Krypto-Star Yat Siu: Erst die Musik, dann die Milliarde

Er ist in Wiener Künstlerkreisen aufgewachsen. Heute gilt der in Hongkong lebende Österreicher Yat Siu in der oft rätselhaften Kryptowelt als Star. Es geht ihm um mehr als sein Geschäft: "Was ich für die Firma mache, mache ich für die Welt."

Yat-Siu, Animoca Brands

Yat Siu: In der Kryptoszene Hongkongs ist er "der Österreicher".

Mozart, ist Yat Siu felsenfest überzeugt, würde heute nicht mehr in Armut sterben. "Er hätte mehr Geld, und auch das, was er seinen Nachfahren hinterlassen würde, wäre viel umfassender." Denn heute würde das Musikgenie, hofft Siu, sogenannte NFTs verwenden, mit denen er seine Musik unters Volk bringen und mit seinen Fans interagieren würde.

Der 48-Jährige kennt sich in beiden Welten aus: bei NFTs, auf der Blockchain-Technologie basierende Non-fungible Tokens, dem letzten Schrei der Kryptowelt. Und bei klassischer Musik. Der Sohn von in den 1960ern zum Musikstudium nach Österreich gekommenen Chinesen - er sitzt nun im Board of Directors des Asian Youth Orchestras - hat in Wien das Konservatorium besucht, wo er bis 18 Klavier und Cello lernte.

Weil ihm das Komponieren schwer fiel ("ich war nicht besonders begabt"), entdeckte er für sich schon Mitte der 80er-Jahre den Computer als Kompositionsgehilfen, programmierte Musiksoftware - und landete wenige Jahre später als Computerwissenschafts-Student in den USA. Heute macht er als Unternehmer mit Hauptsitz Hongkong in einem sehr spezifischen Bereich der Digital- Kryptoszene Schlagzeilen.

Krypto-Milliardär

Die von ihm gegründete NFT-Company Animoca Brands (AU000000AB15), de facto eine Beteiligungsfirma, Siu ist nach wie vor einer der größten Aktionäre, ist nach einer Finanzierungsrunde im Mai eine Milliarde Dollar wert - ein Unicorn, wie Unternehmen mit diesen hohen Bewertungen in der Start-up-Welt genannt werden. In der Hongkonger Gründerlandschaft ist er längst ein Star, "dort ist er für viele die erste Assoziation, wenn sie 'Österreich' hören", erzählt Franz Rössler, der österreichische Handelsdelegierte. "Er dreht, was seine Netzwerke und seine Finanzierungen betrifft, richtig große Räder - das ist Big Business", sagt Jürgen Höbarth, ein in Hongkong lebender Oberösterreicher und NFT-Blockchain-Investor.

Animoca beschäftigt inzwischen rund 500 Mitarbeiter und unterhält auch in Europa Niederlassungen, etwa in Finnland, Tschechien, Berlin, London und Paris. Das größte Entwicklungszentrum befindet sich in Argentinien. Die Company arbeitet mit großen Marken wie Formel 1, MotoGP oder Walking Dead zusammen, um ihr Modell einer neuen Digitalwelt zu pushen.

Yat-Siu im Zoom-Call mit Bernhard Ecker

Yat-Siu im Zoom-Call mit Bernhard Ecker

Denn dass der perfekt Deutsch sprechende Visionär immer mehr Aufmerksamkeit bekommt, Ende August auch mit einem Auftritt am diesjährigen Europäischen Forum Alpbach in Tirol, hat damit zu tun, dass er sich nicht als irgendeinen digitalen Erfolgsmenschen sieht, sondern als Revolutionär gegen die bestehenden Verhältnisse im Internet. Sein Anspruch: "Was ich für die Firma mache, mache ich für die Welt."

Geht es nach ihm, haben die Menschen in dieser Welt künftig die Verfügungsgewalt über die eigenen Daten - bei Animoca geht es vor allem um Videospiele, doch in letzter Konsequenz sind alle digitalen Lebensbereiche betroffen, von Musik bis Sport. Auf den Philippinen, führt er aus, gebe es inzwischen rund eine Million Gamer, die dank seiner Firma zwischen 500 und 1.000 Dollar pro Monat verdienen. Siu: "Durch uns wird es möglich, die eigenen Daten zu vermarkten. Das eigene Talent kann kapitalisiert werden, es wird Digital Equity."

Der Wert der digitalen Assets

Dahinter steckt die alles überlagernde Frage, wem digitale Assets überhaupt gehören und ob sie handelbar gemacht werden können. "Alles, was online ist, gehört Facebook, Amazon &Co.", fasst der Animoca-Boss den Status quo zusammen: "Aber was gehört denen? Unsere Zeit, unsere Ideen, unsere Kreativität." Der Entrepreneur, der sich viel mit Geschichte und Soziologie beschäftigt, hält die Frage der digitalen Eigentumsrechte für das wichtigste Thema überhaupt: "Es ist das Äquivalent zu Eigentumsrechten für besitzlose Menschen vor vier oder fünf Jahrhunderten."

Anders als bei Grund und Boden oder Öl sei aber nun jeder ein potenzieller Datenproduzent und hätte deshalb quasi auch ein Recht auf Partizipation. Gelänge es nicht, das Problem zu lösen, würden jene, die heute die Daten kontrollieren, noch mehr Macht bekommen.

Das ist natürlich eine Kampfansage in Richtung Facebook und all die anderen digitalen Quasi-Monopolisten: "Warum zahlt Facebook nicht einen Anteil für das, was sie an uns verdienen, die wir ihnen die Daten liefern?", fragt er in Robin-Hood-Manier. Derzeit handle es sich noch um eine "ausbeuterische Beziehung" zwischen den Digitalplattformen und ihren Nutzern.

Als Facebook-Gründer Mark Zuckerberg Ende Juli verkündete, sein Konzern wolle ein eigenes Metaversum aufbauen - eine Art Paralleluniversum im Internet -, war das die Reaktion des Internet-Riesen auf den derzeitigen Erfolg von Firmen wie Animoca, die mit eigenen Spielen wie "The Sandbox" ein offenes Metaversum vorantreiben wollen. "Es geht bei Animoca und NFTs im Kern um nichts anderes als um die Infrastruktur für eine neue Ökonomie", sagt Insider Höbarth.

Start mit Atari

Über den aktuellen Hype hinaus geht es im Wirken des dreifachen Vaters also um mehr, und das hat viel mit seiner Biografie zu tun. In Wien als einziges Kind einer Opernsängerin und eines als Zulieferer des Textilriesen Schöps tätigen Geschäftsmanns groß geworden, ist sein Werdegang auch ein Streifzug durch Digitalisierung und Globalisierung - ein Wandern zwischen kulturellen und geschäftlichen Welten. "Wie ich heute denke, hat viel damit zu tun, was ich in meinen ersten 18 Lebensjahren in Wien erlebt habe", sagt er. Aus seinen Kindheits- und Jugendjahren hat er noch eine ganze Menge in Erinnerung: nicht nur Schnitzel, Erdäpfelsalat und Kaiserschmarren sowie den trend, den sein Vater las, sondern auch den Aufstieg von Jörg Haider, den Bundespräsidentschaftswahlkampf 1986, der Kurt Waldheim zum Staatsoberhaupt machte. "Welches China-Restaurant haben deine Eltern?", war die Standardfrage von Gleichaltrigen, erzählt er.

Neben den Künstlerfreunden der Mutter, in deren Gesprächen es nie um Geld, aber fast immer um Menschlichkeit und Kunst ging, war für den Heranwachsenden aber auch die Einsamkeit prägend. Die Mutter war viel auf Tour, das Kind oft monatelang allein. Diese Erfahrung ließ seinen Atari-ST-Computer zum besten Kameraden werden. Und zum Startpunkt seines eigenen Business.

Atari hatte früh die Talente des noch minderjährigen Auslandschinesen in Wien entdeckt, ihn engagiert und ihm ein Studium in den USA ermöglicht. Mit Service für Atari-Kunden erwirtschaftete er dann auch sein erstes Geld, nachdem der kalifornische Computer-Hersteller - heute Animoca-Partner bei The Sandbox - wegen einer Geschäftsänderung als Sponsor ausgefallen war.

Perspektive Börse

1995 zog er nach Hongkong und gründete dort den ersten Internetprovider der damaligen britischen Kronkolonie, den er 2009 an IBM verkaufte. 2014 startete er mit Animoca, zunächst auf Mobile Games fokussiert, vier Jahre später wagte die junge Firma den Sprung in die Kryptowelt mit NFTs. Da wurde ein Bitcoin um rund 3.000 Dollar gehandelt. "Digitale Token als Geschäftsmodell vorzustellen, war eine verdammt harte Sache", lacht er.

Heute steht die populärste Internetwährung bei über 40.000 Dollar. Siu wurde vom Weltwirtschaftsforum in Davos zum Young Global Leader ernannt, er ist begehrter Ansprechpartner zum Thema digitales Eigentum. Animoca könnte, falls sich die großen Börsen regulatorisch für Kryptowerte öffnen, einer der nächsten großen Börsengänge der Branche werden. Prinzipiell sei die Firma dazu bereit, erklärt Siu, "aber wir haben keine große Eile. Wir wachsen ohne den regulatorischen Rahmen schneller."

Mit anderen Worten: Wandern zwischen den Welten kann auch im Geschäftsleben Vorteile haben.


Der Artikel ist dem trend.PREMIUM vom 15. Oktober 2021 entnommen.

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