteil der Unternehmen „wenig Mut für Neues“. Die Digitalisierung werde zwar als „wichtig angesehen“, aber getan werde noch immer zu wenig. Laut KSV-Umfrage hätten über 82 Prozent der befragten Unternehmen keine Digitale Agenda (siehe Grafik unten), nur 14 Prozent bekannten sich dazu, in den kommenden zwölf Monaten eine Digitalisierungsagenda zu schaffen. Für Vybiral ist "Feuer am Dach", weil 68 Prozent der Unternehmen her abwartend agieren.

„Es gibt Leuchtturmunternehmen, die sind aber einer Hand abzählbar“, sagt Vybiral. Im Vergleich zu anderen Ländern schneidet Österreich nicht gut ab. „Es gibt vergleichbare Länder, die eine digitale Kultur geschaffen haben“, sagt der KSV-CEO. Nach einem OECD-Ranking ist Österreich bei der Digitalisierung derzeit nicht unter den Top-40.

Die Kreditschützer warnen vor zu viel Selbstzufriedenheit, auch wenn die Ergebnisse noch stimmen. Zu sehr würden die Unternehmen ihren Fokus auf Prozessoptimierung richten. Elektronisches Bankgeschäft (71 Prozent), elektronische Amtswege (50 Prozent), Social Media (49 Prozent) sind die Hauptthemen, wenn es um die Digitalisierung geht.

"Das ist More of the same", sagt KSV-Chef Vybiral. Vielmehr müssten die Unternehmen in Digitale Produkte/Service (nur 28 Prozent machen das bereits) sowie die Entwicklung neuer Geschäftsfelder (14 Prozent) investieren.

Zeitprobleme, konservative Strukturen und Altbewährtes werden als Argumente vorgeschoben. Unternehmen würde zu sehr sich mit Optimierungsprozessen als mit der Neuentwicklung von Produkten beschäftigen. Die KSV-Manager orten dabei auch "fehlender Mut" neue Wege in der Digitalisierung zu gehen.

Hohe Investitionsbereitschaft

Am Geld und der Investitionsbereitschaft liegt es jedenfalls nicht. "Die Unternehmen folgen dem positiven Trend des Vorjahres", meint auch Gerhard Wagner, Geschäftsführer der KSV1870 Information GmbH. Wagner ortet eine zu weiten Teilen positive Grundstimmung. Rund 70 Prozent der Unternehmen sind mit der Geschäftslage zufrieden. Lediglich die Industrie hat deutlichen Aufholbedarf. "Das hat mit dem langen Vorlauf zu tun, die Industrie hat Planungshorizonte von drei bis fünf Jahren", so KSV1870-Information-Chef Wagner.

Im laufenden Jahr wollen immerhin knapp die Hälfte der Unternehmen ihre Investitionen erhöhen, 37 Prozent der Unternehmen die Investitionen auf der Höhe des Vorjahres tätigen, 12 Prozent wollen die Investments runterfahren. Nur acht Prozent der Unternehmen haben sich dazu noch nicht definitiv entschieden. "Wir nehmen Geld in die Hand, es wird nach wie vor investiert, aber nicht in die Bereiche, die etwa auch den Wirtschaftsstandort attraktiver machen würden.

Motive für die Investments sind die Erhaltung der Wettbewerbsfähigkeit sowie die Gewinnsteigerung.

F&E findet nicht statt

Bei der Reihung der Investments liegt bei den Befragten die Verbesserung der IT-Landschaft (44 Prozent) an der Spitze, die Aus- und Weiterbildung von Mitarbeitern (36 Prozent) und in den Bereich Werbung/PR (35 Prozent) folgen bei den Nennungen dahinter. Überraschend hoch sind die Investments in den Fuhrpark, (21 Prozent), wofür es laut Wagner "keine wirklich plausible Erklärung" gibt. Die Mobilität dürfte wichtiger sein als die Forschung und Entwicklung. „Investitionen in den Export“ und „Forschung & Entwicklung“ belegen mit jeweils vier Prozent die beiden letzten Plätze. "Forschung und Entwicklung findet nicht statt", kritisiert Wagner.

Auch bei der Kreditaufnahme ist weiterhin ein Fortschritt zu erkennen. Galten früher die von Banken verschärften Basel-II-Kriterien als Hemmnisse für die Kreditvergabe, ist der Zugang zu Krediten heute einfacher, wenn auch entsprechende Sicherheiten zu hinterlegen sind. "Wir sind im Vorwärtsgang", sagt Wagner. Visionäre Ideen sind aber eher dünn gesät.

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